Bild: Stefanie Hintermayr / pbp
In den folgenden Tagen lesen und hören Sie hier Gedanken einer von sexuellem Missbrauch betroffenen Person - sechs Gedanken entlang der sechs Heilungsschritte des Lazarus. Heute: Lazarus war tot – Totsein mitten im Leben
Wenn wir an die Opfer sexueller, physischer und psychischer Gewalt erinnern, dann denken wir an Menschen, denen das Wichtigste genommen wurde – ihre Würde. Sie haben Missachtung und Missbrauch am eigenen Leib erfahren, einmal oder immer wieder, längst vergangen und doch bis heute gegenwärtig. Bloßgestellt, gedemütigt, verletzt an Körper und Seele. Sowas brennt sich tief ein. Das wollen wir heute nicht übertönen, sondern aushalten. Wir stellen uns dem – im Wissen, dass es keine einfachen Worte gibt.
Als Christinnen und Christen richten wir unseren Blick auf Gott – auf den, der sich in seinem Sohn Jesus Christus bis zum Äußersten mit allen Geschändeten, Gequälten und Misshandelten solidarisiert hat. Dafür steht das Kreuz. Dieser Jesus hängt am Kreuz für all das Schreckliche und Leidvolle, das es in der Welt gibt. Er stellt sich der Zerreißprobe, hält sie aus, schreit auf, leidet, lässt sich brechen und entstellen – um zu zeigen: ICH BIN DA.
Am Kreuz zeigt Jesus seine existentielle Identifikation mit allen Erniedrigten und Geschändeten. So schwer es klingt – das ist seine Leidenschaft, seine Passion: ICH BIN DA FÜR EUCH.
Wir hören einen Ruf, der tief geht: „Lazarus, komm heraus!“ Ein Ruf Jesu – damals an einen Toten im Grab. Ein Ruf Gottes – heute an uns: aus inneren Gräbern, aus Erstarrung, aus dem Verstummen, aus der Angst – ins Leben. Und so bringen wir unsere Wunden, unsere Fragen und unsere Hoffnung mit. In der Gewissheit, dass Gottes Ruf uns gilt – heute, hier, mitten im Leben.
Gedanken einer betroffenen Person:
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Lazarus war tot — Totsein mitten im Leben
„Lazarus, unser Freund, ist eingeschlafen. Ich gehe hin, ihn zu wecken.“
So sagt Jesus im Johannesevangelium.
Totsein – das ist mehr als das Ende des Körpers.
Viele, die Gewalt erlebt haben, wissen, was es heißt, innerlich tot zu sein:
abgeschnitten von sich selbst, von anderen, vom Leben.
Missbrauch lässt die Seele erstarren.
Er tötet Vertrauen, lässt Erinnerung versinken, verschüttet Freude.
Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, erkenne ich diesen Tod:
Phasen, in denen alles stumm wurde, in denen ich nur funktionierte,
um nicht zu spüren, was war.
So liegt Lazarus – und mit ihm viele von uns – im Grab des Verstummens.



