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Ich war fremd...


Datum: 
22.02.2017

Zum Thema „Integration“: Begegnungen schaffen statt Grenzen hochziehen

 

Die Angst vor dem Fremden sitzt tief bei vielen Menschen in unserem Land. „Angstszenarien aufzubauen ist aber auch keine Lösung und Grenzen hochzuziehen erst recht nicht“, haben sich die Verantwortlichen in der Landvolkshochschule Niederalteich gedacht. Bei einem Begegnungstag mit rund 90 Teilnehmern wollten sie Ängste nehmen und Mut machen.

 


Fremde oder Freunde? Manchmal hilft ein Wechsel der Perspektive bei der Antwort. Beim Begegnungstag
in Niederalteich (auf dem Bild einige Teilnehmer) wurde mit Flüchtlingen und nicht über sie gesprochen. 
Foto: Uschi Friedenberger

 

Der 32-jährige Syrer Michael Salloum berichtete: „Vor zwei Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Ich bin Christ. Ich habe in Syrien gearbeitet, studiert und 2010 eine Firma mit meinem Vater gegründet. Bis 2011 hatte ich ein ganz normales Leben dort.“ Durch den Krieg in Syrien habe seine Familie alles verloren. Ausweg: Flucht. Endstation: Großköllnbach. „Dort gab es ein ganz nettes Ehepaar, das mir bei allen Schwierigkeiten geholfen hat.  Ich habe Deutsch gelernt und dann wurde ich in einer Asylunterkunft als Dolmetscher eingesetzt. Seit letztem August bin ich in der Quin-Akademie in Deggendorf fest angestellt als Kursleiter und für die Verwaltung der Flüchtlingskurse. Ich bin sehr, sehr zufrieden! Ich habe tolle Freunde.“ Am schwierigsten sei es gewesen, die Sprache zu lernen: „Aber man darf nicht aufhören zu lernen! Die Sprache ist ein Schlüssel der Integration! Das gebe ich auch an die anderen Flüchtlinge weiter. Wichtig ist, Respekt zu haben vor den Deutschen, die die Türen ihres Landes für uns geöffnet haben, und ihrer Kultur.“

Bürgermeister Martin Behringer sowie Edith Blitz und Gaby Meister aus dem Helferkreis schilderten die Situation in ihrer Gemeinde Thurmansbang. „Bei uns sind momentan noch 30 Flüchtlinge von ehemals rund 150. Wir haben eine Wohngemeinschaft, einzelne Wohnungen und die dezentrale Unterkunft“, so der Bürgermeister. „Was in der Praxis nicht so gut klappt, ist, dass man eine angemessene Wohnung findet, das ist das größte Problem. Ansonsten funktioniert es sehr gut. Zu den schönsten Momenten gehört es, wenn man Menschen in Arbeit bringt. Wir haben schon einige, die eine feste Arbeit gefunden haben.“

Das Hauptreferat hielt zuvor Prof. Dr. Paul Zulehner aus Wien. Der Pastoraltheologe: „Die eigentliche Quelle für die Ablehnung der Fremden sitzt nicht im Kopf, sondern im Bauch und ist die Angst vor dem Fremden. Und wahrscheinlich gibt´s am Ende nur ein einziges Mittel, indem man nämlich Gesichter und Geschichten kennenlernt. Also Leute trifft, mit denen spricht, ihnen zur Seite steht, dass sie Sprache lernen, dass sie Wohnraum finden, dass sie arbeiten können. Und ich hab noch niemanden gefunden, der all dieses gemacht hat und dann am Schluss noch sagt: ,Ich habe Angst vor diesen Menschen!‘ Es zeigt sich, dass gerade dort, wo keine Begegnungen möglich sind, wie zum Beispiel in Ostdeutschland, wo kaum Flüchtlinge leben, die Angst am größten
ist.“

Weitere Impulse lieferte Alexander Veit aus Berlin (Dozent Coaching und Pantomime). Es gab aber auch viel Raum für Gespräch und Begegnung. Das Bibelwort „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ stand dabei ständig im Raum. Leonie Wolf vom Stamm Hauzenberg der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg berichtete vom Café der Kulturen in Hauzenberg, das seit zwei Jahren einmal im Monat im Pfarrheim stattfindet und bei dem die Pfadfinder die Kinderbetreuung übernehmen: „Es kommen viele Asylbewerber, aber auch Einheimische, zuletzt rund 70 Leute. Das funktioniert gut: Ein Problem ist aber oft die Mobilität, wenn zum Beispiel Menschen aus Kellberg, aus Richtung Wegscheid oder Breitenberg zu dem Café  kommen möchten“.

Pfarrer Markus Krell (Röhrnbach) erzählte folgendes Erlebnis: „Vor der Kirchentür in Röhrnbach stand eines Nachmittags ein Syrer aus dem Notaufnahmelager und putzte die Kirchentüre. Auf Nachfrage sagte der Mann, der in Syrien Metallbauer von Beruf war, er sei hier so nett aufgenommen worden von der Bevölkerung und auch die Gottesdienste gefallen ihm so gut, dass er sich einfach dankbar erweisen möchte,  indem er die metallene Kirchentür wieder herrichtet.“

Auch Pfarrer Josef Göppinger (Schöllnach) brachte sich mit seinen  Erfahrungen ein: „Wir haben im Juni 2015 einen Kirchenasylanten aufgenommen. Der Jugendliche kam aus Mali und er wäre wieder nach Italien abgeschoben worden, weil er dort zuerst registriert worden ist. Er hat dann ein halbes Jahr bei uns im Pfarrhaus gewohnt. Wir haben für ihn ab September 2016 eine Lehrstelle als Bäckerlehrling finden können. Er wohnt jetzt in Schöllnach zusammen mit seinem Freund, der ebenfalls aus Mali kommt und der in Schöllnach Maurer lernt. Man darf sich nicht beirren lassen. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Aber man wird von den Flüchtlingen beschenkt durch ihre Dankbarkeit, durch ihr Vertrauen und auch durch ihren Glauben. Wir haben bisher immer Muslime gehabt. Die ziehen sich dann zurück zu ihrer Gebetszeit, halten den Ramadan. Bei der Weihnachtsfeier haben sie ein arabisches Gebet und ein Lied beigetragen.“

Es war ein kunterbunter Begegnungstag, den auch die Ämter für ländliche Entwicklung Niederbayern und Oberpfalz mitveranstaltet hatten. Da war es naheliegend, dass Helga Grömer, die Leiterin der Landvolkshochschule, resümierte: „Verschiedenheit ist das Normale! Unser Ziel war, nicht nur über, sondern mit den Leuten zu reden und Mut zu machen – und ich denke, das ist uns gelungen!“ 

>>>>>Uschi Friedenberger