Seit vielen Jahren schon findet in Passau alljährlich ein Gebetstag für Betroffene und mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs statt – ein bewusstes Zeichen gegen sexualisierte Gewalt und für die Solidarität mit Betroffenen. Vor dem Hintergrund der Aufarbeitungsstudie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum, die voraussichtlich noch im Herbst dieses Jahres veröffentlicht wird, hatte der Gebetstag am 16. November einen besonderen Stellenwert. „Sie wird viele Fragen und Schmerzen wecken. Wir stehen in dieser Spannung – zwischen Erschütterung und der Hoffnung, dass Wahrheit freimacht“, führte eine Betroffene zu Beginn der Andacht nach der Begrüßung von Bischof Stefan Oster in die Thematik ein. Weiter meinte sie: „Wenn wir heute an die Opfer sexueller, physischer und psychischer Gewalt erinnern, dann denken wir an Menschen, denen das Wichtigste genommen wurde – ihre Würde. Sie haben Missachtung und Missbrauch am eigenen Leib erfahren, einmal oder immer wieder, längst vergangen und doch bis heute gegenwärtig.“ Bei allen Wunden und allem Schmerz bringe sie aber Hoffnung mit, „in der Gewissheit, dass Gottes Ruf uns gilt – heute, hier, mitten im Leben.“
Lazarus, komm heraus!
Barbara Westermeier, Vorständin der Pfarrcaritas Aicha v. W., engagiert sich seit Jahren für das Institutionelle Schutzkonzept in ihrem Pfarrverband Fürstenstein. Sie verlas die Lesung aus dem Johannesevangelium von der Geschichte der Auferweckung des toten Lazarus durch Jesus, welche die seelische Wirklichkeit missbrauchter Menschen widerspiegelt und deren Botschaft die ganze Andacht durchzog. Beginnend mit seinem Tod hatte Lazarus sechs Heilungsschritte erfahren: Tod, Verlassenheit, Stein, Gestank, Binden und Ruf. Auf diese Heilungsschritte ging die Betroffene im Anschluss an die Lesung in kurzen Betrachtungen und anhand von Symbolen genauer ein, zusammen mit der Präventionsbeauftragten Bettina Sturm. Ein Bildnis der Aufweckung Lazarus‘, Binden, ein Stein sowie eine Kerze als Symbol der Hoffnung auf Heilung durch Christus veranschaulichten die Impulse. Zum letzten Heilungsschritt, dem Ruf Jesu mit den Worten „Lazarus, komm heraus!“ erklärte die Betroffene schließlich: „Auferweckung heißt nicht Rückkehr in die Vergangenheit, sondern ein Neuanfang mit Narben. Lazarus steht nicht makellos da – aber lebendig. Und Jesus? Er weint, bevor er ruft. Seine Tränen sind das Herz Gottes, das mitleidet, bevor es heilt.“
„Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!”
Erneuerte Herzen – Predigt
Zu Beginn seiner Predigt dankte Bischof Stefan Oster der Betroffenen für das Teilen ihrer Leiderfahrung und das Zeugnis ihres tiefen Glaubens. Ihre Offenheit hätte berührt, so der Bischof. Bezugnehmend auf die Geschichte Lazarus‘ aus der Lesung betonte er: „Das für mich Bewegende ist, wie sehr sich Jesus durch dieses Leid bewegen lässt.“ Aus seiner Erschütterung heraus hätte Christus das Wunder bewirkt und Lazarus vom Tod ins Leben zurückgebracht. Die Uraufgabe der Kirche sei es, so Bischof Oster, Menschen zu helfen, „die Berührung und Begegnung mit diesem Licht zu finden“. Und genau hier läge jetzt die große Tragödie, weil Menschen der Kirche dazu beigetragen hätten, dieses Lebenslicht zu verdunkeln. „Umso wundersamer ist es, dass unter uns Betroffene sind, die sich trotz ihres Leidens in der Kirche und an der Kirche nicht davon haben abhalten lassen, immer noch mitten in dieser Kirche das Heil zu suchen.“ Ihnen allen dankte er sehr. „Sie helfen uns allen, genauer hinzuschauen, eigene blinde Flecken zu entdecken. Sie helfen uns allen, das eigene Herz uns erweitern und anrühren zu lassen von dem, was in dieser Kirche auch geschehen konnte.“ Von „verstockten Herzen“ sei an einer anderen Stelle im Markusevangelium die Rede, so der Bischof. „Verstockte Herzen im Blick auf Gott und im Blick auf das Leid von Menschen sind Phänomene jederzeit.“ Sie seien das Grundproblem unseres erlösungsbedürftigen Herzens. Er bete dafür, dass diese Gebetsandacht alle in der Kirche von Passau lehre, zu trauern und sich erschüttern zu lassen. „Und zwar so (…), dass erneuerte Herzen auch in Wege der Erneuerung münden können. In erneuerte Wege, vor allem auch für und mit den vielen, die oft so dramatisch verwundet worden sind. Herr, erbarme dich unser!“
Gespräch und Austausch
Nach den Fürbitten, verlesen durch Domdekan Hans Bauernfeind, Hauptabteilungsleiter Seelsorge und Evangelisierung, und der Präventionsfachkraft Markus Gillhofer, dankte der Bischof schließlich allen Mitwirkenden. Sein besonderer Dank galt der Betroffenen sowie dem Vorbereitungsteam der Andacht um die Stabsstelle Prävention unter der Leitung von Bettina Sturm und das Seelsorgeamt unter der Leitung von Domdekan Hans Bauernfeind. Ebenso dankte er dem Musik-Trio mit Domkapellmeister Andreas Unterguggenberger am Klavier, Thomas Plewnia an der Violine, und Alina Kunz am Cello, das die Andacht musikalisch umrahmte. Nach dem gemeinsamen Gebet zum Gedenktag bestand noch Gelegenheit zum Gespräch im Foyer von Spectrum Kirche.
Mehr zum Thema Prävention
Weitere Informationen rund um die Themen Prävention gegen sexualisierte Gewalt, Präventionsarbeit im Bistum Passau, Intervention und Hilfsangebote für Betroffene finden Sie hier:
Mehr zur Aufarbeitungsstudie
Weitere Informationen rund um die unabhängige wissenschaftlichen Studie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum Passau (1945−2020) finden Sie gesammelt hier:



