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Filialkirche St. Kastulus, Edermanning

 

Lage und Geschichte

Unübersehbar ragt an der Straße zwischen Pfarrkirchen und Simbach in der Talmulde auf der Wasserscheide zwischen dem Rottal und dem sich zur Innebene hinuntersenkenden Tal des Antersdorfer Baches der hübsche Zwiebelturm des weißleuchtenden Gotteshauses von Edermanning auf und wetteifert an klaren Föhntagen mit den stellen Zacken der Alpengipfel am südlichen Horizont.  Als spätgotischer Bau des 15.  Jahrhunderts darf diese Kirche am runden Halbtausendjahrjubiläum der beiden größeren Schwestern von Reut und Noppling gleichaltrig teilhaben.  Das genaue Erbauungsjahr ist uns freilich nirgends schriftlich überliefert, nur eine Tafel über dem Eingang: "Zur Erinnerung an Herrn Dekan Michael Fischer, der diese Kirche so schön renoviert hat. 1859".  Inzwischen müssen die Namen von Kreisoberbaurat Otto Schweiger und Pfarrer Anton Würzinger und die Jahreszahlen von 1974 - 1980 (im Wesentlichen 1975 - 1978) für die jüngste hervorragende Renovierung hinzugefügt werden. Ein eigenes Jubiläum aber kann Edermanning am 18.  Mal 1986 feiern, denn vor 225jahren, anno 1761, wurde die Heilig-Blut-Bruderschaft durch Erzbischof Sigismund Christopherus, Graf von Schrattenbach (1 753 - 1771), einem Mann von streng asketischer Frömmigkeit feierlich errichtet und am 3 1. Juli 1 761 von Papst Clemens XIII. bestätigt.

Der kleine Ort Edermanning, die Kirche trägt die Hausnummer 91, umfaßte nach der  Güterkonskription von 1752 nur drei Anwesen, die drei geistlichen Grundherrschaften unterworfen waren: der ganze Mayr-Hof dem Heiligkreuzbenefizium zu Burghausen, der Achtelhof Späth dem Kapitel zu Altötting und der halbe Hof Hueber der Ortskirche St. Kastulus. Eine frühere Wallfahrtskirche vom kostbaren Hl.  Blut Christi'

Die Nebenkirche St. Kastulus in Edermanning, die hier näher beschrieben werden soll, ist eine einschlage Bauanlage mit eingezogenem (= schmalerem) Altarraum.  Kirchenschiff und Chor (= Altarraum) besitzen ein gotisches Backsteingewölbe, dessen Rippen in der Barockzeit um 1730 abgeschlagen wurden, um Flächen für Stuckaturen und Deckengemälde zu erhalten.  Die ursprünglichen Wandpfeiler für die Aufnahme des Gewölbeschubes wurden zu Pilastern (= Pfeilervorlagen an der Umfassungsmauer) verändert.  Die Sakristeitüre weist heute noch einen interessanten spätgotischen Lilienbeschlag aus der Zeit der Erbauung der Kirche auf.  Der obere Teil des weithin sichtbaren Turmes wurde ebenfalls in der Barockzeit umgestaltet und mit einer stark eingeschnürten Kuppel bekrönt.

Aus der Barockzeit stammen auch noch die Stuhlwangen der Kirchenbänke mit Laub- und gerieftem Bandwerk.  Sie wurden 1730 vom Schreiner Josef Albrecht von Braunau um 171 Gulden gefertigt.

Die Kirche in Edermanning war eine sogenannte Landgerichtliche Kirche, deren Rechnung durch das Landgericht Eggenfelden überprüft wurde.  In den Eggenfeldener Kirchenrechnungen wird schon im ältesten Band von 1550 die Kirche "Zum heiligen Bluet" genannt.  Das Kastuluspatrozinium wird demnach nach dieser Zeit dazugekommen sein.  Das Stiftsbuch von Reut erwähnt 1645 die "löbliche Castoli Capelln" des Hl. Bluets zu Edermanning.

Der Patron St. Castulus

Als Diokletian, der Sohn eines Bauern aus Illyrien, dem heutigen Dalmatien, mit 39jahren als der mächtigste Offizier des römischen Reiches im Jahre 284 zum Kaiser ausgerufen wurde, war das junge Christentum bereits zu einer bedeutsamen Sozialschicht im Imperium geworden und besaß eine zweihundertjährige Erfahrung des Überlebens in der Illegalität; es konnte nicht ausbleiben, dass allmählich auch in das Heer und in die Verwaltung überzeugte Christen eingedrungen waren.  Sie alle mussten in Gewissenskonflikte geraten, wenn von ihnen bei offiziellen Feierlichkeiten oder vor Beginn einer Schlacht der Vollzug des Kaiserkultes verlangt wurde. Besonders im militärischen Bereich galt die Verweigerung des Opfers vor dem Kaiserbild als strafbarer militärischer Ungehorsam.  Kaiser Diokletian hatte wiederholt versucht, diese Auseinandersetzungen in friedlichen Grenzen zu halten, denn er erkannte die hochwertige Moral seiner christlichen Staatsbeamten und Offiziere, aber auch ihre Solidarität untereinander. Dennoch ließ sich der Kaiser immer mehr vom christenfeindlichen Statthalter Hierokles von Bithynien, von der religiös gefärbten Philosophie des Neuplatonikers Plotin und seiner Schule in Alexandrien und der Mutter des Caesar Galerius beeinflussen.  Dem orakelgläubigen Kaiser wurde ein Orakelspruch der Priester des Apolloheiligtums in Milet zugespielt.  Dazu kamen die wirtschaftlichen Rückschläge der verfehlten diokletianischen Wirtschaftsplanung, die man mit der Wühlarbeit der christlichen Widerständler begründete. So begann die große Welle der Christenverfolgung, deren prominentestes Opfer der Palasthauptmann Sebastianus wurde, der bisher als Muster der Zuverlässigkeit und Unbestechlichkeit galt.  Ein ähnliches Schicksal traf vier Mitglieder des engsten kaiserlichen Gefolges, die "Santl Quattri Coronati", aber auch Töchter aus patrizischen Familien wie Agnes und Susanna.

Zu den insgesamt etwa fünfzehnhundert Christen, die unter sadistischen Foltern grausam ermordet wurden, gehörte auch der Kämmerer des Kaisers Diokletian (284 - 305), St. Kastulus, der seinen verfolgten Glaubensgenossen zu Hilfe gekommen war. Die Reliquien dieses Märtyrers der Urkirche waren aus den römischen Katakomben zunächst um 800 nach Moosburg und 1604 nach Landshut übertragen worden. 1511 - 1514 schnitzte Hans Leinberger in Moosburg an dem herrlichen Flügelaltar sein erstes, uns bekannte Werk und die Relieftafeln schildern ausführlich, wie St. Castulus beim Predigen verhaftet, vom Kaiser verhört, mit Keulen erschlagen und im Palasthof mit Sand zugeschüttet wird.  Schnell wurde der "Zetrius Palatii', der Speisemeister Diokletians zusammen mit Sebastian, dessen Hauptreliquiar in Ebersberg aufbewahrt wird, zu einem beliebten altbayerischen Volksheiligen.  Seine Lebens- und Leidensgeschichte ist Inhalt mehrerer barocker Wallfahrtsbüchlein. Spätmittelalterlicher Wunderglaube hat seine Gestalt mit Legenden umrankt, besonders verehrt wird er in der Holledau in vielerlei Anliegen, er wird angerufen bei Unwetter und Blitzgefahr, Rotlauf und Wassernöten und vor allem bei dem im Hopfengebet offenbar verbreiteten Pferdediebstahl.

 

Die Kirche

 

Außenbau

Eine umlaufende Umfassungsmauer hebt den Sakralbereich aus dem Wiesen- und Ackerland und den Gehöften heraus, aber es ist kein Friedhof, sondern grüner Rasen schließt sich an den weißgetünchten einschiffigen Bau mit einer witterungsschützenden Vorhalle und dem etwas eingezogenen Chor mit Schluss in drei Achteckseiten.

Der Turm nördlich am Chor, der in seinem Untergeschoss die Sakristei aufnimmt mit gotischem Sterngewölbe, hat quadratischen Grundriss und fünf Geschosse mit Lisenengliederung.  Das fünfte Stockwerk öffnet sich in einer ursprünglich rundbogigen, gekoppelten Schallöffnung mit einer Mittelsäule aus Tuffstein.  Im Barock wurde der originale Turmabschluss durch das jetzige Glockengeschoss mit abgeschrägten Ecken, Eckpilastern und einer hübschen, stark eingeschnürten Kuppel ersetzt; sicher geschah dies in den Jahren um 1730 - 1740, als auch das Kircheninnere im barocken Zeitgeschmack verändert wurde. Ganz oben sitzt der Wetterhahn auf seiner vergoldeten Kugel.

Innenraum

Der lichtvoll-helle, einschiffige Kirchenraum besitzt noch sein gotisches Gewölbe, wenngleich die Rippen in der Barockzeit abgeschlagen wurden und die Wände durch Barockpliaster gegliedert sind.  Nur noch die Sakristei bietet den ursprünglichen Eindruck, denn diesem "Arbeitsraum" im Turm hat man die einfachen, gekehrten Rippen auf formlosen Spitzkonsolen ohne Schlussstein belassen.  Der spitze, gefasste Chorbogen ist im Bogen erweitert. Das gewölbte Langhaus erstreckt sich über vier Joche, von denen das westliche vermutlich später hinzugefügt wurde. Die gotischen Gewölberippen sind auch hier vollkommen beseitigt und die Wandpfeiler zu Pilastern verändert. Die spitz gefassten Schildbogen aber blieben erhalten.

Bei der letzten Renovierung war viel zur Erhaltung und Sanierung zu tun. Die feuchten Mauern wurden verkleselt, eigene Zuganker über dem Gewölbe eingefügt, das Dach neu gedeckt und mit Kupferrinnen versehen, ein Abwasserkanal gegraben, das Blech der Kuppel erneuert und der Westgiebel ausgebessert.  Die Fassaden erhielten eine Mineraltünchung und der Fußboden ein Pflaster aus Juramarmor.  Um die Deckenfresken kümmerte sich Kunstmaler Fronske aus Landshut, den neugotischen Hochaltar restaurierte Kirchenmaler Weilhammer.  Für die neuen Kirchenbänke fanden die barocken Wangen von 1730 wieder Verwendung.

Viele Firmen waren beschäftigt: Maurermeister K. Leitner aus Reut, Zimmerermeister Gschnaldner von Berg, Schmiedemeister Dobling aus Lanhofen, der Neuburger Bautenschutz, Schreinermeister Brunner von Altfrasöd, Firma Zambelli aus Haus, für den Stuck Firma Kölbl aus Dom Melstadl, Glaserei Leitner aus Eggenfelden und Blitzschutzbau Würzinger aus Johanneskirchen, alles unter Leitung von Otto Schweiger.

Einrichtung

Zum Glück blieb der neugotische Altar bei der Renovierung von der damals so beliebten "Entrümpelung" verschont und im jetzigen erneuerten Zustand passt er recht gut in diesen Sakralraum hinein. Noch im Band der Kunstdenkmäler von Bayern ist nur lakonisch der Satz mit drei Wörtern vermerkt: "Einrichtung modern gotisch".  Das Thema des Altares ist die Kreuzigung.  Die Gestalt Christi allein hebt sich mit Bedacht vom taubengrauen Hintergrund mit dem kleeblattförmigen, weißen Ornamentmuster ab, die echte Blattvergoldung am Schein und im rot-blauen Gesprenge mit den gebogenen Fialen verleiht die festliche Glanzwirkung.  Unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena, links wird die Gottesmutter Maria von den mitleidenden Frauen getröstet, dazu zwei bärtige Männer, rechts stehen der Apostel Johannes, der römische Hauptmann und ein sich abwendender Mann.  Reiches Schnörkelwerk ziert den Tabernakel mit zwei anbetenden Engeln auf Gold, dazu die Silberleuchter und die alten Kanontafeln.

Seitlich davon stehen die etwas süßlichen Figuren von Maria mit Rosen im Haar und Josef mit dem Lilienstab in der Hand.

Von beachtlichem Wert sind die beiden Figuren am Chorbogen, St. Sebastian, an einen dürren Baumstumpf gebunden und der Kirchenpatron St. Castulus mit der grünen Palme des Martyriums.

An den Seiten des Chorbogens im Übergang zum Altarraum hängen in goldenem Rahmen vier hochformatige Gemälde, die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes auf Wolken erhoben, ein wenig in der Art von Tiepolo, darstellen. Die vierzehn Kreuzwegstationen im Nazarenerstil sind mit goldenen Kreuzen geziert.

Ergänzend sind die zwei modernen Glaslampen, die zwei Traglaternen und die Gedenktafeln für die Gefallenen der beiden Weltkriege zu erwähnen.

Die Sakristei im Untergeschoss des Turmes ist noch heute mit der schweren Eichenholztüre mit dem spätgotischen Lilienbeschlag des ausgehenden 15.   Jahrhunderts zu schließen. Marmorpflaster deckt den Boden, Rippen am Gewölbe und Rautenwappen in den Schlusssteinen erinnern an das Aussehen, das wohl der gesamte Kirchenraum vor seiner Barockisierung besaß.

Die Stuhlwangen aus der Spätbarockzeit mit Laub- und gerieftem Bandwerk sind bei der Erneuerung des Kirchengestühls übernommen worden, einst wurden diese Kirchenstühle 1730 für 141 Gulden von Josef Albrecht, Bürger und Schreiner zu Brauner, angefertigt.

Orgel

(Aus dem Programmheft des Orgelkonzertes vom 15.  September 1984)
Dr. med.  Josef Haushofer
Die älteste Barockorgel des Landkreises Rottall/Inn

Die kleine Orgel von Edermanning mit ihrem dreiteiligen Gehäuse und dem überhöhten Mittelfeld, den reich geschnitzten Schleierbrettern und seitlichen "Ohren" ist den Stilformen nach in die Zeit um 1730/40 einzuordnen.  Wir haben das Orgelwerk selbst auch so alt gehalten; bei deren Erneuerung erwies sich das jedoch als ein Irrtum.  Möglich, dass die Klaviaturen und zwei Holzregister noch aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen.  Das Herzstück der Orgel, die Windlade, dürfte aber um 1820 durch eine neue ersetzt worden sein.  Damals fand wohl auch die Disposition eine Umänderung; an hochliegenden Klagkron   die Stelle einer gemischten, e, e riet Mixtur oder Cymbel, trat die Quinte 1 1/3'.  Leider hat sich der Erbauer der Orgel - wie oft üblich - nicht durch Inschrift verewigt- Dafür finden wir am Vorsatzbrett verewigt: 1829 nachgestimmt von Adam Ehrlich Passau, 1845, 1862 gestimmt von Josef Schläglmannn Burghausen, am 15.  Juli 1868 das (noch vorhandene) Register der Schauseite, das Prinzipal 4'vom bürgerlichen Orgelbaumeister Martin Hechenberger zu Passau "eingesetzt" 1887 "repariert von Edenhofer" Regen.  Die Orgel versah ihren Dienst bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Instandsetzung der Kirche vor wenigen Jahren aber glich sie einem Trümmerhaufen.  Die Metallpfeifen waren verbogen und verbeult, bei den Holzpfeifen die Verleimungen aufgegangen, Klaviatur und Mechanik in höchstem Maß beschädigt.  Eine Spende des Rotary-Clubs Eggenfelden-Pfarrkirchen gab den Grundstock zur Erneuerung.  Die schwierige und von Anfang an undankbar erscheinende Wiederherstellung wurde von Orgelbaumeister Friedrich Glockner, Mühldorf, mit großem Geschick und Einfühlungsvermögen durchgeführt.  Herr Glockner hat eine hervorragende Arbeit geleistet, für die ihm die Pfarrgemeinde, die Heimat- und Musikfreunde danken.  Die Orgelpfeifen-Spezialwerkstätte Karl Meisinger in Simbach am Inn übernahm die Reparatur der schadhaften Metallpfeifen und lieferte die zu ergänzenden.  Wertvolle Anregungen verdanken wir dem Beauftragten des Landesamtes für Denkmalpflege, Herrn Dr. Sixtus Lampl, der für die Haltung der alten Substanz, des Prospektregisters und des alten Klangbildes wertvolle Anregungen gab

Die einmalige Orgel hat jetzt wieder folgende Disposition:

Kopel 8'von Holz                   (wohl von 1730/40)

Flöte 4'von Holz                    (wohl von 1730/40)

Prinzipal 4'von Metall              (von 1868)

Oktav 2'von Metall                 (von 1983)

Quinte 1 1/3'von Metall           (von 1983)

Subbass 16'von Holz im Pedal   (wohl von 1820)

Dieses Register verfügt über eine Repetiermechanik nach unten, so dass es in der großen kurzen Oktav eigentlich als 8' erklingt.  Eine alte, abgestellte Pedalkoppel wurde wieder gangbar gemacht.  Die alte Gebläse-Anlage mit ihrer interessanten Vorrichtung zum Ziehen konnte erhalten werden.  Ihr wurde nur ein Motor vorgesetzt, ohne weitere Veränderung der Windversorgung.

Insgesamt war es das Ziel der Restaurierung, aus der alten Orgel nicht ein Instrument nach den heutigen Vorstellungen zu machen.  Die barocke Denkmalsorgel sollte unverfälscht erhalten bleiben - mit all ihren "Mängeln" und Vorzügen.  Die wenigen neuen Teile und die zu ergänzenden Metallpfeifen fügte man diesem Vorsatz entsprechend ein.  Als "Nachteil" wenn Oberhaupt davon gesprochen werden kann -nehmen wir gerne den geringen Umfang der Klaviaturen in Kauf mit der kurzen großen Oktav in Manual und Pedal und bei diesem die Beschränkung nach oben hin.  So können auf dieser Orgel nur anspruchslosere Werke wiedergegeben werden, und ein obligates Pedalspiel mit eigener Stimmführung ist kaum möglich. Für den Spieler liegt die Schwierigkeit darin, dass die Spielanlage in ihren Abmessungen enger als gewohnt ist; die Menschen waren eben früher merklich kleiner.  Dazu haben die Tasten nur einen geringen Tiefgang, die Obertasten sind breit und die Untertasten kurz.  Man kannte zur Erbauungszeit noch kaum die Verwendung des Daumens.  Seinen Gebrauch hat damals erst fernab Johann Sebastian Bach eingeführt.

Als Nachteil kann man die vorhandene "Windstössigkeit" nicht bezeichnen.  Seit Jahrzehnten ist man im Orgelbau bestrebt, mit einem ausgeklügelten System von Ventilen und Regulierbälgen den Winddruck konstant zu halten.  Bei den alten Barockorgeln schwankt er noch.  Wir übersehen heute, .dass damit die Starrheit des Orgelklangs entgegengewirkt wurde, und so ist man neuerdings wieder bestrebt, Orgeln "mit atmendem Wind" zu bauen.  Als Beispiel mag hier die große neue Domorgel zu Freising angeführt sein.

Diese "Mängel" unserer alten Orgel aber werden von unverkennbaren Vorzügen mehr als aufgewogen.  Das betrifft vor allem die Klangschönheit mit diesem weichen, doch hellen und silbrigen Ton, der sich durch eine erstaunliche Fülle auszeichnet. Von ganz besonderem Reiz aber sind die beiden Flötenregister Kopel 8' und Flöte 4', die als Grundregister fungieren und wohl noch aus der Barockzeit stammen, also an die 250 Jahre alt sind. Wenn man heute einen Orgelbauer beauftragen würde, diese Register nachzubauen, zu imitieren, so wäre das unmöglich.  Fakten wie der niedere Winddruck, die Windstössigkeit, die, ausschließliche Handarbeit und vor allem der abgelaufene Alterungsprozess sind maßgeblich.  Dem ist das "Anstoßen" des Pfeifenklangs mit seinem Vorläuferton, das dezente Zischen und Pfauchen zu verdanken, das dem Pfeifenklang Reiz und Lebhaftsein verleiht.