Haus Papst Benedikt XVI. - Neue Schatzkammer und Wallfahrtsmuseum
40 Jahre Partnerschaft Passau – Alagoinhas
40 Jahre Partnerschaft Passau – Alagoinhas
von Dr. Hans Wagenhammer
„Amerika – Kontinent der Hoffnung“. Das galt zunächst für die Einwanderer. Für Südamerika bezeichnet es den wirtschaftlichen Aufschwung. Das gilt besonders für das größte Land Brasilien. Es ist allein 24 mal so groß wie Deutschland. Dabei wuchs aber auch die Kluft zwischen der kleinen reichen Minderheit und der Masse der Armen. Sie verschärfte sich in der Wirtschaftskrise zur Zeit der Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 regierte, und ist noch immer ein gravierendes Problem.
Der Aufbruch war auch für die Kirche spannungsreich. Brasilien war zwar seit der Kolonialzeit katholisch, aber doch Missionsgebiet. Das änderte sich entscheidend durch das Zweite Vatikanische Konzil. Die Bemühungen, das kirchliche Leben durch die Katholische Aktion zu verstärken, bekamen zentrale Bedeutung, weil die Kirche sich grundsätzlich als Volk Gottes in der Welt von heute definiert hat, das sich in den Ortsgemeinden sammelt und durch alle Gläubigen missionarisch ausstrahlt. Zudem soll die Kirche als Zeichen und Werkzeug für Christus als dem Licht der Völker im Dialog mit allen Menschen guten Willens der Formung der verschiedenen Kulturen dienen und sich um die Menschen mit ihren realen Nöten sorgen. Das haben gerade die Kirchen in Lateinamerika aufgegriffen. In Medellin beschloss 1868 die Bischofs¬konfe¬renz die Option für die Armen und den Einsatz für Solidarität und Gerechtigkeit als vorrangiges Ziel, und den Aufbau von Basisgemeinden als Weg der Pastoral. Mit biblischer Spiritualität und Kampf für die Befreiung von unmenschlichen Bedrückun¬gen sollen die Gemeinden zu wirklichen Zeichen der Hoffnung werden.
Wie kam es zur Partnerschaft Passau Alagoinhas?
Auch in Passau gab es die konziliare Aufbruchsstimmung. Die bewegte die drei Kapläne Helmut Lebert, Gerd Brandstetter und Kasimir Spielmann, als Team in die Mission zu gehen. Das Konzil hatte die Aufforderung an die Bischöfe, auch Weltpriester in die Mission zu schicken, die schon Papst Pius XII. 1957 (Enz. Fidei donum) erhoben hatte, noch einmal betont (Ad Gentes 38). Deshalb war auch Bischof Simon Konrad gern bereit, sie auszusenden. Als Ziel fand er Alagoinhas bei Salvador in Bahia. Den dortigen Erzbischof hatte er auf dem Konzil kennen gelernt. Er kannte auch den belgischen Benediktiner José Cornelis, der vorher in der Mission in Afrika gewirkt hatte. Nun sollte er um Alagoinhas in einem Gebiet, das dreimal so groß ist wie das Bistum Passau und etwa die gleiche Katholikenzahl hatte, aber nur 18 Pfarreien und 20 Priester, eine neue Diözese aufbauen. Da waren die Helfer sehr nötig.
Helmut Lebert entschied sich dann anders. Aber Gerd Brandstetter und Kasimir Spielmann und seine Schwester Anna machten sich auf den Weg. Nach einem Sprachkurs fuhren sie im Februar 1969 mit einem Frachtschiff nach Brasilien.
In Alagoinhas fanden sie eine rasant wachsende Stadt. 1960 gab es 38000 Einwohner, 1970 waren es 80000, jetzt sind es 160000. Eine Kirche hatten zwar schon die Jesuiten gebaut. Davon blieb aber nur eine Ruine. Seit dem 19. Jahrhundert gab es eine Pfarrkirche. 1965 errichteten italienische Kapuziner eine zweite Pfarrei.
Unterkunft fanden die drei Passauer zunächst beim Bischofsvikar im kleinen Pfarrhaus. So war die erste dringliche Aufgabe, ein neues Pfarrhaus zu bauen. Das wurde aber auch ein wichtiges Pastoralprojekt. Mit den einheimischen Bauarbeitern lernten ihre Sprache kennen, und konnten erleben, wie die Leute aufblühen, wenn sie wichtig sein dürfen und Ausländer ihnen nicht als Kolonialherren begegnen. So lernten sie auch die elementaren Nöte kennen und das Grundproblem, dass sie als unveränderliches Schicksal erduldet wurden. Damit wurde klar: Pastoral muss der ganzheitlichen Entwicklung der Menschen dienen. Hoffnung wird lebendig, wenn die Leute herausgeholt werden aus passiver Lethargie. Dazu brauchten sie Hilfe zur Selbsthilfe und den Aufbau von stützenden Gemeinschaften. Damit wuchs auch das Interesse an Bildung, an motivierenden Glaubenskursen und am kirchlichen Leben. So wurde die Idee der Basisgemeinden wirklich konkret. Dazu mussten dann auch Katechisten und Verantwortliche für die verschiedenen sozialen Projekte gefunden und geschult werden.
Das Passauer Team musste also neben den spezifisch priesterlichen Aufgaben und der Katechese auch viel Praktisches anregen und fördern. Zu bewältigen war diese Vielfalt durch die Aufteilung der Zuständigkeiten. Kasimir Spielmann übernahm das Amt des Pfarrers. Nach der Errichtung der Diözese wurde er 1974 Generalvikar und Diözesancaritasdirektor. Die Seelsorgehelferin Anna kümmerte sich neben dem Haushalt und Kirchenchor um die Bildungsarbeit, besonders bei den Frauen. Und der ehemalige CAJ-Kaplan Gerd Brandstetter setzte seinen Schwerpunkt in sozialen Projekten. Den Anfang machte er mit einer Kampagne, bei der in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit in Häuser der Armen sanitäre Anlagen eingebaut und der hygienische Notstand behoben wurde. Bei der Sorge um die Gesundheit, ließen sich überhaupt billige und doch sehr wirksame Hilfen finden. So konnte die Kindersterblichkeit stark gesenkt werden durch Kräutermischungen, mit denen die Ernährung ergänzt wurde. Mit geschulten Leuten konnten dann Sozialstationen entstehen, und Kontakte zu Frauen und Familien, mit denen kirchliches Leben aufblühte. Das erlebte Heil konnte in der Katechese gedeutet und in der Eucharistie mit Freude gefeiert werden. Und das können die Brasilianer sehr erlebnisstark mit Gesängen, Trommeln und Tänzen. Damit verbinden sich Frömmigkeit und Leben zu einer wesentlichen Erfahrung.
1970 kam Kaplan Ludwig (Wiggerl) Jungbauer zum Team. Seine Stärke waren die handwerklichen Fähigkeiten, die er vielfach nutzen konnte. Es entstanden 12 Gemeindezentren, ein Schwesternhaus, 12 Sozialhäuser und 80 Sanitäranlagen. Das war durchaus Pastoral: „Für so manche Familie ist damit Jesus als Licht und Retter der Welt begreiflicher geworden und die Kraft der Gemeinschaft offenbar“.
1974 wurde das Team nochmals erweitert mit dem Pastoralreferenten Josef Thalhammer. 1975 kam auch seine Frau Marlis nach Alagoinhas. Er bekam in der jetzt errichteten Diözese die Aufgabe, die Organisation und Verwaltung aufzubauen. Marlis übernahm die Leitung des diözesanen Bildungszentrums. Sie wohnten in einer Stadtrandsiedlung und verwurzelten die Kirche mitten im Volk. In ihrer Nachbarschaft wurde auch die einzige amerikanische Kommunität der Brüder von Taizé gegründet, die das kirchliche Leben in Alagoinhas jetzt stark prägt. Sie organisierten eine Schule für Behinderte, in der sie mit kreativen Ideen beeindruckende Erfolge erzielen. Es gibt ein Orchester von Taubstummen und eine Radrallye mit Tandems, die von einem Blinden und einem Taubstummen gefahren werden.
Die Priester konnten nun Pfarreien auf dem Land aufbauen mit dem bewährten Weg einer ganzheitlichen Pastoral. Gerd Brandstetter ging 1975 nach Aramari. Hier entstand die erste Landarbeitergenossenschaft. 1979 übernahm er die Pfarrei Conde am Meer. Dort sorgte er für Gesundheitsstationen, für die Behebung der Wohnungsnot nach einer Überschwemmung, und die Organisation der Fischer. Ludwig Jungbauer wurde 1977 die Pfarrei Teodoro Sampaio übertragen, in der viele Nachfahren der afrikanischen Sklaven leben. Für sie war vor allem wichtig, dass sie Vertrauen und Selbstbewusstsein gewinnen. Dabei bewährte sich wieder das ganz praktische Zusammenarbeiten beim Bauen. Es wurde in jeglicher Hinsicht zur Basis für den geistlichen Aufbau.
Den sollten freilich andere weiterführen. Nachdem von Anfang an vereinbart war, dass die Teams nur auf Zeit in Alagoinhas bleiben und wieder in die Diözese Passau zurückkehren, und nach dem Ende der Militärdiktatur wieder Missionare in Brasilien einreisen durften, kam es 1986 zum Wechsel. Gerd Brandstetter kam 1986 zurück und übernahm den Pfarrverband Jandelsbrunn–Wollaberg. 1989 trieb es ihn aber wieder nach Brasilien. Dort hat er in der Diözese Guarabira ein blühen¬des Kinderdorf aufgebaut. Ludwig Jungbauer übernahm 1986 die Pfarrei Sonnen, ging aber von 1990 auch in die Diözese Guarabira und kümmerte sich dort bis 2001 um drei Pfarreien. Kasimir Spielmann kam 1987 zurück und war bis zur Pensionierung (2002) Pfarrer in Unterneukirchen und Kastl. Seine Schwester Anna Spielmann war schon 1980 ins Bistum Passau zurückgekommen und hat sich bis 1987 im Diözesanreferat Mission, Entwicklung, Frieden sehr eingesetzt.
Das neue Team waren die Kapläne Georg Duschl, Josef Göppinger und Robert Rödig. Sie konnten 1986 anknüpfen an der Aufbauarbeit der Vorgänger. Es hatte sich aber auch einiges verändert. In Brasilien gab es nach dem Ende der Militärdiktatur weniger politischen Druck. Damit verlor der Kampf um die ganzheitliche Befreiung an Schärfe, die auch innerkirchlich zu harten Auseinandersetzungen um die Befreiungstheologie geführt hatte. Die Sozialarbeit bekam mehr Möglichkeiten. Die Kirche bekam aber auch eine harte Konkurrenz durch das Eindringen fundamentalistisch evangelikaler Sekten. Die Bischofskonferenz regte deshalb an, den Weg der Basisgemeinden mit biblischer Spiritualität und Beteiligung der Laien zu vertie-fen. Das Bibelzentrum lieferte dazu gute Konzepte und Materialien. Besondere Schwerpunkte waren und sind Aktionen im Bibelmonat und die Kampagne der Brüderlichkeit (Campanha da Fraternidade) in der Fastenzeit mit brennenden Themen. 1986 ging es um die landlosen Familien, 1987 um die Straßenkinder.
In der jungen Diözese Alagoinhas hatte Dom José den Bischofsstab an den Brasilianer Dom Jaime Mota de Farias übergeben. Mit ihm galt es den Aufbau weiter zu führen und die Pastoral in den Pfarreien zu stärken. Bei der geringen Priesterzahl entsprechen diese unseren Dekanaten, und umfassen viele Basisgemeinschaften, die vom Pfarrer nur hin und wieder auf manchmal abenteuerlichen Wegen besucht werden können. Deshalb war es eine wichtige Aufgabe, verantwortliche Animadores als Gemeindeleiter und Katechisten zu finden und regelmäßig zu schulen. Das war schon deshalb schwierig, weil manche nur an den Markttagen eine Busverbindung hatten.
Georg Duschl fand seine Arbeitsfelder in der Pfarrei Santo Antonio in Alagoinhas und Catu und Teodoro Sampaio. Bei der Caritas oblag ihm die Koordination der Kindergärten. 1991 übernahm er die Pfarreien Acajutiba und Aporá. Josef Göppinger ging nach der Einarbeit in Alagoinhas, bei der er sich besonders um die soziale Gerechtigkeit für ausgebeutete Frauen kümmerte, 1991 nach Rio Real. Robert Rödig ging nach Entre Rios und Crisópolis. Dabei konnten sie teilweise die Arbeit von Vorgängern fortsetzen. In Rio Real gab es sogar eine sehr charismatische Ge-meinde. Aber der Aufbau von Basisgemeinden auf dem Land und die sozialen Nöte forderten auch zu neuen Versuchen. So ist es Josef Göppinger gelungen, mit armen Landarbeitern eine Genossenschaft aufzubauen, die dann fair gehandelten Orangensaft in bayerische Weltläden liefern konnte.
Auch für dieses Team kam aber die Zeit der Ablösung. 1992 kamen die Kapläne Bernhard Kraus und Konrad Lorenz nach Brasilien. Georg Duschl und Robert Rödig kehrten 1993, und Josef Göppinger 1994 ins Bistum Passau zurück und übernahmen Pfarrverbände, in denen sie ihre Erfahrung mit großen Seelsorgebezirken gut nutzen konnten.
Bernhard Kraus übernahm von Georg Duschl die Pfarrei Acajutiba, wechselte aber 1996 auf die Stelle des deutschen Ausländerseelsorgers in der Millionenstadt Sao Paulo. Dort ist mit 800 deutschen Unternehmen der größte Industriestandort außerhalb der BRD. 2001 kam er zurück und übernahm den Pfarrverband Eichendorf.
Konrad Lorenz wurde Nachfolger von Robert Rödig in Crisopolis, und dann auch von Bernhard Kraus in Ajacutiba. Nachdem er 2001 heiratete, übernahm er die Leitung eines Straßenkinderprojekts in Rio de Janeiro. Seit 2005 ist er Religionslehrer in Vilshofen..
Mit Bernhard Kraus und Konrad Lorenz ging auch Rosmarie Obermeier als Entwicklungshelferin für drei Jahre nach Brasilien. Sie kümmerte sich vor allem um Frauengruppen und die Caritas. 2001 entschloss sie sich zur Ehe mit dem Diözesanratssprecher Francisco und damit zum Brasilienaufenthalt auf Lebenszeit. Seitdem arbeitet sie intensiv im Bereich der Kinderpastoral, der Diözesancaritas und bei Projekten in ihrem Wohnort Ajacutiba, wo sie Passauer Anfänge am Wachsen hält.
Die Tradition der Passauer Fidei-Donum-Priester in Alagoinhas ist aber nicht ganz abgebrochen. Von 2001 bis 2007 war Josef Göppinger nochmals dort und hat neben der Pfarrei Conde die Diözesancaritas geleitet. Dabei setzte er sich besonders ein für die Ansiedlung von Landlosen, die inzwischen legal möglich wurde. Seit 2006 ist auch Bernhard Kraus wieder dort. Auf Drängen des neuen Bischofs Dom Paulo ist er freigestellt, um in einer rasch wachsenden Urlaubsregion an der Atlantikküste eine Pfarrei aufzubauen. Weil hier ausländische Investoren tätig sind, ist seine Erfahrung sehr gefragt. Grundsätzlich hat sich aber die Situation verändert. In Alagoinhas wächst die Zahl der Priester. In Passau aber nimmt sie ab. Deshalb wurde schon überlegt, ob die Hilfe mal umgekehrt wird.
Die Partnerschaft wurde inzwischen auf einer anderen Ebene verstärkt. Über 50 junge Leute sind schon als Missionare und Missionarinnen auf Zeit in Brasilien gewesen. Sie pflegen die Kontakte weiter. Auch all die Leute, die mal als Gäste in Alagoinhas gewesen sind, sind so beeindruckt zurückgekommen, dass ihnen die Partnerschaft wichtig bleibt.
Dabei ist klar, dass die Früchte bei uns nicht so sichtbar sind wie dort. Aber es ist doch spürbar, dass die Öffnung für die Weltkirche unserem Bistum sehr gut getan hat. Wir sind nicht nur Provinz, und können in der Situation, da unser Land wieder zum Missionsland wird, von den lebendigen jungen Kirchen lernen. Ihre christliche Freude sollte uns wirklich noch mehr anstecken!
Deshalb tut es gewiss gut, wenn wir die Partnerschaft bedacht feiern!





