Wie kommt man durchs Leben, Herr Bischof?


Die Jahre vergehen schnell - Franz Xaver Eder lässt sie vorüberziehen
 
Er war: Ein kleiner Bub, der ohne Vater aufwuchs, ein Gefangener, der die Heimkehr wie ein zweites Leben erfuhr, ein Priester, der die Umbrüche in der Kirche hautnah mitlebte. Er ist: Ein Bischof, der sich den Herausforderungen der Zeit stellt, 75 Jahre alt, und guter Dinge.
 

1 bis 6 Jahre
Den Vater gar nicht gekannt

Familie, das war eine sehr kleine Angelegenheit bei uns. Meinen Vater habe ich nicht mehr gekannt. Er ist verstorben, da war ich noch nicht zwei Jahre alt, meine Schwester lag noch im Wickelkissen. Aber unser Vater war immer gegenwärtig. Meine Mutter hat häufig von ihm geredet. Er war natürlich auch lebendig, weil wir alle Tage für ihn gebetet haben. Mein Onkel hat sich sehr um uns angenommen. An Weihnachten etwa ist er mit meiner Schwester und mir auf den Gartlberg gegangen. Wir haben auf das Grab des Vaters ein Christbäumchen gestellt und die Kerzen angezündet. Inzwischen hat meine Mutter das Christkindl richten können. Also das war immer so ein Füreinander- und Miteinandergehen in der größeren Familie.
 

7 bis 10 Jahre
Früh selbständig

Meine Mutter hatte aufgrund des Todes des Vaters eine verdammt kleine Beamten-Pension. Als wir größer wurden, ist sie wieder berufstätig geworden. Und wir Kinder wohl schneller selbstständig. Jeder hatte seine familiären Aufgaben. Ich war auch mit dem Essenholen beauftragt. Ich habe es sogar fertiggebracht – die drei Töpfe, die da aufeinandergesetzt waren, auf dem Fahrrad nach Hause zu balancieren. Wir haben alle recht zusammengehalten. Das war gut so und ist uns geblieben.
 

11 Jahre
Als Ministrant am Altar stehen

Schon früh bin ich zu den Ministranten gekommen. Es war für mich gar nicht so wichtig, vor der Gemeinde auftreten zu dürfen. Mich hat der Dienst am Altar sehr beeindruckt. Diesem Geschehen am Altar bin ich mit sehr viel Innerlichkeit gefolgt. In diesen Jahren hat sich überhaupt ein Teil meines Lebens in der Sakristei abgespielt. Sicherlich nicht immer zur Freude des Mesners und des Pfarrers, weil wir da auch Unfug angestellt haben.
 

15 Jahre
Man lebt gefährdet

Im Gymnasium in München hat mir anfangs das Heimweh sehr zugesetzt, aber neue Freunde bei den Domministranten haben mir bald darüber weggeholfen. Wir Schüler haben mit den Geschwistern Scholl noch keinen Kontakt gehabt, aber davon gehört. An einer Litfasssäule in der Neuhauser Straße – ich könnte heute noch genau die Stelle zeigen – habe ich dann das Plakat von der Hinrichtung der Geschwister Scholl gesehen und es voll Betroffenheit wiederholt gelesen. Ich will das nicht vergleichen, aber wir Domministranten haben auch zu den Kreisen gehört, die verdächtig waren und von der HJ beobachtet wurden. Da habe ich irgendwie gespürt, unter welcher Gefährdung man lebt, unser Kaplan weit mehr als wir.
 

17 bis 21 Jahre
Das reicht jetzt

Nach drei Monaten Arbeitsdienst sollte ich zum Soldaten ausgebildet werden. Ein Obergefreiter sprach mich an, wollte meinen Beruf wissen. Ich sagte Gymnasiast. Darauf seine Frage: "He, möchtest du ein Pfarrer werden?". Es war der heutige Pfarrer von St. Donat in Kärnten. Selber Theologiestudent, holte er junge Leute zusammen, die auf einer Wellenlänge lagen. Mit ihm sind wir zum Gottesdienst marschiert. Wir haben gewusst, dass der Krieg seine Sache nicht ist. Schon beim ersten Einsatz gerieten wir mitten in den Rückzug aus Russland hinein. Eine Stellung sollten wir erstürmen, unter ziemlichem Beschuss. Davon habe ich einen Splitter in den rechten Arm bekommen. In diesem Moment war ich zum ersten Mal richtig vernünftig, ganz "cool" würde man heute sagen. "Das reicht, jetzt darf nichts anderes mehr dazukommen", sagte ich mir, drückte mich fest in den Boden hinein und wartete still bis es finster wurde.
 

22 Jahre
Jeder Tag ein Geschenk

Nach einem Lazarettaufenthalt in der Heimat geriet ich in die Abwehrkämpfe bei Aachen, in der nördlichen Eifel, kamen aber im Januar bei Breslau zum Einsatz. Bei Kriegsende haben wir vergeblich auf die Amerikaner gehofft. Zigtausend Gefangene waren wir in einem Waldlager - ein großes Hungerlager. Es folgte der Transport nach Georgien zur Arbeit an einem Bergwerk. Die alte Verwundung brach wieder auf. Heimgeschickt. Am 2. Januar 1948 abends stand ich am Bahnhof in Pfarrkirchen – ein junger Mann ohne Haare, mit einem zerrissenen Mantel, einer Pelzmütze und in Holzschuhen. In dieser Zeit ist alles bedeutsam gewesen. Weil jeder Tag, den man noch erlebt hat, ein Geschenk war. Ich habe gemerkt: Es gibt nur einen Weg für den Menschen, den des Evangeliums.
 

23 bis 28 Jahre
Die Karriere läuft niemandem davon

Was wird mit mir jetzt werden? In einem "Sonderkurs für Heimkehrer" konnte ich das Abitur nachholen. Unser Kaplan in Pfarrkirchen ist auf mich zugekommen. In Gesprächen mit ihm reifte der Entschluss, in das Priesterseminar einzutreten. Der Rektor der Hochschule hat mich während des Studiums einmal in sein Büro zitiert und auch meine "Überalterung" angesprochen. Er wollte mich trösten und meinte, in der Kirche würde niemandem die Karriere davonlaufen. Dieses eine Wort ärgerte mich ungeheuer, am liebsten hätte ich es ihm ins Gesicht gesagt. Kurz darauf sollte er Bischof werden. Jetzt verstand ich diesen Ausspruch erst, geärgert hat er mich trotzdem.
 

39 Jahre
Abschied vom Hochwürden

Es fand keine Revolution bei uns statt, wohl aber ein Wandel. Ich war nach der Priesterweihe und abwechslungsreichen Jahren von einer Pfarrei, über Jahre im Seminar St. Valentin und im Ordinariat, zurück nach den Domplatz 5 gekommen. Auch das Priesterseminar geriet in die Turbulenzen der 68er, gesellschaftlich wie kirchlich. Die Seminaristen waren Kinder ihrer Zeit: ideale, frohe, zielstrebige und natürlich äußerst kritische Leute. Mit denen ich am meisten zu kämpfen hatte, sind mir die liebsten geworden. Heute stehen sie an verantwortlicher Stelle im Bistum. Allmählich formte sich ein anderer Klerus heraus. Der Abschied vom Hochwürden. Das II. Vatikanische Konzil hat langsam gegriffen. Ich habe mir gesagt, mit den alten Formen allein genügt es in der Seelsorge nicht mehr. Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen und auf sie eine Antwort finden.

51 Jahre
Noch einmal: Ich bin bereit

Also Bischof Antonius hat mich schon sehr bekniet, dass ich sein Weihbischof würde. Ich habe ihm meine Bedenken, meine Schwierigkeiten mitgeteilt. Plötzlich steht man da doch noch ganz anderes in der Verantwortung. Kann ich das, will ich das? Da traut einem der Bischof so etwas zu. Werde ich dem aber wirklich gerecht? Zunächst waren es mehr Fragen, die sich auftürmten, als Antworten. Dann bin ich also Weihbischof geworden. Irgendwie war das wie damals bei der Priesterweihe. Man sagt noch einmal "adsum – ich bin bereit". In dem festen Bewusstsein, dass das wirklich nur mit Gottes Hilfe geht.
 

59 Jahre
Das habe ich nur schwer verdaut

Der Dienst an der Seite des Bischof Antonius hat viel Freude gemacht. Er war froh, dass er jemanden hatte, der ihm etwas an Arbeit abgenommen hat. Im Prinzip aber ist er vorne marschiert. Es zeichnete sich ab, dass ich ihm nachfolgen sollte. Wie schon einmal als Regens, jetzt als Bischof. Das habe ich nur schwer verdaut. Es gab zwar das Gerede, ich sollte in ein anderes bayerisches Bistum kommen, aber der Kelch ging – wahrscheinlich nicht ohne das Tun des Bischof Antonius - an mir vorüber. Zunächst hieß das Bischofskoadjutor mit Recht der Nachfolge. Antonius konnte seinen 75. Geburtstag noch großartig feiern. Das habe ich mit dem Domkapitel organisiert. Einige Wochen später wurde in Rom sein Rücktrittsgesuch angenommen. "Gott gab uns nicht den Geist der Verzagtheit, sondern den Geist der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit". Wieder blicke ich zurück zum Beginn meines priesterlichen Dienstes. Alles hat sich verändert. Meinen Primizspruch wollte ich aber auch als 83. Bischof von Passau behalten.
 

60 bis 75 Jahre
Es ist das Evangelium da

Wir leben als Kirche nicht auf einer Insel. Die Unruhe in der Gesellschaft, die ungeheueren Probleme der Menschen. Das alles geht an uns nicht vorbei. Globalisierung, Technisierung, Fortschrittswahn, Ökologie. Arbeitslosigkeit, die Frage nach den echten Werten im Leben. Ja Leben dürfen und können überhaupt. Für unsereins ist es geboten genau hinzuhören, was die Zeit und die Verhältnisse erfordern. Immer neu muss man sich die Frage stellen, ob man noch ganz im Sinne unseres Herrn reagiert und die "Sache Jesu" voranbringt. So hat ein Bischof aus der Mitte der Kirche voranzugehen. Wir haben im Bistum einen Pastoralplan formuliert. "Gott und den Menschen nahe". Die Kirche hat dann ihre Stärken, wenn sie sich zum einen Gottes Auftrag versichert und sich zum anderen ganz auf die Menschen und ihre Nöte einlässt. Dann ist sie glaubwürdig und darf die Gesellschaft auch herausfordern. Sie muss es geradezu. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Es ist Kirche da, es ist das Evangelium da.
 

Protokolliert von Wolfgang Duschl (iop 6/00 - 182)