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Das Ende der Gewalt


Datum: 
15.02.2017

Da Jesus bereit war, der Gewalt bis zum Ende zu widerstehen, hat er der Gewalt ein Ende gesetzt
Das heißt aber auch: Hinter Jesus hergehen, ihn nachfolgen - und damit in die Spuren seiner Gewaltlosigkeit treten.....

 

 

Vor kurzem wurde Donald Trump gefragt, ob es eine Bibelstelle gebe, die ihm besonders wichtig sei. Daraufhin meinte der US-Präsident, da gebe es viele, aber „Auge um Auge“, das treffe wohl zu. Es sei „nicht besonders nett“, aber man sehe doch, wie andere Länder „uns verspotten und … unsere Jobs wegnehmen … Wir müssen sehr stark sein und wir können viel aus der Bibel lernen, das kann ich Ihnen sagen.“ Donald Trump versteht „Auge um Auge“ offensichtlich als eine Aufforderung, sich nichts gefallen zu lassen, es denen, die einen beleidigen oder einem schaden wollen, mit gleicher Münze heimzuzahlen – und das nicht nur individuell, sondern kollektiv: Amerika wird der Welt zeigen, wer der Stärkere ist!

Mit dieser Lesart der Bibel gibt der US-Präsident ein Beispiel dafür, wie aktuell und notwendig die Weisung Jesu in der Bergpredigt ist. Die natürlichste Reaktion auf die Erfahrung von Gewalt ist die Gegen-Gewalt. Das erleben schon die Dreijährigen im Kindergarten, das setzt sich fort in der Schule und oft auch am Arbeitsplatz. Gewalt – das sind nicht nur fliegende Fäuste und Fußtritte, das sind auch Worte, die einen anderen erniedrigen oder verletzen, oder ein Verhalten, das jemanden isoliert oder demotiviert, bis er freiwillig seinen Hut nimmt. Insofern hat jeder Mensch seine Gewaltgeschichte, als Opfer, wohl auch als Täter.

Die Regel „Auge für Auge und Zahn für Zahn“, die Jesus in der Bergpredigt zitiert (Mt 5,38), stammt aus dem Buch Deuteronomium und steht eigentlich für einen Fortschritt im Rechtsbewusstsein Israels. Erlittene Gewalt soll nicht willkürlich gerächt werden, die Strafe muss im Verhältnis zum angerichteten Schaden stehen – eben: ein Auge für ein Auge. Die Regel will vermeiden, dass ganze Familien gegeneinander Krieg führen und generationenlang Hass und Feindschaft gesät wird.

Aber für Jesus trifft die Regel noch nicht das Eigentliche. Für ihn heißt es nicht: Auge für Auge, sondern: Auge in Auge. Im Christentum herrscht „Wahrnehmungspflicht“ und eine „Mystik der offenen Augen“ (Johann Baptist Metz): der Feind wird nur zum Freund, wenn ich als erster bereit bin, ihn wie einen Freund zu behandeln, wenn ich den Kreislauf der Gewalt durchbreche, indem ich erlittene Gewalt eben nicht mit Gegen-Gewalt beantworte, sondern mit dem Hinhalten der anderen Wange. Zwischen den beiden Ohrfeigen treffen für einen Moment der Blick des Täters und der des Opfers zusammen. Vielleicht hält der Täter dann inne, erkennt das begangene Unrecht und bittet um Verzeihung. Vielleicht aber auch nicht, und man bekommt es doppelt und dreifach. Das ist das Risiko, das man eingehen muss, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Einer ist dieses Risiko eingegangen und hat dabei alles verloren, was ein Mensch verlieren kann: Ansehen, Freiheit, körperliche Unversehrtheit, am Ende sein Leben. Aber weil Jesus bereit war, der Gewalt bis zum Ende zu widerstehen, hat er der Gewalt ein Ende gesetzt. „Die Gewalttat der Menschen gegen ihn wandelt er von innen her in einen Akt der Hingabe an diese Menschen um … Er beendet die Gewalt, indem er sie in Liebe verwandelt. Der Akt des Tötens, des Todes wird in Liebe umgewandelt, Gewalt durch Liebe besiegt … Das ist die eigentliche Verwandlung, die die Welt braucht und die allein die Welt erlösen kann“ (Joseph Ratzinger).

Hinter Jesus hergehen, ihm nachfolgen – das heißt auch: in die Spuren seiner Gewaltlosigkeit treten, die andere Wange hinhalten, die Feinde wie Freunde behandeln und so (und nicht anders!) „Söhne“ (wie Töchter) „des himmlischen Vaters“ (Mt 5,45) zu werden. Das ist die ungeheuer positive Motivation, die eigentliche Aussicht unseres Christseins, auf die uns das Evangelium hinführen will. Wer der Gewalt aus dem Weg geht und sich auf die Seite der Opfer stellt, der stellt sich auf die Seite Gottes, der wird Teil seiner Familie und einmal Mitbewohner des Himmels.

Die Liebe, zu der Jesus einlädt, ist riskant, aber sie weitet den Blick, sie überspringt Mauern und überwindet Gräben, die Menschen voneinander trennen.
Habe auch ich eine Lieblingsstelle in der Bibel? Vielleicht diese: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,21)       

 

Dr. Manuel Schlögl
habilitiert sich an der Univ. Wien und
arbeitet als Pfarrvikar im Pfarrverband Passau-St. Anton