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Projekt „Asylothek“


Datum: 
10.11.2015

Die Stadtbücherei Regen ist beispielhaft, wie Integration von Asylbewerbern durch Büchereien funktioniert.

 

Asylothek. So heißt das neue Projekt des Sankt Michaelsbundes Bayern. Und wie der Name bereits vermuten lässt, hat es mit Asylbewerbern und Bibliotheken bzw. Büchereien zu tun. Die Diözese Passau hat insgesamt 15.000 Euro an Sondermitteln zum Aufbau von Asylotheken im Bistum zur Verfügung gestellt. Die Stadtbücherei Regen ist eine der Büchereien, die sich am Projekt beteiligen. Hier ein Videobeitrag zum Projekt Asylothek in Regen:

 

Ein Gastbeitrag von Frau Dr. Marianne Hagengruber, Leiterin der Stadtbücherei Regen.

„Hast du Lexikon“

Die „Asylothek“ hilft Flüchtlingen, in der Fremde schneller heimisch zu werden

Es wird eine Menge getan, damit sich Asylbewerber in Deutschland schneller zu Hause fühlen. Ein wichtiger Beitrag dazu ist das Projekt „Asylothek“, das der Sankt Michaelsbund ins Leben gerufen hat. Damit geben Büchereien Asylbewerbern die Möglichkeit, für sie verständliche Bücher in ihrer Muttersprache auszuleihen und sich so in das örtliche und öffentliche Leben am Ort zu integrieren. Die Diözese Passau hat für den Aufbau von „Asylotheken“ kurzfristig insgesamt 10.000 Euro Sondermittel zur Verfügung gestellt, die von den katholischen Büchereien zum Großteil bereits abgerufen wurden. Man will damit auch die Ehrenamtlichen vor Ort in ihrer Arbeit unterstützen. Wie der Weg zur interkulturellen Bibliothek aussehen kann, hat Dr. Marianne Hagengruber am Beispiel der Stadtbücherei Regen zusammengefasst. Mit freundlicher Genehmigung haben wir ihren Bericht aus dem Magazin des Sankt Michaelsbund (Treffpunkt Bücherei, Heft 3/2015) übernommen.

Lexika haben wir. Eine ganze Reihe, und diese Reihe zeigte ich ihr. Eine junge dunkelhäutige Frau mit vielfach bunt gewickelten Kleidern war die erste Kundschafterin aus einer fremden Welt. Sie brachte erst ihren Sohn, später ihre Tochter in den benachbarten Kindergarten, und dann kam sie in die Bücherei, nutzte unseren Internetplatz für Botschaften nach Hause und von zu Hause, sie redete und horchte in diesen PC hinein, manchmal sang sie minutenlang berührende Lieder, vielleicht hatte sie größere Kinder zu Hause gelassen. Das erste Wort, das sie zu uns sagte, war: „Kaffee?“ Und dann, Tage später: „Hast du Lexikon?“
Damals stellte ich mir die afrikanischen Sprachen noch zu ihren Kolonialmächten gehörig vor, und ich fragte: „Englisch? Französisch? Portugiesisch?“ Energisches Kopfschütteln. Somali!
Auch wir mussten viel lernen. Nicht nur, dass es eine somalische Sprache gibt, sondern auch eine eritreische, wie die Länder Afrikas angeordnet sind auf der Karte und in der politischen Wirklichkeit, woher die Flüchtlinge kamen und die Gründe für ihre Flucht. Damals konnten wir uns noch nicht vorstellen, dass es ein Lexikon Somalisch-Deutsch überhaupt geben könnte.
Die Familie zog dann weiter, denn die Fluktuation ist groß. Hunderte von Flüchtlingen kommen Tag für Tag in Ostbayern an. Im Landkreis Regen halten sich derzeit ca. 500 Asylbewerber auf, ihre Zahl ändert sich von Tag zu Tag. Davon entfallen etwa 160 auf die Stadt Regen. Einhundert Syrer haben sich hier bereits niedergelassen, denn es gibt günstige Wohnungen und großzügige Hilfe. Sprachpaten und Betreuer machen die Asylsuchenden oder bereits anerkannten Kriegsflüchtlinge mit den ersten Wörtern der deutschen Sprache bekannt. Dazu suchten sie Hilfe in der Stadtbücherei, und in Zusammenarbeit mit ihnen erstellten wir eine Liste wünschenswerter Bücher. Wir schafften CDs und Lehrwerke, illustrierte Grammatik- und Wortschatzwerke an, die visuellen Wörterbücher arabisch-deutsch sowie die Arbeitshefte des Thannhauser Modells. Diese Medien können nun ausgeliehen und für den formlosen Spracherwerb genutzt werden.
Sprache und Schrift völlig neu zu lehren und zu lernen, das war eine besondere Herausforderung auch für bewährte Lehrer, deshalb schienen Bildwörterbücher auf allen Stufen des Spracherwerbs erst einmal ein sinnvoller Grundstock zu sein. Auch Lernspiele und leicht zu lesende Kinderbücher finden ihren Platz in der neu eingerichteten Asylothek, die nahe am Eingang zusammen mit einem Arbeitstisch und Stühlen eingerichtet wurde.
Diese Erstausstattung, die zu einer „interkulturellen Bibliothek“ anwachsen soll, wurde finanziert vom Förderverein „Freunde der Stadtbücherei Regen“. Der Vorsitzende, Karl-Heinz König, hatte in „Treffpunkt Bücherei“ über die Asylothek in Grassau gelesen und überzeugte seine Vorstands-Mitglieder von der Notwendigkeit solch einer Einrichtung auch für die Stadtbücherei Regen. Zur Eröffnung dieser Abteilung wurden die entsprechenden Betreuer eingeladen, die teilweise schon über Jahre ihr Unterrichtsmaterial selbst erarbeitet hatten und dieses auch zur Verfügung und in das entsprechende Regal einstellten. Bei diesem Anlass ergaben sich nützliche Bekanntschaften und Netzwerke für eine Arbeit, deren Ende noch längst nicht abzusehen ist.