„Nehmt den Stein weg!“

Stefanie Hintermayr am 16.11.2025

Info Icon Foto: Stefanie Hintermayr / pbp

Beim diesjährigen Gebetstag für Betroffene und mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs hat Bischof Stefan Oster SDB eine Andacht zelebriert. Im Anschluss bestand in Spectrum Kirche Passau noch Gelegenheit zum Gespräch.

Seit vie­len Jah­ren schon fin­det in Pas­sau all­jähr­lich ein Gebets­tag für Betrof­fe­ne und mit Betrof­fe­nen sexu­el­len Miss­brauchs statt – ein bewuss­tes Zei­chen gegen sexua­li­sier­te Gewalt und für die Soli­da­ri­tät mit Betrof­fe­nen. Vor dem Hin­ter­grund der Auf­ar­bei­tungs­stu­die zu sexu­el­lem Miss­brauch und kör­per­li­cher Gewalt im Bis­tum, die vor­aus­sicht­lich noch im Herbst die­ses Jah­res ver­öf­fent­licht wird, hat­te der Gebets­tag am 16. Novem­ber einen beson­de­ren Stel­len­wert. Sie wird vie­le Fra­gen und Schmer­zen wecken. Wir ste­hen in die­ser Span­nung – zwi­schen Erschüt­te­rung und der Hoff­nung, dass Wahr­heit frei­macht“, führ­te eine Betrof­fe­ne zu Beginn der Andacht nach der Begrü­ßung von Bischof Ste­fan Oster in die The­ma­tik ein. Wei­ter mein­te sie: Wenn wir heu­te an die Opfer sexu­el­ler, phy­si­scher und psy­chi­scher Gewalt erin­nern, dann den­ken wir an Men­schen, denen das Wich­tigs­te genom­men wur­de – ihre Wür­de. Sie haben Miss­ach­tung und Miss­brauch am eige­nen Leib erfah­ren, ein­mal oder immer wie­der, längst ver­gan­gen und doch bis heu­te gegen­wär­tig.“ Bei allen Wun­den und allem Schmerz brin­ge sie aber Hoff­nung mit, in der Gewiss­heit, dass Got­tes Ruf uns gilt – heu­te, hier, mit­ten im Leben.“

Lazarus, komm heraus!

Bar­ba­ra Wes­ter­mei­er, Vor­stän­din der Pfarr­ca­ri­tas Aicha v. W., enga­giert sich seit Jah­ren für das Insti­tu­tio­nel­le Schutz­kon­zept in ihrem Pfarr­ver­band Fürs­ten­stein. Sie ver­las die Lesung aus dem Johan­nes­evan­ge­li­um von der Geschich­te der Auf­er­we­ckung des toten Laza­rus durch Jesus, wel­che die see­li­sche Wirk­lich­keit miss­brauch­ter Men­schen wider­spie­gelt und deren Bot­schaft die gan­ze Andacht durch­zog. Begin­nend mit sei­nem Tod hat­te Laza­rus sechs Hei­lungs­schrit­te erfah­ren: Tod, Ver­las­sen­heit, Stein, Gestank, Bin­den und Ruf. Auf die­se Hei­lungs­schrit­te ging die Betrof­fe­ne im Anschluss an die Lesung in kur­zen Betrach­tun­gen und anhand von Sym­bo­len genau­er ein, zusam­men mit der Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten Bet­ti­na Sturm. Ein Bild­nis der Auf­we­ckung Laza­rus‘, Bin­den, ein Stein sowie eine Ker­ze als Sym­bol der Hoff­nung auf Hei­lung durch Chris­tus ver­an­schau­lich­ten die Impul­se. Zum letz­ten Hei­lungs­schritt, dem Ruf Jesu mit den Wor­ten Laza­rus, komm her­aus!“ erklär­te die Betrof­fe­ne schließ­lich: Auf­er­we­ckung heißt nicht Rück­kehr in die Ver­gan­gen­heit, son­dern ein Neu­an­fang mit Nar­ben. Laza­rus steht nicht makel­los da – aber leben­dig. Und Jesus? Er weint, bevor er ruft. Sei­ne Trä­nen sind das Herz Got­tes, das mit­lei­det, bevor es heilt.“

Jesus rief mit lau­ter Stim­me: Laza­rus, komm her­aus! Da kam der Ver­stor­be­ne her­aus; sei­ne Füße und Hän­de waren mit Bin­den umwi­ckelt und sein Gesicht war mit einem Schweiß­tuch ver­hüllt. Jesus sag­te zu ihnen: Löst ihm die Bin­den und lasst ihn weggehen!”

Joh 11,21-44

Erneuerte Herzen – Predigt

Zu Beginn sei­ner Pre­digt dank­te Bischof Ste­fan Oster der Betrof­fe­nen für das Tei­len ihrer Lei­d­er­fah­rung und das Zeug­nis ihres tie­fen Glau­bens. Ihre Offen­heit hät­te berührt, so der Bischof. Bezug­neh­mend auf die Geschich­te Laza­rus‘ aus der Lesung beton­te er: Das für mich Bewe­gen­de ist, wie sehr sich Jesus durch die­ses Leid bewe­gen lässt.“ Aus sei­ner Erschüt­te­rung her­aus hät­te Chris­tus das Wun­der bewirkt und Laza­rus vom Tod ins Leben zurück­ge­bracht. Die Urauf­ga­be der Kir­che sei es, so Bischof Oster, Men­schen zu hel­fen, die Berüh­rung und Begeg­nung mit die­sem Licht zu fin­den“. Und genau hier läge jetzt die gro­ße Tra­gö­die, weil Men­schen der Kir­che dazu bei­getra­gen hät­ten, die­ses Lebens­licht zu ver­dun­keln. Umso wun­der­sa­mer ist es, dass unter uns Betrof­fe­ne sind, die sich trotz ihres Lei­dens in der Kir­che und an der Kir­che nicht davon haben abhal­ten las­sen, immer noch mit­ten in die­ser Kir­che das Heil zu suchen.“ Ihnen allen dank­te er sehr. Sie hel­fen uns allen, genau­er hin­zu­schau­en, eige­ne blin­de Fle­cken zu ent­de­cken. Sie hel­fen uns allen, das eige­ne Herz uns erwei­tern und anrüh­ren zu las­sen von dem, was in die­ser Kir­che auch gesche­hen konn­te.“ Von ver­stock­ten Her­zen“ sei an einer ande­ren Stel­le im Mar­kus­evan­ge­li­um die Rede, so der Bischof. Ver­stock­te Her­zen im Blick auf Gott und im Blick auf das Leid von Men­schen sind Phä­no­me­ne jeder­zeit.“ Sie sei­en das Grund­pro­blem unse­res erlö­sungs­be­dürf­ti­gen Her­zens. Er bete dafür, dass die­se Gebets­an­dacht alle in der Kir­che von Pas­sau leh­re, zu trau­ern und sich erschüt­tern zu las­sen. Und zwar so (…), dass erneu­er­te Her­zen auch in Wege der Erneue­rung mün­den kön­nen. In erneu­er­te Wege, vor allem auch für und mit den vie­len, die oft so dra­ma­tisch ver­wun­det wor­den sind. Herr, erbar­me dich unser!“

Gespräch und Austausch

Nach den Für­bit­ten, ver­le­sen durch Dom­de­kan Hans Bau­ern­feind, Haupt­ab­tei­lungs­lei­ter Seel­sor­ge und Evan­ge­li­sie­rung, und der Prä­ven­ti­ons­fach­kraft Mar­kus Gill­ho­fer, dank­te der Bischof schließ­lich allen Mit­wir­ken­den. Sein beson­de­rer Dank galt der Betrof­fe­nen sowie dem Vor­be­rei­tungs­team der Andacht um die Stabs­stel­le Prä­ven­ti­on unter der Lei­tung von Bet­ti­na Sturm und das Seel­sor­ge­amt unter der Lei­tung von Dom­de­kan Hans Bau­ern­feind. Eben­so dank­te er dem Musik-Trio mit Dom­ka­pell­meis­ter Andre­as Unter­gug­gen­ber­ger am Kla­vier, Tho­mas Plew­nia an der Vio­li­ne, und Ali­na Kunz am Cel­lo, das die Andacht musi­ka­lisch umrahm­te. Nach dem gemein­sa­men Gebet zum Gedenk­tag bestand noch Gele­gen­heit zum Gespräch im Foy­er von Spec­trum Kirche.

Mehr zum Thema Prävention

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen rund um die The­men Prä­ven­ti­on gegen sexua­li­sier­te Gewalt, Prä­ven­ti­ons­ar­beit im Bis­tum Pas­sau, Inter­ven­ti­on und Hilfs­an­ge­bo­te für Betrof­fe­ne fin­den Sie hier:

Prävention gegen sexualisierte Gewalt

"Augen auf – hinsehen & handeln!"

So lauten die Leitprinzipien für die Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Bistum Passau

Mehr zur Aufarbeitungsstudie

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen rund um die unab­hän­gi­ge wis­sen­schaft­li­chen Stu­die zu sexu­el­lem Miss­brauch und kör­per­li­cher Gewalt im Bis­tum Pas­sau (19452020) fin­den Sie gesam­melt hier:

Aufarbeitungsstudie

Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum Passau (1945-2022).

Weitere Nachrichten

Bistum
13.12.2025

Komm heraus! - Ein neuer Anfang

In den folgenden Tagen lesen und hören Sie hier Gedanken einer von sexuellem Missbrauch betroffenen Person. 

Das glauben wir
12.12.2025

Gott ist anders!

Die Predigt zum 3. Adventssonntag am 14. Dezember 2025 von Dekan Christian Altmannsperger.

Bistumsblatt
12.12.2025

Muttergottes kehrt heim

Längst aus dem Gedächtnis der Bevölkerung verschwunden, ist die einst bedeutende ...

Bistum
12.12.2025

Löst ihm die Binden

In den folgenden Tagen lesen und hören Sie hier Gedanken einer von sexuellem Missbrauch betroffenen Person.