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Domkapitular ruft zur Flüchtlingshilfe auf


Datum: 
23.09.2015

Appell von Josef Ederer bei Friedenswallfahrt in Heiligenbrunn – Kollekte für traumatisierte Asylbewerber-Kinder

 

Jägerwirth. Vier Polizei-Busse mit Flüchtlingen an Bord sind Domkapitular Josef Ederer am Sonntag auf dem Weg zur Friedenswallfahrt in Heiligenbrunn begegnet. Aktueller und brisanter kann der Hintergrund für diese traditionelle Gebetsstunde nicht sein. Spürbar nahe geht den rund 130 Teilnehmern auch der dringliche Appell des Predigers: „Helfen wir dort, wo wir können, so konkret wie möglich.“ Bewusst hat Ederer für die Andacht an der Marien-Pilgerstätte im Neuburger Wald die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe gewählt, wie er erklärt. „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“, zitiert er eine der entsprechenden Passagen aus dem Evangelium nach Lukas, ebenso folgende: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“ Diese Sätze seien auch für uns als gute Christen provozierend und herausfordernd, räumt der Domkapitular ein.

Doch die Flüchtlinge sind nicht unsere Feinde, sondern Menschen in Not, die Überleben, Hilfe, Perspektive und Zukunft suchten, wie Josef Ederer in seiner ergreifenden Predigt hervorhebt. Umso mehr müsse man ihnen doch zunächst das zum Leben Notwendige geben – selbst wenn keine Gegenleistung zu erwarten sei, unterstreicht der Geistliche vor den nachdenklich lauschenden Zuhörern an dem sonnigen Sonntagnachmittag in Heiligenbrunn.

Mit Unverständnis reagiert das Mitglied des Passauer Domkapitels auf Äußerungen aus der Wirtschaft und Politik, die immer wieder mal in die folgende Richtung gingen: Wer in ein paar Monaten nützliche Arbeitskraft und Steuerzahler werde, der stütze unseren Wohlstand, der solle bleiben, der sei willkommen – der Rest nicht. „Für mich ist das nicht nur unchristlich und unmenschlich, sondern einfach schäbig“, betont Ederer.

„Da kommen Menschen in existenzieller Not – und keine Produktionsmittel mit Marktwert“, wird der Prediger angesichts der Schreckensbilder aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge noch deutlicher. Als Beispiel erzählt Ederer die Geschichte eines jungen Irakers. Der Vater ermordet, die Mutter, eine Sunnitin, nach erzwungener Aufgabe ihrer Arztpraxis in einem Schiitenviertel veranlasst, ein Fotostudio zum Lebensunterhalt zu eröffnen, das Haus der Familie 2012 von Islamisten in Brand gesteckt. Der sehnliche Wunsch des Sohns, sich in seiner Heimat taufen zu lassen, zerbricht an der Zerstörung der Kirche durch einen Bombenanschlag, bei dem der Priester ums Leben kommt. Für den knapp über 20-Jährigen, der seit Kindertagen mit der christlichen Gemeinde in Kontakt war und sich in eine junge Christin verliebt hatte, gibt es keine Zukunft mehr und somit keine andere Wahl als die Flucht in den Westen. Seine Mutter bleibt zurück.

Der Aufruf des Domkapitulars geht umso mehr unter die Haut: „Begegnen wir Flüchtlingen so, wie wir uns wünschen, dass man uns begegnet.“ Ederer regt kleine Zeichen der Wertschätzung an, die Begleitung bei einem Behördengang oder eine Einladung als Geste. So könne Schalom – der Friedenswunsch und -gruß, mit dem so viele Sehnsüchte und Hoffnungen verbunden seien – ein Stück mehr Wirklichkeit werden. „Für uns und für die Menschen, die zu uns kommen“, wie der Prediger hinzufügt.

Die aktuellen Ereignisse zeigten, wie fragil der Frieden in der Welt sei, gibt Ortspfarrer Christian Böck zu bedenken. Im Wechsel mit Pfarrgemeinderatsmitglied Anton Maroth trägt er Thesen des II. Vatikanischen Konzils über den Frieden vor. Eine der Fürbitten lautet: „Gib den Mächtigen Gedanken des Friedens, damit sie nicht müde werden bei dem Versuch, Konflikte ohne Blutvergießen zu lösen.“

Auch der Verwendungszweck der Kollekte steht in engem Zusammenhang mit der Asyl-Thematik. Das gesammelte Geld kommt den im Pfarrkindergarten Jägerwirth betreuten Flüchtlingskindern zugute, von denen viele traumatisiert sind, wie Pfarrer Böck berichtet. Eines davon hat durch eine Granate, die in seiner Nähe eingeschlagen ist und es beinahe getötet hätte, das Hörvermögen verloren und muss regelmäßig zur Therapie in die Gehörlosenschule nach Straubing gebracht werden.

Text: Bernhard Brunner

Viele Gläubige aus der Region nehmen an der Friedenswallfahrt
mit Pfarrer Christian Böck und Domkapitular Josef Ederer
an der Marien-Pilgerstätte Heiligenbrunn im Neuburger Wald teil. (Foto: Brunner)