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Meditation zu Fronleichnam


Es war an einem Gründonnerstag. Das Gedächtnis des Abendmahls war gefeiert worden, und das Brot, Zeichen und Gegenwart der göttlichen Liebe, sollte in seiner kostbaren Monstranz und gefolgt von den Gläubigen, an einen anderen Ort ziehen, damit die Kirche sich rüsten konnte für das bevorstehende Leiden und Sterben ihres Herrn. Der Pfarrer hatte jedoch vergessen, eine jener sogenannten "Priesterhostien" in die Konsekration mit einzubeziehen, die genau in das Schaugehäuse der Monstranz passen. In der kleinen Gottesdienstgemeinschaft wurden stets große Hostien verwendet, die, mehrfach und hörbar gebrochen, buchstäblich miteinander geteilt werden konnten. Die "übriggebliebenen Brotstücke" bewahrte man auf, bis auch sie gebraucht wurden. Ein solches Brotstück mußte nun den Gläubigen zur Anbetung dienen. Mit gezackten Rändern und scharfen Kanten saß es auf seiner mondsichelförmigen Halterung, umstrahlt von Gold und umspielt von leuchtenden Rubinen. Klein und verletzlich wirkte es in all dieser Pracht. Ein nach menschlichem Ermessen vollkommenes Gefäß trug in seinem Herzen ein Fragment, ein Bruchstück.

"Dieses Brot sollst du erheben, welches lebt und gibt das Leben, das man heut‘ den Christen weist." Als Thomas von Aquin (1225-1274) die Sequenz "Lauda Sion" schrieb, die heute noch zum Evangelium der Fronleichnamsliturgie hinführt, hatte sich ein tiefgreifender Wandel vollzogen – nicht nur im Brot, sondern auch in den Herzen der Christen, die dieses Brot immer seltener empfingen. Anschauen wollte man es statt dessen, staunend und voller Ehrfurcht und wohl auch mit einem Schuß Aberglauben, wenn man einem Zeitzeugen glauben darf: "Sie kommen, wenn sie die Glocke läuten hören, betreten die Kirche, um die Erhebung zu sehen, und wenn es vorbei ist, verlassen sie die Kirche so schnell, als ob sie den Teufel gesehen hätten." Um das Jahr 1200 hatte man damit angefangen, die Hostie nach der Wandlung hochzuheben, so daß sie jedem Auge gut sichtbar wurde. Stand sie da nicht wie ein magisches Zeichen, wie eine Schutzmacht über den Häuptern der Gläubigen? Das Brot, das sich die Menschen in der Gegenwart des Herrn einst hatten auf der Zunge zergehen lassen dürfen, war zum Gegenstand der Faszination geworden.

Das Vierte Laterankonzil hatte im Jahre 1215 die Lehre von der Transsubstantiation verkündet, und gewiß haben die Prediger mit all ihrem Vermögen und Unvermögen wortreich darüber gesprochen und versucht, den Menschen einen Weg zu diesem göttlichen Geheimnis zu bahnen – die aber machten sich ihren eigenen Reim darauf: Daß Gott in ein einfaches Stück Brot hineinging, war ein unvergleichliches Wunder. Es verlieh diesem Brot Macht - und denen, die über es verfügten, den Priestern. Vor allem aber verlieh es Schutz den Gläubigen, die es verehrten und in ihrem Glauben hochhielten. War es nicht zu würdig, um einfach zerkaut und gegessen zu werden? War da das Schauen nicht angemessener?

"Was das Auge nicht kann sehen, der Verstand nicht kann verstehen, sieht der feste Glaube ein." Thomas, der große Theologe hat um die Grenzen des Schauens gewußt. Das Wunder der Brot gewordenen Liebe war nicht für die Augen, sondern für den Glauben bestimmt. Ob die gelehrte Ehrfurcht aber auch die allzumenschliche Versuchung kannte, das Wunder mit Macht und Magie zu verwechseln? "Hoc est enim corpus meum." Die Einsetzungsworte, von Paulus im Korintherbrief (1 Kor 11,24) überliefert, wurden im Kirchenlatein, so wie es im Ohr der Ungelehrten seinen Widerhall fand, zum Hokuspokus, zur Zauberei. Weit weg war es gerückt und hoch hinauf, "dieses Brot, mit dem im Saale Christus bei dem Abendmahle die zwölf Jünger hat gespeist". Es wurde besungen, man kniete vor ihm nieder, man trug es durch die Straßen. Sein Geschmack, der Geschmack des Lebens drohte in Vergessenheit zu geraten. Die Reformatoren mußten sich darüber empören, daß es für die Verehrung der erhobenen Hostie sogar Ablässe gab. Sie erinnerten daran, daß das Brot zum Essen bestimmt war, und daß man die Heilige Schrift befragen müsse, um dem Vermächtnis des Herrn treu zu bleiben. Der Herr selbst aber ließ sich nicht beirren in seiner Hingabe. Das Brot ließ sich widerstandslos anschauen und hochheben, es wurde weiterhin durch die Straßen getragen und auf Altäre gestellt, umrahmt von Blumen, Bannern und Statuen, begleitet von Glockenklang und frommem Gesang. Spiele und andere weltliche Vergnügungen gesellten sich zum Fronleichnamsfest hinzu, das ganze bunte Leben. Mancherorts wurde das Brot hinausgetragen auf die Felder, um das Korn, aus dem es einst gebacken werden sollte, vor Unwetter zu schützen. Es kannte die Freuden der Menschen ebenso wie ihre Ängste. Im Grunde ging es immer um Nahrung und Sättigung, um das Überleben und um das Leben selbst, um Bedrängnis und Erlösung. Schau es dir an, haben sie ihm gesagt. Er hat es sich nicht nur angeschaut. Christus ist hineingegangen in die Geschichte und die vielen Geschichten bis heute. Auch so ist er zum Brot geworden, das sich brechen und verzehren läßt.

Vielleicht sollte die Kirche dieses gebrochene Brot den Menschen zeigen. Es erinnert an die Bruchstücke der Welt, an ihre gezackten Ränder und scharfen Kanten, an denen der Herr sich blutig gestoßen hat und mit denen er sie dennoch liebt bis in den Tod. Nicht zuletzt erinnert es die Kirche an ihre eigene unvollendete Gestalt: Sie selbst ist ja auseinandergebrochen in verschiedene Konfessionen und darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie die Einheit und den Frieden noch nicht endgültig gefunden hat. Das Fragment mag sie trösten: "Wird die Hostie auch gespalten, zweifle nicht an Gottes Walten, daß die Teile das enthalten, was das ganze Brot enthält." Ihre Spaltungen können seine Liebe nicht mindern. Die Hostie aber muß gespalten, das Brot geteilt und ausgeteilt werden. Dazu ist es bestimmt. Das Schauen ist nur ein Moment zwischen Geben und Empfangen. Ein Moment des Innehaltens. Denn die selige Schau der göttlichen Liebe bleibt der Ewigkeit vorbehalten. In diesem Leben brauchen wir die Liebe im Brot, das wir essen und genießen dürfen, um Lebenskraft und Freude zu schöpfen und damit der Welt zu zeigen: Seht, von dieser Art ist unser Gott!
 

Andrea Pichlmeier

publiziert in: Christ in der Gegenwart Nr. 24/2001