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Als der Pfingsttag gekommen war


Datum: 
17.05.2018

Eine Pfingstbetrachtung von Künstlerseelsorger Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner

 

Initiale „D“, Antiphonarium Cisterciense, Cod. 20 f 87v, Pergament, Anfang 13. Jahrhundert, Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz, Niederösterreich.
Foto: Stift Heiligenkreuz/Bearbeitung: Dionys Asenkerschbaumer
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Als der Pfingsttag gekommen war

Eine Pfingstbetrachtung von Künstlerseelsorger Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner

 

Weihnachten ist konkret: Maria, Josef und das Kind, Hirten und Herde, das ist plastisch, geradezu greifbar. Ostern ist dagegen schon schwieriger, denn das „Phänomen Auferstehung“ lässt sich nur schwer in Worte fassen. Doch bei Pfingsten musste sich schon Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, die Metaphern mit der Tinte aus der Feder pressen, wenn er versucht des Geistes Wirken in Worte zu fassen: Brausen, Wind, Sturm, Feuerzungen, allesamt metaphorische Eselsbrücken für das Geistgeschehen. Genau deshalb freut sich der Prediger auf Pfingsten nicht im Geringsten. Wo jedoch das Wort an seine Grenzen stößt, da hilft die Kunst weiter, in diesem Fall die Schreib-, Mal- und Buchkunst des Hohen Mittelalters.
Das Bild rechts zeigt die Initiale D eines im Anfang des 13. Jahrhunderts im Zisterzienserstift Heiligenkreuz gefertigten Antiphonars mit wörtlichem Zitat von Apg 2,1: „Dum complerentur dies pentecostes… Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“ Der Initialenmaler vereinigt die Elf im Buchstaben D wie in einem bergenden Raum. Die Häupter der ersten Apostelreihe sind nach oben gerichtet. Sie erblicken jenen, der sich durch den Heiligenschein und die segnende Rechte als der Segnende schlechthin, der Christus, ausweist. So schafft der Buchmaler einen Anschluss an das dem Pfingsttag vorausgegangene Himmelfahrtsgeschehen, von dem es bei Lukas heißt, Jesus habe sich segnend gen Himmel erhoben. (Lk 24,50ff.)

Welche Bedeutung dem segnend scheidenden Christus zuzumessen ist, hat unser papa em. Benedikt in seinem Jesusbuch (II) festgehalten. „Jesus scheidet segnend. Segnend geht er, und im Segen bleibt er. Seine Hände bleiben ausgebreitet über diese Welt. Die segnenden Hände Christi sind wie ein Dach, das uns schützt. Aber sie sind zugleich eine Gebärde der Öffnung, die die Welt aufreißt, damit der Himmel in sie eindringe, in ihr Gegenwart werden kann.“ (S. 318) Jesu Himmelfahrt ist keine Abkehr von der Welt, sondern die im Segensgestus sich vollziehende Öffnung der Achse Erde-Himmel. Indem er segnend zum Vater heimkehrt, reißt er gleichsam den Himmel auf. Fortan steht der Himmel offen und alle Menschen guten Willens können mit dem Gott und Vater Jesu in Kontakt treten.
Es mag paradox klingen, doch indem Jesus weggeht, bleibt er – in der Kraft seines Geistes. Das ist die Geburtsstunde der Kirche, weshalb die Kirche zu Pfingsten Geburtstag feiern kann. Und was bewirkt der Geist in der Kirche? Die biblischen Pfingsttexte und deren künstlerische Umsetzung lehren uns:

  • Kirche ist stets betende Kirche (Papst Franziskus, „Gaudete et Exultate [GE] Nr. 149). Der Geist treibt die Elf und die Kirche zum Gebet, zum Dialog mit Gott an. Wo Kirche das Gebet vernachlässigt und zu einem Debattierclub verkommt, wo sie sich (viel) zu sehr mit sich selbst und folglich zu wenig mit Gott und den Menschen, beschäftigt (Nr. 107), dort degradiert sie sich zu einem Nabelschauverein, ja, dort rüttelt sie an ihren Fundamenten. Ohne die „Lunge des Gebetes“, so Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ (Nr. 262), droht der Kirche der spirituelle Erstickungstod. Der Geist jedoch erhält sie im pulsierenden Gebet am Leben.
  • Kirche ist ein bergender Ort für alle. Vom Jüngsten bis zum Ältesten, vom Vitalen und Gesunden bis zum Kranken, vom Intelligenten bis zum einfach Gestrickten, vom Armen bis zum solidarisch handelnden Reichen, in ihnen allen wirkt der Geist Gottes, sie alle haben in der Kirche Platz. Keiner soll sich (zu) wichtig nehmen und sich über den anderen erheben, keiner soll meinen, den Geist exklusiv für sich gepachtet zu haben (GE Nr. 117).
  • Kirche ist communio. Geeint in Glaube, Hoffnung und Liebe, gesegnet von Christus und erfüllt von seinem Geist trägt sie Jesu Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes in alle Welt und der Geist bewirkt, dass die Kirche diesem Auftrag (Mt 18,20) ebenso entschlossen wie mutig nachkommt. Die Getauften haben also eine wichtige Sendung, ja sie sind eine Sendung (GE Nr. 27). Verweigern sie sich diesem Auftrag, so verweigern sie sich Gott und seinem Heiligen Geist.
Gottes Geist
gegen Lethargie
und Bequemlichkeit

All das versucht Lukas auszudrücken. Seinem Versuch, das Geistwirken in Worte zu fassen, fügt die Initiale D noch zwei Metaphern hinzu. Die geschwungenen Arabesken, die vom segnenden Christus ausgehen, erfassen die Elf wie in einem Strudel, reißen die Apostel gleichsam mit der Sogwirkung des Geistes Gottes mit – nicht um sie (wie der Diabolos es täte) untergehen zu lassen, sondern um sie zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen. Kinder kennen das von Freizeitbädern ganz gut, wo der Strudel am Ende der langen Rutsche sie erfasst, durcheinanderwirbelt, ins Wasser eintaucht und ihnen ein Glücksgefühl beschert, das sie freudig aufjauchzen lässt. Welche Freude mag die Elf beim Kommen des Geistes erfasst haben! Ist diese aus dem Herzen aufsteigende Freude heute noch in den Christen und in der Kirche spürbar? Merkt man, dass der Geist Gottes auch heute seine Kirche durchwirbeln und auffrischen will, oder widerstehen wir Christen ihm mit deutscher Gründlichkeit und Ordnungsliebe standhaft, auf dass alles so bleibe, wie es vermeintlich schon immer war? (GE Nr. 130)
Am rechten bauchigen Bildrand erkennen wir zwei athletische Figuren, die sich gleich Turnern am Buchstaben D entlang hanteln. Auch sie sind vom Geist Ergriffene, ja geradezu Beflügelte. Der in ihnen wirkende Geist befähigt sie zu akrobatischen Übungen, zu denen die ängstlichen Elf wohl nicht fähig sind. Sie stehen für jene Wagemutigen, von denen Franziskus in „Gaudete et Exultete“ schreibt. Sie sind jene „theologischen Fassadenkletterer“, die auf Antrieb des Geistes mit Enthusiasmus und großer Freude an die Evangelisierung herangehen (Nr. 129), die die sicheren Grenzen verlassen, weil sie wissen, „dass verschlossene Räume am Ende nach Moder riechen und uns krankmachen“. (GE Nr. 133). Papst Franziskus erinnert: Als die Apostel die Versuchung innerer Lähmung spürten, flüchteten sie ins Gebet und es ward ihnen „parhesia“, Wagemut zuteil. Wenn Wagemut ein „Kennzeichen des Heiligen Geistes ist, Zeugnis für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung“ ist (GE Nr. 132), kann man mit Fug und Recht sagen, dass Gottes Geist besonders in den „theologischen Fassadenkletterern“ wirkt und durch sie die träge Menschenmasse immer wieder der Lethargie und Bequemlichkeit entreißt. Wie das vonstattengehen soll, lehrt uns die oben zitierte Apg 4,32:  Die betende Kirche wird zu der vom Geist erbebenden Kirche. Durchlüftet, durchschüttelt und aufgerüttelt vom Geist bietet sich ihr die Chance, gar manches gemäß den Erfordernissen unserer Zeit neu aufzubauen. Ob sie die nötige „parrhesía“ dazu findet? Beten wir darum!

 

Domvikar
Msgr. Dr. Bernhard Kirchgessner

 

 

 

 

 

 

 

 

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