Bischof Schraml feierte Gottesdienst in Altötting


Datum: 
15.08.2010

 Passau/Altötting (iop). Eines der ältesten Marienfeste, das Hochfest „Mariä Aufnahme in den Himmel“, wird in der katholischen und orthodoxen Kirche traditionsgemäß am 15. August gefeiert. Es ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts in Jerusalem bezeugt und wurde schon im 6. Jahrhundert in Europa begangen.

Am 1. November 1950 formulierte Papst Pius XII. das Dogma der leiblichen Aufnahme in den Himmel. Er holte so gewissermaßen das in Worten ein, was seit gut 13 Jahrhunderten liturgisch bereits gefeiert wurde. Das Fest verdeutlicht, wo Mensch und Schöpfung wirklich ihre Heimat finden. 

Eine Besonderheit dieses Festtages ist die in vielen katholischen Kirchen übliche Kräutersegnung. Dabei werden Gewürz- und Heilkräuter, die für die Region typisch sind, gesegnet. Dieser Brauch unterstreicht die Einheit von Mensch und Natur als Schöpfung Gottes sowie die Verbundenheit der Schöpfung mit ihrem Schöpfer. In vielen Marienwallfahrtsorten, wie etwa in Altötting, ist „Mariä Himmelfahrt“ ein großer Wallfahrtstag.

Der Passauer Diözesanbischof Wilhelm Schraml feierte am Fest „Mariä Himmelfahrt“ in Altötting Eucharistie.

Im Wortlaut die Predigt von Bischof Schraml: 

Der Weg Gottes in die Welt führt über Maria. „Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virginae, et homo factus est. – Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“ Unser Weg zu Gott kann deshalb an Maria nicht vorbeigehen. Ja, wir können sagen: Der Weg des Menschen zu Gott führt ebenfalls über Maria. „Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat,“ bekennen wir froh und dankbar am heutigen Festtag.

Maria ist eine von uns, sie ist unsere Schwester. Sie ist ein Glied unserer Menschheitsfamilie. Was Maria als Erste der Menschen empfängt, geht uns alle an. Mit Recht schreibt der Apostel Paulus an die Christen von Korinth: „Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm“ (1 Kor 12,26). 

„Sei gegrüßt, die Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28), sagt der Engel zu Maria in Nazareth. Und zu uns sagt Gott durch den Propheten Jesaja: „Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir“ (Jes 43,1).

Nicht gesellschaftliche Annahme oder parteipolitisches Wohlergehen geben dem Menschen Würde und Ansehen, Hoffnung und Zukunft. Der Mensch ist von Gott gewollt, er ist von ihm geliebt. Deshalb ist er erwählt, einmal für immer bei ihm zu sein in der Herrlichkeit des Himmels, wo kein Tod mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal (vgl. Off 21,4). Darin liegt letztlich unsere einzigartige Würde begründet: dass wir Kinder Gottes sind, Brüder und Schwestern Jesu Christi, der durch das Jawort der Jungfrau Maria Mensch geworden ist. 

Vom Kreuz herab sagt Jesus zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“ und dann heißt es weiter: „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,27). Die Mutter des Herrn ist den Menschen nicht fremd. Und die Menschen sind der Mutter des Herrn nicht fremd. Überall auf der ganzen Welt ist sie zu Hause. Auch hier in Altötting erfahren das die Menschen über die Jahrhunderte hinweg. Hier versammeln sie sich als das pilgernde Volk Gottes um Maria, ihret Mutter, und bitten um ihren Schutz und Segen in den Nöten und Gefährdungen ihres Lebens. Hier erflehen sie Wohlergehen und Frieden für die Menschen und für unser Land. 

Bei der Hochzeit in Kana entdeckte Maria als erste, dass der Wein für die Hochzeitsgäste ausgeht. Und sie weist ihren Sohn darauf hin: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und wie damals in Kana, so ist sie die mächtige Hilfe der Christen geblieben. Maria wird auch heute und in Zukunft ihren Sohn auf unsere Leiden und Nöte hinweisen und zu ihm sagen: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Aber vielleicht sagt sie heute: Sie haben keinen Glauben mehr, keine Liebe, keine Hoffnung. Das alles ist zu brüchig und zu schwach geworden, als dass die Menschen in eine gute Zukunft gehen können. Und wie damals in Kana, so kann Maria auch heute das Herz ihres Sohnes zu unseren Gunsten bewegen. Denn Jesus vermag auch heute noch Wasser in Wein zu verwandeln, Verlust in Gewinn, Verzweiflung in Hoffnung, Sünde in Heil; er kann aus dem Minus ein Plus machen.

Der Weg des Menschen zu Gott führt über Maria. Sie geht nach ihrem Tod direkt mit Leib und Seele zum Vater im Himmel. Wer sich – wie Maria – Gott ganz übergeben hat, der wird von Gott auch ganz übernommen. Ein solches Leben kann nicht scheitern, denn es findet seine Vollendung durch Gott und nicht durch die Menschen. Im Mund eines Christen gehören deshalb nicht die Worte „vergebens“ und „umsonst“. Bei Gott geht nichts verloren, auch wir selber nicht. 

Seit Gott Mensch geworden ist durch Maria, hat unser Dasein eine neue, eine göttliche Qualität erhalten. Wo man aber den Himmel nach oben gleichsam luftdicht abschließt, dort geht die Sonne auf Erden unter, dort verliert der Mensch seinen Glanz und die Gesellschaft ihre Lebensqualität und Zukunft. Maria will, dass ihr Sohn mit uns rechnen kann und sich auf uns verlassen kann. Maria will, dass wir zu Christus stehen, auch wenn es in unserem Leben dunkel wird, wie am Karfreitag auf Golgotha. Gerade dann sollen wir uns wie die Urgemeinde im Abendmahlsaal zu Jerusalem um Maria scharen und innig beten um den Geist der Wahrheit und der Stärke, des Trostes, des Rates und der Frömmigkeit. Für die Kirche ist dies geradezu eine Wesensbeschreibung, dass sie sich um die Mutter Jesu versammelt. Denn Maria bringt uns Christus mit. 

Wir begehen heute am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel die Vorfeier unseres eigenen Osterfestes, unserer eigenen Auferstehung. Wir feiern unsere Zukunft. Gott spielt nicht mit uns, um uns dann wieder fallen zu lassen. Wir fallen bei unserem Sterben in die Hände Gottes und Gottes Hände sind immer gute Hände. Gott macht – wie Maria im Magnificat singt – den Menschen groß. Gott erniedrigt und demütigt den Menschen nicht. Das macht nur der Mensch. Gott erhebt uns und erhöht uns, wie er an Maria getan hat, weil er uns liebt. „Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat.“ Gott ist der, der sich in Barmherzigkeit zu den Menschen herabneigt und die Menschen zu sich hinaufzieht. 

Wir haben wahrhaftig Grund, ein wenig mehr mit erhobenem Haupt durchs Leben zu gehen. Wir sind nicht besser als die anderen Menschen. Aber unser Gott ist es, der uns bei sich sehen und haben möchten mit Maria, der Mutter seines Sohnes, geziert mit der Krone unserer Gotteskindschaft. 

Der große Frauentag, wie man auch das heutige Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel im Volk nennt, ist der Tag des Menschen. Er ist unser aller Tag, weil er uns mit vertrauensvoller Hoffnung in die Zukunft schauen lässt, die uns verheißen ist. Wer das glaubt, wer das wirklich mit seinem Herzen glaubt, dem wird Gott eines Tages sagen: „Selig bist du, weil du geglaubt hast.“