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St. Petersburg und Novgorod


Erste russische Wallfahrtskirche als Vision
Begegnungen mit Kultur und Kirche in Russland

Während der „Weißen Nächte“ hat eine 35-köpfige Pilgergruppe der Diözese Passau Kirche und Kultur St. Petersburgs kennengelernt. Höhepunkt der Pilgerreise ist ein Besuch der katholischen Gemeinde Mariä Heimsuchung gewesen.

Hier ist alles Gold was glänzt: Die langen Spitzen von Admiralität und Peter-und-Paul-Kathedrale, die Kuppeln vieler Kirchen und Klöster, die unglaubliche Pracht in den Zarenpalästen. Sogar der Bernstein im rekonstruierten, legendären Bernsteinzimmer schimmert golden.

Prachtvoll präsentieren sich auch die russisch-orthodoxen Kirchen in St. Petersburg, wenn auch anders, als wir es gewohnt sind. Wie etwa das Alexander-Newskij-Kloster. Hier erlebte die Pilgergruppe einen orthodoxen Gottesdienst. Die Gläubigen zünden Kerzen an, bestellen (und bezahlen) Gebete für ihre Angehörigen oder Verstorbenen, küssen Ikonen, bekreuzigen und verbeugen sich. Nur eines tun sie nicht: sich hinsetzen. Denn der Gottesdienst wird stehend gefeiert. Der augenfälligste Unterschied zum westlichen Kirchenraum ist die Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte Bilderwand mit drei Türen, die das Kirchenschiff vom Altarraum trennt.

Aber auch andere Religionen sind in St. Petersburg präsent. Am Prachtboulevard Newskij Prospekt stehen auf wenigen hundert Metern eine armenische, eine katholische und eine lutherische Kirche. Sie erinnern bis heute an die welt- und religionsoffene Politik des Stadtgründers Peter der Große, der allen Neuankömmlingen die freie Religionsausübung garantierte.

Rund 200 Jahre nach der Stadtgründung änderte sich mit der Oktoberrevolution die Lage für die Kirchen grundlegend. Die Sowjets wollten die christliche Religion beseitigen. Die großen Gotteshäuser der Stadt, die Kasaner und die Isaaks-Kathedrale, wurden zu „Museen des Atheismus“, andere Gotteshäuser wurden als Werkstatt oder Lager genutzt oder schlicht dem Verfall preisgegeben. Eine selbst für sowjetische Verhältnisse ausgefallene Umnutzung erfuhr die 1838 eröffnete lutherische Petrikirche. Nachdem die Kirche der deutschen Protestanten zum Jahreswechsel 1937/38 von den Sowjets geschlossen, die wertvolle Ausstattung beschlagnahmt, ihre Pastoren verhaftet und erschossen worden waren, wurde hier zunächst eine Lagerhalle eingerichtet. Ende der 1950er Jahre veranlasste Nikita Chruschtschow die Umwandlung der Petrikirche in ein Hallenbad mit einem 50-Meter-Becken und Zehn-Meter-Sprungturm anstelle des Altars.

Das Badewasser ist schon lange abgelassen, doch die frühere Nutzung der Kirche ist unverkennbar. Das stellten auch die Passauer Russland-Pilger fest, die auf den steilen Zuschauertribünen Platz nahmen und den ungewöhnlichen Kirchenraum, der seit 1993 wieder als Kirche genutzt wird, bei einer Andacht auf sich wirken ließen.

Seit 1999 ist auch die ehemalige katholische Friedhofskirche Mariä Heimsuchung auf der Wyborger Seite wieder im Besitz der katholischen Kirche. Das 1938 enteignete und dann als Agrarbetrieb genutzte Gotteshaus liegt heute inmitten eines Industriegebiets. Nur wenige Minuten von der St. Petersburger Innenstadt entfernt erlebte die Pilgergruppe das krasse Gegenprogramm zu den prachtvoll restaurierten Palästen des „Venedigs des Nordens“: Die Kirche - halb verfallen. Der Turm - teilweise abgetragen. Überall bröckelnder Putz, feuchte Mauern und notdürftig eingezogene Wände und Leitungen.

Der halb verfallene Kirchenbau tritt in den Hintergrund, wenn man Pater Richard Stark trifft. Seit 1999 ist der Ordensbruder der Steyler Missionare in Russland. Die Ideen, Pläne und Visionen für die Zukunft von Mariä Heimsuchung sprudeln nur so aus ihm heraus: Neben der Sanierung der Kirche und dem Bau eines Pfarrhauses möchte Pater Stark den zur Kirche gehörenden, heute überbauten Wyborger Friedhof zurückbekommen. Einen „Park der Erinnerung“ für die 40000 hier begrabenen Toten und von den Sowjets ermordeten Pfarrern möchte er einrichten, ebenso eventuell ein Kolumbarium. Die Gemeinde soll Anlaufstelle für Arme und Bedürftige werden und dann soll Mariä Heimsuchung zur ersten Wallfahrtskirche in Russland überhaupt werden, natürlich mit einer eigenen Ikone. Und noch eines liegt dem im Oktober 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Russland-Missionar besonders am Herzen: die Zusammenarbeit mit den Orthodoxen und den Lutherischen.

Doch all dies zu verwirklichen kostet viel Geld und – viel Geduld. 15 Jahre hat es allein gedauert, bis vor kurzem wenigstens ein Teil des Friedhofs an die Gemeinde zurückgegeben wurde. „Man muss eine Eselsgeduld haben und die habe ich von 28 Jahren in Afrika“, sagt Richard Stark, ruhig und zufrieden, aber auch hoffend, dass sich Menschen finden, die seine Arbeit weiter führen.

250 Familien aus Russland, Asien, Afrika und Europa gehören zu seiner Gemeinde und feiern in dem notdürftig hergerichteten Altarraum ihre Gottesdienste. Auch die Passauer Pilger feierten hier nach der intensiven Begegnung mit Pater Stark eine Heilige Messe. „Mariä Heimsuchung ist ein Ort, der getragen ist von Hoffnung, gehalten vom Vertrauen und gestärkt vom Glauben“, sagte Domkapitular Manfred Ertl. „Man spürt: Hier wird Kirche aufgebaut.“ (Dr. Anette Konrad)

Info:
Mehr Informationen über Mariä Heimsuchung, die Arbeit von Pater Stark und die Stiftung finden sich unter www.visitmaria.ru.