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Bischof emeritus Dr. Franz Xaver Eder


Datum: 
21.06.2013

Ein Leben in den Blick genommen:
Im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit

Am 4. November 2010 ist er 85 Jahre alt geworden. Von 1984 bis 2001 hat er als 83. Bischof die Diözese Passau geleitet. Seinen Primizspruch hat er auch zum Wahlspruch als Bischof genommen: „Im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Damals hat Bischof emeritus Dr. Franz Xaver Eder in ganz persönlicher Sicht die Jahre vorüberziehen lassen. Wir erinnern:

 

1 bis 10 Jahre
Die kleine Familie ohne Vater muss zusammenhalten

Meine Mutter, meine Schwester Adelgunde und ich. Wir waren eine kleine Familie, damals in Pfarrkirchen. Meinen Vater habe ich nicht mehr gekannt. Er ist verstorben, da war ich noch nicht zwei Jahre alt, meine Schwester lag noch im Wickelkissen. Aber unser Vater war immer gegenwärtig. Meine Mutter hat häufig von ihm geredet. Er war natürlich auch lebendig, weil wir alle Tage für ihn gebetet haben. Die Verwandten haben sich sehr um uns angenommen. Weil der Vater so früh starb, hatte unsere Mutter nur eine sehr kleine Beamten-Pension. So ist sie, als wir größer wurden, wieder berufstätig geworden - und damit wir Kinder schneller selbstständig. Jeder hatte seine familiären Aufgaben. Ich war auch mit dem Essenholen beauftragt. Ich habe es sogar fertiggebracht, die drei Töpfe, die da aufeinandergesetzt waren, auf dem Fahrrad nach Hause zu balancieren. Wir haben alle recht zusammengehalten. Dieses Füreinander und Miteinander in der Familie hat mich geprägt und ist geblieben.
 

 

11 bis 15 Jahre
Ministrant in gefährdeter Zeit

Schon früh bin ich zu den Ministranten gekommen. Mich hat der Dienst am Altar sehr beeindruckt. Diesem Geschehen am Altar bin ich mit sehr viel Innerlichkeit gefolgt. Überhaupt hat sich in diesen Jahren ein Teil meines Lebens in der Sakristei abgespielt. Sicherlich nicht immer zur Freude des Mesners und des Pfarrers, weil wir manchmal auch richtige Laus-Buben Gottes sein konnten. Im Gymnasium in München hat mir anfangs das Heimweh sehr zugesetzt, aber neue Freunde bei den Domministranten haben mir bald darüber weggeholfen. Natürlich haben wir Schüler auch etwas von den Gefahren der NS-Zeit verspürt. Die Geschwister Scholl wurden mir zum Begriff, wenngleich wir keinen direkten Kontakt hatten. An einer Litfasssäule in der Neuhauser Straße – ich könnte heute noch genau die Stelle zeigen – habe ich dann das Plakat von der Hinrichtung der Geschwister Scholl gesehen und es voll Betroffenheit wiederholt gelesen. Ich will das nicht vergleichen, aber wir Domministranten haben auch zu den Kreisen gehört, die verdächtig waren und von der Hitlerjugend beobachtet wurden. Wir haben gemerkt, unter welcher Gefährdung man lebt, unser Kaplan weit mehr als wir.

 

17 bis 21 Jahre
Im Krieg verletzt

Nach drei Monaten Arbeitsdienst sollte ich zum Soldaten ausgebildet werden. Ein Obergefreiter sprach mich an und wollte meinen Beruf wissen. Ich sagte Gymnasiast. Darauf seine Frage: „Möchtest du ein Pfarrer werden?“ Es war der spätere Pfarrer von St. Donat in Kärnten. Selber Theologiestudent, holte er junge Leute zusammen, die auf einer Wellenlänge lagen. Mit ihm sind wir zum Gottesdienst marschiert. Wir haben gewusst, dass der Krieg seine Sache nicht ist. Schon beim ersten Einsatz gerieten wir mitten in den Rückzug aus Rußland und ziemlich unter Beschuss. Ein Granatsplitter bohrte sich in meinen rechten Arm. In diesem schmerzvollen Moment war ich zum ersten Mal richtig vernünftig. Ich drückte mich fest in den Boden und wartete regungslos, bis es dunkel wurde. „Das reicht, jetzt darf nichts anderes mehr dazukommen“, sagte ich mir.
 

22 Jahre
Überleben und Heimkehren: ein Geschenk

Nach einem Lazarettaufenthalt in der Heimat geriet ich in die Abwehrkämpfe bei Aachen, in der nördlichen Eifel, und kam auch noch bei Breslau zum Einsatz. Bei Kriegsende haben wir vergeblich auf die Amerikaner gehofft. Zigtausend Gefangene waren wir, zusammengesperrt von den Russen in einem Waldlager: ein großes Hungerlager. Es folgte der Transport nach Georgien zur Arbeit an einem Bergwerk. Die Verwundung brach wieder auf. Ich wurde heimgeschickt. Am 2. Januar 1948 abends schlich ich um den Bahnhof in Pfarrkirchen: ein junger Mann, ohne Haare auf dem Kopf, mit einem zerrissenen Mantel, einer Pelzmütze und in Holzschuhen. In dieser Zeit ist alles bedeutsam gewesen. Weil jeder Tag, den man noch erlebt hat, ein Geschenk war. Ich habe gemerkt: Es gibt nur einen Weg für den Menschen, den des Evangeliums.
 

23 bis 28 Jahre
Die Karriere läuft niemandem davon

Was wird mit mir jetzt? In einem „Sonderkurs für Heimkehrer“ konnte ich das Abitur nachholen. Unser Kaplan in Pfarrkirchen ist auf mich zugekommen und hat mich auf dem Weg in das Priesterseminar gebracht. Der Rektor der Hochschule hat mich während des Studiums einmal in sein Büro zitiert und auch meine „Überalterung“ angesprochen. Er wollte mich trösten und meinte, in der Kirche würde niemandem die Karriere davonlaufen. Dieses eine Wort „Karriere“ störte mich. Am liebsten hätte ich es ihm ins Gesicht gesagt. Kurz darauf sollte er Bischof werden. Jetzt verstand ich diesen Ausspruch erst, geärgert hat er mich trotzdem.

 

39 Jahre
Regens im Priesterseminar

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Mit diesem Spruch aus dem zweiten Brief des heiligen Paulus an Timotheus habe ich als Priester begonnen und bin nach abwechslungsreichen Jahren von einer Pfarrei, über Jahre im Seminar St. Valentin und im Ordinariat zurück nach Domplatz 5 gekommen. 1968: Die Studentenschaft in aggressiver Unruhe. Die Gesellschaft im Umbruch. Die Kirche im Aufbruch. Es war auch im Priesterseminar und an der Hochschule eine Zeit der Herausforderung, der intensiven Beschäftigung mit der Frage, wie diese Kirche ihrer Zeit die Botschaft Jesu Christi vermitteln kann. Das II. Vatikanische Konzil brachte neue Impulse und damit Schwung herein in unsere Kirche. Wir spürten aber auch, dass sich die Bedingungen in der Seelsorge ändern.

 

51 Jahre
Noch einmal: „Adsum“

Es war der Wunsch von Bischof Dr. Antonius Hofmann, dass ich an seiner Seite Weihbischof würde. Ich habe ihm meine Bedenken mitgeteilt. Plötzlich steht man da doch noch ganz anders in der Verantwortung. Kann ich das, will ich das? Da traut einem der Bischof und die Kirche so etwas zu. Werde ich dem aber wirklich gerecht? Zunächst waren es mehr Fragen, die sich auftürmten, als Antworten. Dann bin ich also Weihbischof geworden. Eigentlich war das wie damals bei der Priesterweihe. Man sagt erneut: „Adsum – ich bin bereit“. In dem festen Bewusstsein, dass das wirklich nur mit Gottes Hilfe geht.

 

59 Jahre
Vom Primizspruch zum Wahlspruch als Bischof

Der Dienst an der Seite des Bischof Antonius hat mir viel Freude gemacht. Er war froh, dass er jemanden hatte, der ihm etwas an Arbeit abgenommen hat. Aber er war der Bischof und ist vorangegangen. Es zeichnete sich ab, dass ich ihm nachfolgen sollte. Wie schon einmal als Regens, jetzt als Bischof. Das hat mich innerlich stark umgetrieben. Zunächst hieß das Bischofskoadjutor mit Recht der Nachfolge. Bischof Antonius feierte seinen 75. Geburtstag. Einige Wochen später wurde in Rom sein Rücktrittsgesuch angenommen. „Im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Wieder blicke ich zurück zum Beginn meines priesterlichen Dienstes. Alles hat sich verändert. Meinen Primizspruch wollte ich aber auch als 83. Bischof von Passau behalten, um aus der Mitte der Kirche ihr voranzugehen.

 

60 bis 75 Jahre
Fest in Gott verwurzelt, nahe bei den Menschen

Wir leben als Kirche nicht auf einer Insel. Die Unruhe in der Gesellschaft, die ungeheueren Probleme der Menschen. Das alles geht an uns nicht vorbei: Der Bruch in Kultur und Lebensgefühl mit einem ungebremsten Egoismus. Die Globalisierung und Technisierung mit ihrem Fortschrittswahn. Auch die steigende Arbeitslosigkeit. Da bricht die Frage nach den echten Werten im Leben auf, nach tragfähigen Überzeugungen, nach Leben-Dürfen und Leben-Können überhaupt. Man muss genau hinhören, was die Zeit und die Verhältnisse erfordern. Und wir können antworten im festen Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Die Kirche hat dann ihre Stärken, wenn sie sich ganz auf Gott und den Auftrag Jesu Christi einlässt. Er ruft und stärkt sie zum konsequenten Einsatz für die Menschen. In Gott verwurzelt, nahe bei Gott, heißt nahe bei den Menschen sein. So haben wir es im Passauer Pastoralplan 2000 formuliert. Dann ist die Kirche glaubwürdig und darf die Gesellschaft auch herausfordern. Sie muss es geradezu. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Es ist Kirche da, es ist das Evangelium da.

 

75 bis 80
Den Hirtenstab weitergereicht

Jetzt bin ich der Bischof emeritus. Der Hirtenauftrag für die Diözese, sichtbar im Bischofsstab, ist in andere, neue Hände übergeben. Ich darf, soweit ich kann, noch mithelfen in der Kirche von Passau. Ob alles recht war, ob alles recht wird, liegt sowieso nur bis zu einer gewissen Grenze in unserer menschlichen Hand. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott in seinem Erbarmen all die unfertigen Dinge ganz, oder anders gesagt, heil macht. Mir fällt in Anlehnung an Albert Schweitzer ein: Es weiß keiner von uns, was er wirkt und was er Menschen gibt. Es ist für uns verborgen und soll es bleiben. Manchmal dürfen wir ein klein wenig davon sehen, um nicht mutlos zu werden.

 

80 bis 85 Jahre
Mithelfen voll Hoffnung und an der Brücke zu den Nachbarn bauen

Es ist schön für mich, auch im Alter in unserem Bistum noch mithelfen zu können. Mit großer Freude habe ich Firmungen übernommen. Die Begegnung mit jungen Menschen schenkt einem selbst immer wieder einen Strahl der Hoffnung. Das ist etwas, was ich auch der Jugend mit auf den Weg geben möchte: sich nicht von zeitbedingten Erfahrungen entmutigen lassen. Es freut mich, wenn sich die Kirche als Volk Gottes um den Altar sammelt. Das habe ich z.B. erlebt bei der Altarkonsekration in der Stadtpfarrkirche von Regen. Die Menschen versammeln sich in der Feier der Eucharistie, um Christus herum. Wichtig sind mir noch immer unsere Nachbarn in Böhmen, die Menschen im Grenzland. Stets habe ich mich um Aussöhnung bemüht. Ich durfte und darf auf Pfeilern, etwa eines heiligen Gotthard, die Brücke zu den Nachbarn weiterbauen.

 

87 Jahre

Ins Herz geschlossen

Angst vor dem Tod? Die kannte er nicht. Er ging bewusst und gefasst die letzen Schritte seines Lebensweges. Die Angst um das Leben hat er wohl schon als junger Mann in russischen Bergwerken zutiefst kennengelernt und konnte sie beiseite legen. Es war auch der Glaube an den Herrgott, der ihm Halt gab in den letzten Tagen. Und es war das Wissen, dass der Tod alle Menschen gleich macht, wie es in einem Kirchenlied heißt. So konnte es trotz schwindender körperlicher Kräfte mit Kraft den letzten Weg antreten; konnte mit Liebe persönlich bei so manchen Menschen Abschied nehmen, konnte besonnen auf Jesus Christus voll Hoffnung sterben.

Wenn der Altbischof am Dienstag, 25. Juni 2013 in der Gruft des Stephansdomes seine letzte Ruhestätte findet, hat das auch symbolische Bedeutung. An Stephanitag 1947 kehrte er aus der Gefangenschaft heim. Er war Student und später Regens im Priesterseminar St. Stephan. Im November 1984 trat er zum ersten Mal als 83. Bischof Passau vor den Hochaltar mit der Skulptur des heiligen Stephanus und reichte im Februar 2002 in der Kathedralkirche zum heiligen Stephan den Bischofsstab weiter. Und nun weist der Dompatron dem Verstorbenen den Weg in den Himmel. Mit Blick auf diesen Stephanus kann man das Wirken des Passauer Altbischofs in einem Satz zusammenfassen: Im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit konnte er dem Leben die Hand reichen, weil er ganz bei Gott war und den Menschen nahe war. Dies haben die Menschen gespürt. Dafür hat der Apostolische Administrator, Bischof Wilhelm Schraml, zum Tod des Altbischofs auch persönlich in einem ersten Nachruf gedankt.

Das Schlusswort soll der verstorbene Altbischof sozusagen selbst haben. Es ist sein Dank damals beim 85. Geburtstag; man  darf ihn wohl auch als einen Dank am Ende des Lebens noch einmal wiederholen:
 
„Ich vertraue darauf, dass ER, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird, bis zum Tag Christi Jesu. Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe“ (Phil 1,5-7).
 

Protokolliert von Wolfgang Duschl