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Ein Zeuge des Jahrhunderts


Datum: 
28.01.2016

Apostolischer Protonotar Franz Mußner hat am Sonntag seinen 100. Geburtstag gefeiert

 

 

Der älteste Priester des Bistums Passau, Apostolischer Protonotar Prof. em. Dr. Franz Mußner, vollendete am Sonntag, 31. Januar, sein 100. Lebensjahr.

 


Im April 2015 hat Prof. Dr. Franz Mußner - einer der bekanntesten Bibeltheologen im deutschen Sprachraum - sein 70. Priesterjubiläum gefeiert. (Foto: Gerhard Auer)

 

Ein Zeuge des Jahrhunderts

 

Wer auf ein so langes Leben zurückschauen kann, wird zu einem Zeugen des Jahrhunderts. Schon als junger Soldat stand für ihn fest, dass er nicht dem Nazi-Reich, sondern Gottes Reich dienen wolle. Für ihn ein großes Glück: Wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ wurde Franz Mußner aus der Wehrmacht entlassen. Am 2. April 1945 empfing er im Passauer Stephansdom die Priesterweihe. Bei der Primizfeier in seiner Heimatpfarrei Feichten an der Alz geriet die Festgesellschaft unter Beschuss alliierter Tiefflieger. Der Bibelwissenschaftler ist weltweit einer der bahnbrechendsten Pioniere des jüdisch-christlichen Dialogs. Sein Buch „Traktat über die Juden“, das in sechs Weltsprachen übersetzt wurde, brachte ihm die renommierte Buber-Rosenzweig-Medaille ein. In der Wissenschaft hat Mußners epochales Werk Leuchtturm-Charakter. Papst Benedikt XVI. bescheinigte ihm, „in weiten philosophischen Horizonten“ zu denken. Und in den Briefen aus Rom heißt es in der Anrede: „Lieber Freund Mußner“.

>>>>Werner Friedenberger

 

Bischof Dr. Stefan Oster SDB gratuliert dem ältesten Priester der Diözese Passau,
Apostolischen Protonotar Prof. em. Dr. Franz Mußner, zur Vollendung des
 100. Lebensjahres.   (Foto: Werner Friedenberger)

 

 

 

Ein priesterliches Vorbild

Dompropst Dr. Michael Bär zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Franz Mußner

„Freund Mußner“ tituliert Papst Benedikt XVI. den Professorenkollegen aus Regensburger Zeiten in seiner Korrespondenz. Wer kann schon einen Papst seinen Freund nennen? Franz Mußner gehört zu den bemerkenswertesten Priestern im Bistum Passau. Im Diözesanklerus ist er der Senior, ebenso im Domkapitel zum Heiligen Stephanus, dem er seit 38 Jahren angehört.

Noch mit weit über 90 Jahren hat er regelmäßig im Dom konzelebriert und gerne auch gepredigt. Allein wie er den Namen „Jesus“ aussprach, überdeutlich mit einem langgezogenen stimmhaften „S“ am Schluss, war unverwechselbar und unterstrich, wie wichtig ihm die Gestalt des Nazareners war. Er gehörte zu den wenigen Theologen, die die jüdischen Wurzeln Jesu in der theologischen, exegetischen Arbeit akribisch aufdeckten. Dieser Weg brachte ihm große Anerkennung ein, vierzig Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde ihm die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen.

Aus seinen namhaften Kommentaren zum Neuen Testament hat sich mir ein Satz nachhaltig eingeprägt: „Das Wesen des Christentums ist synesthien (miteinander essen).“ Die Eucharistie, das Zentrum seines priesterlichen Wirkens, ist für ihn eine gemeinschaftliche Mahlfeier, ein Fest der Auferstehung. Auch noch mit 100 Jahren pflegt er gerne die Gemeinschaft und das Miteinander Mahlhalten - nunmehr im Caritas-Altenheim Maria Hilf, wo er seit einigen Jahren seinen Lebensabend verbringt.
Ein geistlicher Onkel von mir war Kurskollege Mußners seit den Tagen des Kleinen Seminars in Passau. Zeitlebens pflegte er diesen Kontakt zu seinem gelehrten Mitbruder. Diese Generation war geprägt durch Kriegsjahre und Gefangenschaft. Sie hat den totalen Niedergang erlebt und den Wiederaufstieg unseres Landes. Ihr unerschütterlicher Glaube ließ sie die schlechten Zeiten mutig bewältigen und die guten in Demut und Dankbarkeit begleiten. Darin ist Franz Mußner uns ein priesterliches Vorbild und bereits heute ein Stück Geschichte unseres Bistums Passau.
Ich wünsche ihm persönlich und im Namen des Domkapitels zum Heiligen Stephanus in Passau alles Gute und Gottes reichen Segen zu seinem Jubelfest. Möge ihm der Herrgott noch eine gute Zeit auf Erden schenken!

>>>>Dr. Michael Bär, Dompropst

 

Alle vier Geistlichen auf diesem Bild haben mit Feichten an
der Alz zu tun. Prof. em. Dr. Franz Mußner (vorne),
Domkapitular Gerhard Auer (li.) und Dompropst em. Dr.
Johann Wagenhammer (Mitte) sind dort auf die Welt
gekommen; rechts der Pfarrer von Feichten, Michael Witti.

 

Im Herzen ein Feichtener geblieben

Der Seelsorger, der Bibelwissenschaftler, der Heimatverbundene: Mitbrüder würdigen Franz Mußner

Das gibt es nur alle heiligen Zeiten: Allein aus der Pfarrei Feichten an der Alz stammen drei Domherren: Domkapitular em. Prof. Dr. Franz Mußner (Jahrgang 1916), Dompropst i. R. Dr. Johann Wagenhammer (Jahrgang 1939) und Domkapitular Gerhard Auer (Jahrgang 1958). Gemeinsam mit Ortspfarrer Michael Witti kam es am Festtag Maria Himmelfahrt 2012 zu einem Fototermin in der Pfarrkirche. Zum hundertsten Geburtstag Franz Mußners haben ihn seine drei geistlichen Mitbrüder jetzt aus unterschiedlichen Blickwinkeln gewürdigt: Gerhard Auer beschreibt die Rolle des Seelsorgers, Johann Wagenhammer die des Bibelwissenschaftlers und Michael Witti die des Heimatverbundenen.

Der Seelsorger

Lieber Franz!
Auch ich reihe mich in die Schar der Gratulanten ein, die Dir zum 100. Geburtstag am 31. Januar ihre Wertschätzung entgegenbringen wollen. Mit den Bildern auf dieser Seite verbinde ich eine besondere Erinnerung. Im Jahr 2012 hattest Du Dr. Hans Wagenhammer und mir den Vorschlag gemacht, als gebürtige Feichtener gemeinsam den Festgottesdienst zu Maria Himmelfahrt zu feiern. Wir sagten gerne zu. Ortspfarrer Witti und die Gemeinde luden uns mit Freude ein. Es war berührend, wie sehr Du Dich auf den Ausflug in die alte Heimat freutest. Du hast Deine Wurzeln nie vergessen. Als wir auf der Fahrt an Neuötting vorbeikamen, erzähltest Du, dass Du dort Deine erste Kaplanstelle angetreten hast und noch heute gerne an die Zeit der Seelsorge zurückdenkst. Ich hatte beim Lesen Deiner Bücher schon erahnt, dass in Dir nicht nur der brillante Wissenschaftler steckt, sondern auch der Seelsorger, der stets den „Glauben an unseren Herrn Jesus Christus der Herrlichkeit“ – wie im Vorwort Deines Kommentars zum Jakobusbrief zu lesen ist – für die Menschen lebendig werden lassen wollte. Auch war mir bekannt, wie von Dir als einem kundigen Wegbegleiter im geistlichen Leben gesprochen wurde und dass Du vielen Menschen zum wertvollen Ratgeber geworden bist. Unvergessen bleibt Deine Gabe, stets aufmerksam zuzuhören, differenziert zu denken und gut beurteilen zu können. – Kurz vor Feichten machten wir Station an einem Bildstock, der Dir von Kindheit an viel bedeutet. Du hast die Gebetsstätte mit einem Mariahilf-Gnadenbild beschenkt und mit der Bruder-Konrad-Statue das Dir so liebe Altötting nach Hause gebracht. Wir beteten gemeinsam ein Gegrüßet seist Du Maria und baten Gott um seinen Segen für alle Feichtener, die lebenden und verstorbenen Angehörigen und für alle, denen Du in den vielen Jahren Deines Wirkens begegnet bist. Der Andachtsmoment und Dein Blick in die schöne Landschaft an diesem sonnigen Morgen haben sich mir eingeprägt. Dann die Begrüßung durch die Kirchgänger: alle freuten sich von Herzen, Dich wiederzusehen. Und auch Dir war die Freude am ganzen Gesicht anzusehen. „Der Mußner Franzl ist einer von uns! – sagte stolz ein älterer Herr. „Übrigens: ein sehr guter Prediger, großzügig und menschlich famos!“ – fügte er hinzu. Ich freute mich für Dich und sagte Dir laut ins Ohr: Die Leute schätzen Dich!“ – Deine knappe Antwort, wie es Deine bescheidene Art ist: „Gut!“ Wenn Menschen im Alltag einen kundigen und im Herrn verwurzelten Seelsorger erleben dürfen und dadurch Gott und seine Liebe für das eigene Leben verstehen lernen – was gibt es Schöneres! Hab‘ herzlichen Dank dafür! Gott segne Dich!
 >>>>Dein Feichtener Mitbruder Gerhard Auer

Der Wissenschaftler

Der Jubilar kann auf ein sehr erfülltes Leben zurückschauen. Er ist ein international anerkannter Fachmann für das Neue Testament und hat wesentlich dazu beigetragen, dass die katholische Bibelwissenschaft ein hohes Niveau erreicht hat. Er hat nicht nur seit 1952 in Trier und ab 1965 in Regensburg sehr viele Studenten und auch Doktoranden ausgebildet. Er hat bedeutende Kommentare verfasst, Bücher zu Einzelthemen und sehr viele Aufsätze, die vielfältige Probleme behandeln und ein breites Spektrum von Methoden nutzen.
Bei aller Akribie war er ja nie ein enger Spezialist. Er war immer im Gespräch mit Philosophie und systematischer Theologie. So hat er mit seinem Freund Joseph Ratzinger gemeinsame Seminare durchgeführt.
Ihm war immer auch wichtig, dass die Bibel im Wirken der Kirche und im Leben der Menschen fruchtbar wird. Er war ein leidenschaftlicher Prediger und hat viele Vorträge gehalten und auch dazu viel geschrieben. Dabei fällt ein Anliegen besonders auf. Nachdem er das Dritte Reich miterleiden musste, ist ihm der Gedanke, dass Jesus Jude war und das Christentum im jüdischen Bundesvolk wurzelt, sehr wichtig geworden. So wurde er auch zum Fachmann im Dialog mit dem Judentum und zum Berater der ökumenischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und Consultor  des Vatikanischen Einheitssekretariats. Über allem stand und steht für ihn ja die unerschütterliche Hoffnung auf Christus als die alle Mächte besiegende Einigungskraft und Lebensmacht.
>>>>Johann Wagenhammer

Der Heimatverbundene

Zutiefst verbunden mit seiner Heimat, so durfte ich in den Jahren als Pfarrer von Feichten Apostolischen Protonotar Prof. Dr. Franz Mußner erleben, der für viele hier einfach nur der „Franzl“ ist. Solange es seine Gesundheit zuließ, kam er zum Patrozinium an Maria Himmelfahrt, zu Allerheiligen und bei anderen Festen in die Heimat. Dabei hat er nicht nur die Gottesdienste in der altehrwürdigen Pfarr- und Wallfahrtskirche gefeiert, sondern immer auch Familien besucht, denen er sich zum Teil schon seit Kindertagen verbunden wusste. Immer wieder hat er mir selber erzählt, wie er hier unter einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist, wie die Mutter, eine kleine Stör-Näherin, ihn großgezogen hat.
Geprägt hat ihn auch die Erfahrung des totalitären Systems im Dritten Reich, die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und seine Primizfeier, bei der der Festzug unter Tieffliegerbeschuss kam. Voller Stolz hat er in einer Predigt einmal erzählt, wie er seinem Professorenkollegen Joseph Ratzinger, dem er sich freundschaftlich verbunden weiß, seine Heimatkirche in Feichten an der Alz gezeigt hat, in der er einst getauft wurde.
Bis ins hohe Alter hinein blühte Franz Mußner auf, so oft der Weg ihn in die Heimat führte. Wenn er vom Walder Berg aus die heimatlichen Fluren sah, glänzten seine Augen. Jedes Anwesen kannte er mit dem alten Hofnamen und wusste auch vieles über die Menschen, die von dort leben und lebten. Bei aller Größe seines Lebenswerkes hat mir Franz Mußner immer gezeigt, wie wichtig es ist, eine Heimat zu haben und um die eigenen Wurzeln zu wissen. Auch als großer Gelehrter ist er immer im Herzen ein „Feichtener“ geblieben!
>>>>Michael Witti, Pfarrer im Pfarrverband Feichten