Bistum

Lazarus war tot – Totsein mitten im Leben

Redaktion am 04.12.2025

Info Icon Bild: Stefanie Hintermayr / pbp

In den folgenden Tagen lesen und hören Sie hier Gedanken einer von sexuellem Missbrauch betroffenen Person - sechs Gedanken entlang der sechs Heilungsschritte des Lazarus. Heute: Lazarus war tot – Totsein mitten im Leben

Wenn wir an die Opfer sexu­el­ler, phy­si­scher und psy­chi­scher Gewalt erin­nern, dann den­ken wir an Men­schen, denen das Wich­tigs­te genom­men wur­de – ihre Wür­de. Sie haben Miss­ach­tung und Miss­brauch am eige­nen Leib erfah­ren, ein­mal oder immer wie­der, längst ver­gan­gen und doch bis heu­te gegen­wär­tig. Bloß­ge­stellt, gede­mü­tigt, ver­letzt an Kör­per und See­le. Sowas brennt sich tief ein. Das wol­len wir heu­te nicht über­tö­nen, son­dern aus­hal­ten. Wir stel­len uns dem – im Wis­sen, dass es kei­ne ein­fa­chen Wor­te gibt.

Als Chris­tin­nen und Chris­ten rich­ten wir unse­ren Blick auf Gott – auf den, der sich in sei­nem Sohn Jesus Chris­tus bis zum Äußers­ten mit allen Geschän­de­ten, Gequäl­ten und Miss­han­del­ten soli­da­ri­siert hat. Dafür steht das Kreuz. Die­ser Jesus hängt am Kreuz für all das Schreck­li­che und Leid­vol­le, das es in der Welt gibt. Er stellt sich der Zer­reiß­pro­be, hält sie aus, schreit auf, lei­det, lässt sich bre­chen und ent­stel­len – um zu zei­gen: ICH BIN DA.

Am Kreuz zeigt Jesus sei­ne exis­ten­ti­el­le Iden­ti­fi­ka­ti­on mit allen Ernied­rig­ten und Geschän­de­ten. So schwer es klingt – das ist sei­ne Lei­den­schaft, sei­ne Pas­si­on: ICH BIN DA FÜR EUCH.

Wir hören einen Ruf, der tief geht: Laza­rus, komm her­aus!“ Ein Ruf Jesu – damals an einen Toten im Grab. Ein Ruf Got­tes – heu­te an uns: aus inne­ren Grä­bern, aus Erstar­rung, aus dem Ver­stum­men, aus der Angst – ins Leben. Und so brin­gen wir unse­re Wun­den, unse­re Fra­gen und unse­re Hoff­nung mit. In der Gewiss­heit, dass Got­tes Ruf uns gilt – heu­te, hier, mit­ten im Leben.

Gedanken einer betroffenen Person:

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Laza­rus war tot — Tot­sein mit­ten im Leben

Laza­rus, unser Freund, ist ein­ge­schla­fen. Ich gehe hin, ihn zu wecken.“
So sagt Jesus im Johannesevangelium.

Tot­sein – das ist mehr als das Ende des Kör­pers.
Vie­le, die Gewalt erlebt haben, wis­sen, was es heißt, inner­lich tot zu sein:
abge­schnit­ten von sich selbst, von ande­ren, vom Leben.

Miss­brauch lässt die See­le erstar­ren.
Er tötet Ver­trau­en, lässt Erin­ne­rung ver­sin­ken, ver­schüt­tet Freude.

Wenn ich auf mein eige­nes Leben schaue, erken­ne ich die­sen Tod:
Pha­sen, in denen alles stumm wur­de, in denen ich nur funk­tio­nier­te,
um nicht zu spü­ren, was war.

So liegt Laza­rus – und mit ihm vie­le von uns – im Grab des Verstummens.

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