Menu

Predigt Lichterprozession in Altötting von Diözesanbischof Wilhelm Schraml am 14. August: Aufbruch zu Maria - Aufbruch durch Maria


"Das bairisch Volk ist geistlich, get, läuft gern kirchenferten, hat auch viel kirchfahrt." So beginnt Aventin von Abensberg seine berühmte Beschreibung der Menschen unseres Landes. Und wer über diesen Satz nur kurz die Augen schließt, sieht den gewaltigen Strom der Pilger, der vor allem hier in Altötting über mehr als 500 Jahre nie abgerissen ist. Er sieht die ungezählten Menschenzüge, die durch unser Land pilgern - singend und betend - in immer neuem Aufbruch aus ihrem Zuhause, dem hochheiligen Bild unserer Lieben Frau entgegen. Er vernimmt das unaufhörliche Rufen von Lobpreis und Bitte und die unauslöschliche Melodie ihrer Lieder: "Sei gegrüßt viel tausendmal, o Königin Maria, o Maria!"

Aufbruch zu Maria - das gehört zu unserem Volk und Land wie der Atem des Lebens. Wann und wo immer er schwächer wurde in der Zeit, da hebt er in der nächsten umso mächtiger an. Haben wir dies nicht alle miterlebt, als die Schritte der Menschen zu Maria unsicher geworden sind? Und erleben wir jetzt nicht einen neuen Aufbruch zur "Mutter der Kirche", die schon immer die offene Tür war, damit die Menschen eintreten durch sie hindurch in die Ziel- und Lebensmitte unseres Glaubens und dort Jesus Christus finden, den Sohn der Jungfrau Maria?

Aufbrechen sagen wir, wenn wir uns anschicken, unsere Müdigkeit und Lässigkeit abzustreifen, wenn wir uns auf den Weg machen und einem Ziel entgegengehen. Dieses Wort Aufbruch meint letztlich, das Lager abzubrechen und ein neues Daheim zu suchen. Aufbrechen zur Muttergottes hin meint aber noch weit mehr. Es meint das Hinter sich lassen des Alltags mit seinen Nöten und Sorgen und offen werden auf sie hin und in all das hinein, was sie uns als Mutter des Herrn zu vermelden und zu vermitteln hat.

Wirklicher Aufbruch zu Maria ist daher im Eigentlichen ein Aufbruch durch Maria. Sie möge aufbrechen, was in uns verschüttet ist an Glaube, Hoffnung und Liebe und worin wir uns eingesponnen haben mit unserer rationalen Geschäftigkeit und unseren hunderterlei Vorbehalten gegen Wort und Weisung ihres Sohnes. Maria möge aufbrechen unseren Stolz, unsere Blindheit, unseren Eigensinn, auch unsere Angst, um uns mit ihrer Demut den Weg wirklicher Nachfolge Jesu freizumachen, um uns mit ihrer Klarheit des Herzens umkehren zu lassen von Sünde und Schuld in eine neue Sinneshaltung, und uns mit ihrer Hochgemutheit hineinzuführen in eine Hoffnung, zu der wir berufen sind.

Aufbruch zu Maria. Das ist vor allem auch Bitte an die Mutter des Herrn, sie möge uns aufbrechen für eine neue Freiheit des Geistes, in der wir fähig werden, uns dem Anruf Gottes zu stellen und ja zu sagen zu seinem Wort und zum Werk der Erlösung durch Jesus Christus.

Wer also aufbricht zu Maria, der muss willens sein, sich von ihr hinführen zu lassen in die Endgültigkeit ihrer Entscheidung und ihres Gehorsams: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort!" Wer aufbricht zu Maria, der muss sich fragen lassen, wie er es denn wirklich hält mit ihrer Mahnung: "Was er euch sagt, das tut!"

So wird der Aufbruch zu Maria zum erlösten Ausbruch aus aller Enge von Not und Sorge und wird zum ermutigenden Anruf, mit dem die Wallfahrer sich mit einem Lied von der Muttergottes verabschiedeten: "Nun brecht auf, wir ziehen fort, o Königin! Dir gilt unser letztes Wort, o Königin! Maria, o Maria sei gegrüßt!"

Natürlich hatten diese Pilger auch ihre Nöte ausgebreitet vor ihr, die Sorge um das tägliche Brot, um die eigene Familie, die Last ihrer Schuld und ihrer friedlosen Zeit, Plage und Mühe ihres Alltags. Natürlich haben sie vertrauend ihr "O Maria hilf!" gebetet, wie es auch uns an diesem Abend nicht minder ansteht.

Aber wenn sie von diesem hochheiligen Bild aufgebrochen sind, dann war es eben doch mehr. Sie wussten, dass die Hand der Mutter sie aufgebrochen hat für ein neues Glauben, Hoffen und Lieben. Sie haben erfahren, dass die Mutter sie hingeführt hat zu ihrem Sohn, unserem einzigen Retter und Erlöser. Und sie vertrauten darauf, dass die Mutter sie begleitet mit ihrer Güte und ihrem Segen.

Und warum sollte es bei uns nicht anders sein, wenn wir heute Abend nach Hause gehen, heim in die Zwänge und Nöte unseres Lebensalltags, aber als solche, die den Mut gefunden haben, Christus einzulassen in ihr Herz.

Wir sind aufgebrochen zu Maria. Wir haben unserer Lieben Frau unser Loblied gesungen. Die Goldene Rose, die ihr unser Heiliger Vater Papst Benedikt morgen schenkt als bewegendes Zeichen und unmittelbares Zeugnis seiner besonderen Wertschätzung, erfüllt uns mit tiefer Freude und Dankbarkeit. Danke, Heiliger Vater, für dieses Zeichen Deiner Liebe zu Unserer Lieben Frau von Altötting.

Diese hohe Auszeichnung kann uns nur anspornen in unserem inständigen Gebet für unseren Heiligen Vater, damit er als Hirte der Universalkirche auch weiterhin so kraftvoll und überzeugend voranschreitet, uns stärke im Glauben und uns auf eine gute Weide führe. Heilige Muttergottes, breite deinen mütterlichen Mantel aus über unseren Heiligen Vater!

Heilige Muttergottes, bitte auch für uns! Führe uns zu Jesus - o gute, o milde, o süße Jungfrau Maria!