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Ritzen, verbrennen und schneiden: Wenn Jugendliche sich selbst verletzen.


Datum: 
11.05.2017

Fortbildung des Bischöflichen Schulreferates bietet Lehrkräften und Verantwortlichen Hilfe im Umgang mit betroffenen Jugendlichen

 


Suizidalität und selbstverletzendes Verhalten – das waren die Themen einer intensiven Fortbildung, die das Bischöfliche Schulreferat des Bistums Passau am 9. Mai im Haus Spectrum Kirche angeboten hat. Schülerinnen und Schüler, die sich in ausweglos scheinenden Situationen das Leben nehmen oder die sich regelmäßig selbst verletzen sind unter deutschen Jugendlichen keine Seltenheit. „Etwa ein Drittel aller Jugendlichen hat zumindest einmalig Erfahrung mit selbstverletzendem Verhalten gemacht“, sagt Prof. Dr. Paul Plener, leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Er hat als Fachreferent Lehrerinnen und Lehrer aus dem Bistum Passau sowie Krisen- und Notfallseelsorger darüber informiert, wie man mit betroffenen Jugendlichen umgehen kann. Denn häufig ist die Schule der erste Ort, an dem derartige Verhaltensweisen auffällig werden, berichtet Erdmute Fischer vom Bischöflichen Schulreferat, die die Veranstaltung organisiert hat. Weit über die Hälfte der Fortbildungsteilnehmer sind bereits mit dieser Thematik konfrontiert gewesen. Das zeigt, dass das Thema keinen Halt vor den Klassenzimmern macht, egal welchen Schultyps.

Dr. Paul Plener vermittelte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor allem, wie Jugendliche im Alter bis 16 Jahren „denken und wie sie sich verhalten“. Für Erwachsene sind tiefgreifende emotionale Prozesse oft nicht nachvollziehbar. Entgegen anderslautender Meinung, werde selbstverletzendes Verhalten nicht zur Schau getragen, erklärte Dr. Plener. Oftmals seien es Freunde der Betroffenen, die sich an Vertrauenspersonen wenden. Ein weiterer Hinweis ist manchmal auch langärmelige Kleidung im Sommer, da Jugendliche so versuchen ihre Narben zu verstecken. Einige wiederum lassen sich vom Sportunterricht befreien. „All das können Ansatzpunkte sein“, so Dr. Plener weiter. Selbstverletzendes Verhalten wird nicht immer mit dem Ziel unternommen, das eigene Leben zu beenden. Jugendliche ritzen, schneiden, kratzen sich auf oder fügen sich Verbrennungen zu „aus Gründen der Emotionsregulation“, wie Plener erklärte. Dadurch würden negative emotionale Lagen beendet. Es erfüllt den Zweck, dass ein Gefühlszustand, der von Wut, Trauer, Anspannung geprägt ist, für den Moment beendet wird. „In aller Regel kommt es nach kurzer Zeit wieder zu einem negativen Gefühlszustand und dann ist man oft in einer Schleife gefangen.“

Die Lehrkräfte, Mitarbeiter in der Schulpastoral oder Krisenseelsorger an Schulen sind in einer wichtigen Position, wenn es darum gehe den ersten Kontakt zu betroffenen Schülerinnen und Schülern aufzunehmen und weitere Schritte in die Wege zu leiten. Wichtig sei es die Scheu zu brechen und das Thema anzusprechen. „Denken Sie nicht, dass Sie etwas schlimmer machen“, betonte Plener. Er riet zur „respektvollen Neugier“. Das heißt, dass es die Lehrkraft interessieren darf, wobei das selbstverletzende Verhalten dem Jugendlichen hilft. Respekt bedeutet, dass das Gespräch über die Selbstverletzung in den darauffolgenden Gesprächen immer kürzertreten müsse, sonst würde sich die Beziehung darüber definieren. „Wichtig ist es ein Experte darin zu werden, wer die Kooperationspartner sind, wenn es um weitergehende Hilfen geht“, so Plener weiter. Sei es von Seiten der Jugendhilfe oder der Kinder- und Jugendpsychotherapie. Und auch hier gab es wichtige Tipps und Hinweise.
„Eine informative Fortbildung für die Anwesenden, die auch genug Zeit für Rückfragen und Austausch geboten hat“, fasste Erdmute Fischer die Fortbildung zusammen. „Die Schule hat sich vom Lernort zum Lebensort gewandelt. Der Lehrer ist längst nicht mehr nur für Bildung zuständig, sondern wird immer mehr zur Bezugs- und Vertrauensperson“, fuhr sie fort. Deswegen bietet die Abteilung Schulische Fortbildung des Bischöflichen Ordinariates unterschiedliche Fortbildungen an, um die Lehrkräfte bestmöglich zu unterstützen, sie in ihrer neuen Rolle mit Handlungskompetenzen auszustatten und präventiv zu arbeiten.

Fotos: pbp/ Pfarrbriefservice: Fritz Schuhmann