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Weltkirche

„Ich glaube an die Kraft der Solidarität“

Yvonne Haderer am 24.10.2019

News_2019_Präsidentin_MDN info-icon-20px Foto: Frauenmissionswerk

Margret Dieckmann-Nardmann wurde in Münster zum dritten Mal als Präsidentin an die Spitze des päpstlichen Frauenmissionswerkes gewählt / Neugründungen in Partnerländern geplant

Zum drit­ten Mal wur­de Mar­gret Dieck­mann­Nard­mann aus Ost­be­vern jetzt von der in Müns­ter tagen­den Gene­ral­ver­samm­lung zur Prä­si­den­tin des Päpst­li­chen Mis­si­ons­wer­kes der Frau­en in Deutsch­land (PMF; Frau­en­mis­si­ons­werk) gewählt. Seit zwölf Jah­ren und nun für eine erneu­te Amts­zeit von sechs Jah­ren steht die Theo­lo­gin und Sozi­al­päd­ago­gin, die haupt­be­ruf­lich in der Gemein­de­pas­to­ral tätig ist, an der Spit­ze des Wer­kes. Im Inter­view spricht sie über die Visi­on für die Zukunft des Werks, ihre Erwar­tun­gen und For­de­run­gen an die Ama­zo­nas-Syn­ode, über bis­he­ri­ge Mei­len­stei­ne ihres Enga­ge­ments für das Hilfs­werk sowie über aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen für die Arbeit, die welt­weit Frau­en und Mäd­chen stärkt, för­dert und unterstützt.

Frau Dieckmann-Nardmann, Sie sind erneut zur Präsidentin des Frauenmissionswerkes gewählt worden. Was haben Sie sich für Ihre dritte Amtszeit vorgenommen?

Mar­gret Dieck­mann-Nard­mann: Wir wol­len unse­re Arbeit und unser Enga­ge­ment nicht nur mit vol­ler Kraft fort­füh­ren – son­dern wir wol­len das Frau­en­mis­si­ons­werk auch in ande­ren Län­dern auf­bau­en, damit sich auch dort Frau­en und Mäd­chen in Soli­da­ri­tät mit ande­ren Frau­en und Mäd­chen enga­gie­ren kön­nen. Dabei geht es uns nicht dar­um, unse­ren Pro­jekt­part­ne­rin­nen etwas über­zu­stül­pen oder auf­zu­drü­cken. Wir reagie­ren damit auf den aus­drück­li­chen Wunsch und auch auf die Bin­dung und das Bekennt­nis unse­rer Pro­jekt­part­ne­rin­nen zum Frau­en­mis­si­ons­werk. Den Anfang soll Ruan­da machen, wo ich im Spät­som­mer auf mei­ner Pro­jekt­rei­se bereits ers­te Gesprä­che in die­se Rich­tung geführt habe.

Das Frauenmissionswerk setzt sich weltweit für Frauen und Mädchen ein, die unter Menschenrechtsverletzungen, Gewalt, Ungleichheit oder schlechten Lebensbedingungen leiden. Was sind die vordringlichsten Aufgaben?

Dieck­mann-Nard­mann: Dass wir ein Bewusst­sein dafür schaf­fen, dass Frau­en und Mäd­chen gleich­be­rech­tigt sind und gleich­wer­tig – ganz unab­hän­gig davon, wo und wie sie leben. Unse­re Welt wird nur eine Zukunft haben, wenn Frau­en und Män­ner gleich­be­rech­tigt und part­ner­schaft­lich mit­ein­an­der leben und die jewei­li­ge Gesell­schaft mit­ein­an­der gestal­ten. Hier ist noch unfass­bar viel zu tun – und das über­all in der Welt. Es kann nicht sein, dass Poli­ti­ke­rin­nen für ihr Geschlecht beschimpft wer­den. Und es darf vor allem nicht sein, dass Frau­en und Mäd­chen wei­ter­hin benach­tei­ligt wer­den, aus­ge­grenzt und in ihrer Ent­wick­lung und frei­en Ent­fal­tung behin­dert. Noch weni­ger dür­fen wir hin­neh­men, dass Mäd­chen und Frau­en an vie­len Orten der Welt auf vie­ler­lei Wei­se Gewalt ange­tan wird, dass sie ver­folgt, ver­stüm­melt oder getö­tet werden.

Wo sehen Sie den Stand der Entwicklung? Ist durch die Gender-Debatten im Westen etwas in Bewegung gekommen, das dem globalen Engagement zugutekommen könnte?

Dieck­mann-Nard­mann: Ja, es ist etwas mehr Bewe­gung hin­ein­ge­kom­men in die öffent­li­che Dis­kus­si­on. Auch dadurch, dass Frau­en auf­ste­hen und ihre Stim­me erhe­ben. Die Me-too“-Bewegung hat dar­an ihren Anteil. Sie hat die Öffent­lich­keit auf­ge­rüt­telt, hat die Miss­brauchs­skan­da­le öffent­lich und bewusst gemacht. Das hat auch in der Kir­che dazu geführt, dass Gewalt gegen Frau­en und Miss­brauch an ihnen stär­ker the­ma­ti­siert wird. Aber hier ist noch viel auf­zu­ar­bei­ten. Frau­en trau­en sich heu­te ins­ge­samt eher, Unrecht zu benen­nen, aber es ist noch viel zu tun – inner­kirch­lich, gesamt­ge­sell­schaft­lich und weltweit.

Was heißt das für Sie und das Frauenmissionswerk?

Dieck­mann-Nard­mann: Wir dür­fen sel­ber nicht nach­las­sen dar­in, offen aus­zu­spre­chen, wo Unrecht geschieht, auch da, wo wir sind, wo wir leben. Wir im Frau­en­mis­si­ons­werk leben und arbei­ten nach dem bibli­schen Mot­to Tali­ta kum – Mäd­chen, steh auf“. Aber an zu vie­len Orten in der Welt ste­hen Frau­en noch immer nicht auf­recht! Und solan­ge sie das nicht kön­nen, wer­den wir uner­müd­lich dafür wei­ter­ar­bei­ten, Mäd­chen und Frau­en stark zu machen! Wir wol­len, dass Frau­en selbst­be­wusst für sich selbst und für­ein­an­der ein­ste­hen kön­nen und dass Frau­en ihr Poten­zi­al frei ent­fal­ten und ihr Leben frei wäh­len können.

Was ist notwendig, damit das gelingt?

Dieck­mann-Nard­mann: Bewusst­seins­bil­dung fängt zu Hau­se an, im Kin­der­gar­ten, in der Schu­le. Die­se Gleich­gül­tig­keit und die unglei­che Behand­lung von Mann und Frau, die wir noch immer erle­ben, dürf­te und darf es im Jahr 2019 nicht mehr geben, ob es um den unter­schied­li­chen Zugang zu Bil­dung geht, um patri­ar­cha­le Struk­tu­ren oder ande­res. Hier ist aber nicht nur jeder Ein­zel­ne gefor­dert, son­dern auch die Poli­tik, die für ent­spre­chen­de Rah­men­be­din­gun­gen sor­gen muss. Es muss mehr inves­tiert wer­den in die Aus- und Fort­bil­dung ent­spre­chen­der Lehr­kräf­te, sozia­ler Fach­kräf­te und ande­rer not­wen­di­ger Pro­zess­be­glei­ter und Ver­ant­wort­li­cher. Und auch die Kir­chen sind hier gefragt!

Was fordern Sie von der Kirche?

Dieck­mann-Nard­mann: Am Stel­len­wert des Frau­en­mis­si­ons­wer­kes in der katho­li­schen Kir­che zeigt sich die Rol­le der Frau­en in der Kir­che. Es ist drin­gend not­wen­dig, dass wir hier end­lich wirk­li­che Augen­hö­he und vol­le Teil­ha­be haben – auch mit Blick auf die Ämter­fra­ge. Frau­en muss es mög­lich sein, ihre Beru­fung zu leben – in allen Berei­chen, in denen Frau­en beru­fen sind. Wir sind nicht die dienst­ba­ren Geis­ter“ in Pfarr­haus oder Gemein­de­saal. Frau­en tra­gen auf vie­ler­lei Wei­se das gemeind­li­che und pas­to­ra­le Leben. Der Umgang mit ihnen, das part­ner­schaft­li­che Mit­ein­an­der und die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en und Män­nern eben auch in der Kir­che ist ent­schei­dend für die Zukunft der Kirche.

Erwarten Sie sich hier neue Impulse durch die Amazonas-Synode?

Dieck­mann-Nard­mann: Ich ste­he im Kon­takt mit Teil­neh­mern der Ama­zo­nas-Syn­ode. Die Wie­der­ho­lung des Kata­kom­ben­pak­tes ist ein sehr wich­ti­ges Signal, es zeigt die Hin­wen­dung der Teil­neh­mer zu den Armen. Das kann ich nur begrü­ßen und ich wert­schät­ze es sehr. Es ent­spricht voll­kom­men der Aus­rich­tung des Frau­en­mis­si­ons­wer­kes und mei­ner per­sön­li­chen. Opti­on für die Armen“ muss aber auch bedeu­ten, dass auch die Ver­ant­wort­li­chen in der Lei­tung der Kir­che und auch der Hilfs­wer­ke den Fokus mehr und mehr auf Mäd­chen und Frau­en legen.

Was heißt das konkret?

Dieck­mann-Nard­mann: Es darf nicht sein, dass Kir­chen­trä­ger sich nicht bei­spiels­wei­se den Mäd­chen­müt­tern zuwen­den und die Ursa­chen sol­cher gesell­schaft­li­cher Miss­stän­de nicht bekämp­fen. Es gibt aber durch­aus auch Ver­ant­wort­li­che, die uns um Unter­stüt­zung in die­sem Bereich bit­ten, weil sie die Not der Mäd­chen erken­nen und ihre Aus­wir­kun­gen für die Gesell­schaft sehen. Unse­re For­de­rung an Kir­chen­ver­tre­ter ist, sol­che Miss­stän­de als nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen patri­ar­cha­ler Struk­tu­ren zu sehen – und dage­gen tätig zu wer­den. Und noch ein Punkt ist mir wich­tig zur Ama­zo­nas­Syn­ode: Der Zugang zur Eucha­ris­tie für die Men­schen, denen sie als Quel­le des Lebens sehr wich­tig ist, darf nicht von der Anzahl der Pries­ter abhän­gen, wie auch Bischof Erwin Kräut­ler immer wie­der betont, der die Syn­ode maß­geb­lich mit vor­be­rei­tet hat. Dazu müs­sen umge­hend – zum Wohl der Men­schen – syn­oda­le Beschlüs­se und Ent­schei­dun­gen getrof­fen werden.

Sie selbst engagieren sich seit Jugendtagen für die Rechte von Frauen in der Kirche und für die Eine Welt. Was ist Ihre Vision für das Frauenmissionswerk, aber auch für die Eine Welt?

Dieck­mann-Nard­mann: Ich glau­be an die Kraft des Klei­nen, ich glau­be an die Kraft der Soli­da­ri­tät. Das Leben Jesu ist mir Ori­en­tie­rung für mein Leben. Kon­kret bedeu­tet das die Hin­wen­dung zum Men­schen, beson­ders zu den Unter­drück­ten, den Armen, den Wit­wen und Wai­sen. Es war das Frau­en­hilfs­werk, das mich moti­viert hat, mich dort zu enga­gie­ren, als Frau mit ande­ren Frau­en soli­da­risch zu sein, mit Mäd­chen und Frau­en, die unter Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen lei­den. Mei­ne Visi­on ist, mit einem Frau­en­bünd­nis die, die am Ran­de ste­hen, in die Mit­te holen – hier und weltweit.

Wie soll das gelingen?

Dieck­mann-Nard­mann: Unse­re Mit­glie­der bren­nen für die gute Sache. Sie zeich­nen sich durch ein hohes Maß an Enga­ge­ment aus. Im Bereich der Para­men­ten­fer­ti­gung, der von Anfang an bis vor kur­zem zu unse­rem Auf­ga­ben­spek­trum gehör­te, haben die Frau­en oft bis in die Nacht hin­ein gear­bei­tet. Das Frau­en­mis­si­ons­werk ist zudem fast voll­stän­dig ehren­amt­lich getra­gen, wir haben kei­nen gro­ßen Ver­wal­tungs­ap­pa­rat. Unse­re Grün­de­rin Katha­ri­na Schyn­se hat das Werk 1893 aus dem Nichts her­aus geschaf­fen. Vie­le unse­rer Frau­en haben vie­le groß­ar­ti­ge Ideen. Seit 2017 bekom­men wir – wie vie­le katho­li­sche Ver­bän­de und Orga­ni­sa­tio­nen – kei­ne Mit­tel mehr vom VDD, dem Ver­band der Diö­ze­sen Deutsch­lands. Das war ein gro­ßer Ein­schnitt – aber das alles führ­te auch zu neu­er Klar­heit und Unab­hän­gig­keit. Es befrei­te uns und for­der­te uns her­aus, neu zu han­deln. Wir sagen heu­te mehr denn je: Wir schaf­fen das!“ Ich glau­be an das Gute im Men­schen und dass wir Gleich­gül­tig­keit und Apa­thie über­win­den kön­nen durch eine lebens­be­ja­hen­de Lebenseinstellung.

Das heißt, Sie sind otimistisch für die Entwicklung der Einen Welt?

Dieck­mann-Nard­mann: Es ist viel zu wenig im Bewusst­sein, dass alles zusam­men­hängt. Wir sind abhän­gig von den Arbei­te­rin­nen, die oft unter schwe­ren Bedin­gun­gen und bei nur gerin­gem Lohn die Kaf­fee­boh­nen pflü­cken, damit wir hier unse­ren Kaf­fee genie­ßen kön­nen. Und so gibt es ganz vie­le Berei­che. Das for­dert uns auf, fai­re Arbeits­be­din­gun­gen für die Men­schen vor Ort zu for­dern und zu för­dern, wie wir sie auch für uns selbst in Anspruch neh­men. Es wäre auch mehr als an der Zeit, wirk­lich den Pro­zent­teil für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit zu geben, der ver­ein­bart wur­de – poli­tisch wie kirch­lich. Es gilt dar­über hin­aus, auch hier, in unse­rer Gesell­schaft Rand­grup­pen zu inte­grie­ren, Brenn­punk­te wahr­zu­neh­men und die Men­schen zu för­dern. Auch hier müs­sen wir für gute Lebens­be­din­gun­gen für alle sor­gen. Es müss­te in Deutsch­land kei­ne Tafeln geben, wenn sich grund­le­gend etwas ändert in der Gesellschaft.

Kommen wir abschließend zu einer Bilanz. Zwölf Jahre Frauenmissionswerk für Sie: Was war besonders prägend, was waren Meilensteine?

Dieck­mann-Nard­mann: Da gäbe es eine Fül­le zu nen­nen. Ich habe mich für das Mit­wir­ken in die­sem Werk ent­schie­den, weil ich dadurch eine grö­ße­re Chan­ce sah, Frau­en und Mäd­chen am Ran­de der Gesell­schaft zu einem men­schen­wür­di­gen Leben zu ver­hel­fen, zum Bei­spiel in Ruan­da. Ich habe viel dadurch erlebt und ken­nen­ge­lernt und bin dank­bar für vie­les. Prä­gend war sicher neben mei­nen regel­mä­ßi­gen Besu­chen in den Part­ner­län­dern, die viel­fäl­ti­ge Kir­chen­land­schaft in Deutsch­land und auf welt­kirch­li­cher Ebe­ne ken­nen­zu­ler­nen. Es gab ein­drucks­vol­le Begeg­nun­gen mit Papst Bene­dikt 2011 und mit Papst Fran­zis­kus 2014 und 2018, der sich beson­ders viel Zeit für unser Anlie­gen genom­men hat. Es hat mich auch sehr gefreut, dass der Nun­ti­us, Niko­la Eter­ović, im ver­gan­ge­nen Jahr als Gast und Ver­tre­ter des Paps­tes zu unse­rem 125jährigen Jubi­lä­um kam. Aber es sind nicht die­se Begeg­nun­gen mit Wür­den­trä­gern, die unse­re Arbeit aus­ma­chen. Für mich ist jeder Mensch gleich, ob Bäcker oder Papst, Kakao­p­flü­cker­in oder Kanz­le­rin. Es geht dar­um, bei den Men­schen zu sein und sich für sie ein­zu­set­zen. Prä­gend und an obers­ter Stel­le ist daher für mich immer wie­der neu die Begeg­nung mit den Frau­en und Mäd­chen in den Pro­jekt­län­dern. Die glei­che Luft wie sie zu atmen in den dunk­len Lehm­be­hau­sun­gen, die Karg­heit ihrer Behau­sun­gen zu sehen und die gro­ße Bedeu­tung des christ­li­chen Glau­bens zu spü­ren, wenn sich die Frau­en zum Gebet ver­sam­meln und aus der Gemein­schaft neue Kraft zie­hen. Dar­um enga­gie­ren wir uns im Frau­en­mis­si­ons­werk – um die­se Mäd­chen und Frau­en zu unter­stüt­zen und mit ihnen gemein­sam zu über­le­gen, wie Ver­än­de­rung gelin­gen kann. Denn jede und jeder hat das Recht auf ein gutes, men­schen­wür­di­ges Leben.

Inter­view: Hil­de­gard Mathies

Info Gegrün­det wur­de das Frau­en­mis­si­ons­werk im Jahr 1893 von Katha­ri­na Schyn­se aus Wall­hau­sen. Sitz der Zen­tra­le ist Koblenz. Das Päpst­li­che Mis­si­ons­werk der Frau­en in Deutsch­land enga­giert sich mit sei­nen Mit­glie­dern aus der­zeit 14 deut­schen Diö­ze­sen für die Rech­te von Frau­en und Mäd­chen welt­weit sowie für die part­ner­schaft­li­che Ent­wick­lung in allen Tei­len der Welt.