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Umgang mit traumatisierten Menschen aus anderen Kulturen


Datum: 
06.04.2017

Unter der Begleitung von Hanna Küstner-Nnetu (Diplompsychologin bei REFUGIO München) setzten sich kürzlich 15 Lehrkräfte verschiedener Schularten, darunter auch etliche Schulpsychologen, mit dem Thema „Traumatisierung von geflüchteten Menschen“ auseinander – eine Aufgabe, die „uns auch in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen wird“, wie sich alle Teilnehmer einig waren.

 

 

Zahlen und Fakten zu Flucht und Vertreibung, zu Fluchtwegen und dem Tod im Mittelmeer, den in diesem Jahr bereits mehr als 800 Menschen erlitten, machten die Aktualität des Themas deutlich. Ein Schicksal von 65 Millionen flüchtenden Menschen rückte anhand von Filmszenen in die unmittelbare Nähe: ein junger Mann aus Afghanistan mit seinem kleinen Neffen auf der Flucht, tagelange Fußmärsche durch Sand, nur eine Wasserflasche und eine Plastiktüte für das Hab und Gut in der Hand, dann die Fahrt im leeren Benzintank eines Busses, den Mund abwechselnd an eine kaum faustgroße Luftzufuhr gepresst. Diese Stationen machen deutlich: zu den vielfältigen Ursachen, die Menschen dazu bringen ihr Zuhause aufzugeben, kommen oft traumatisierende Erlebnisse während der Flucht. Aus der Therapie mit Geflüchteten aus Westafrika konnte Frau Küstner-Nnetu auch aus erster Hand von Erfahrungen mit Schleusern aus Libyen, von Einschüchterung durch spiritistische Rituale, Entführung, Erpressung und schwerem sexuellen Missbrauch berichten.

Die Traumata prägen das Leben der Geflüchteten auch in der äußeren Sicherheit, die sie in Deutschland finden können. Gefühle, Gerüche, Sprachfetzen, innere Bilder und vieles mehr wirken noch lange weiter. Erfahrungsorientierte Übungen machten die Teilnehmenden sensibel dafür.  „Und das dauert Jahre, bis diese Menschen mit ihren Erlebnissen leben lernen, da kann man nicht sagen, `an unserer Schule gibt es Sprachkurse und Übergangsklassen, das muss doch endlich mal reichen´“, ergänzte Erdmute Fischer, Referentin für Schulpastoral, die die Veranstaltung organisiert hatte. Denn dazu kommen oft Probleme anderer Art, mit denen Asylsuchende hier konfrontiert sind: enttäuschte Erwartungen, schwierige Lebensbedingungen, beengte Verhältnisse, wenig bis keine Privatsphäre, die neue Sprache, fremde Normen, der Erwartungsdruck der Familie zu Hause uvm.

Der zweite Teil des Seminars vermittelte den Teilnehmenden wichtige Grundlagen aus der Traumaforschung und ein erstes Rüstzeug für die Praxis: Welche Anzeichen gibt es dafür, dass traumatisierende Erlebnisse gerade an die Oberfläche des Bewusstseins kommen und den jungen Flüchtling ganz gefangen nehmen? Welche Möglichkeiten zur Sofortintervention habe ich in einer solchen Situation? An welche Stellen kann ich mich wenden, wenn ich für einen Schüler, eine Schülerin eine Therapiemöglichkeit brauche oder selbst Unterstützung benötige? „Ich verstehe, dass es eine große Herausforderung ist in Klassen, besonders auch mit Flüchtlingen, individuell auf die Kinder und Jugendlichen einzugehen, deswegen ist es wichtig, dass Sie auf sich achtgeben“, betonte Küstner-Nnetu. „Wichtig ist es eine Balance zu finden, zwischen ausgeprägtem empathischen Verhalten und einer Strategie, die versucht, das Thema ganz zu vermeiden.“ Der überaus positiven Rückmeldung zum Tagungsende schloss sich der Wunsch der Teilnehmer an, ähnliche Kurse häufiger anzubieten, damit Lehrkräfte und pädagogisches Personal in noch stärkerem Maße erreicht und qualifiziert werden können. 

Text: Dagmar Cuffari/Erdmute Fischer

Frau Küstner-Nnetu