Foto: Stefanie Hintermayr / pbp
Altmodisch und antiquiert! Genau diese Meinung haben Viele, wenn es um die Beichte geht. Für gläubige Christen dagegen, die regelmäßig beichten gehen, ist das Sakrament der Versöhnung sehr wertvoll. Eine Spurensuche nach einem unterschätzten Sakrament durch unser Bistum zeigt, wo darin für jeden von uns die Chance für einen Neuanfang liegt.
„Du gehst heute noch beichten?“ Eine viel gestellte Frage in der heutigen Zeit. Viele Menschen zeigen sich oft verwundert, wenn gläubige Katholikinnen und Katholiken ihnen erzählen, dass sie sich einem Priester anvertrauen. Es gäbe doch heutzutage so viele andere Möglichkeiten – wie beispielsweise die unzähligen Beratungs- und Therapieangebote –, die bei persönlichen Verfehlungen und Problemen weiterhelfen würden, lautet oft die Argumentation. Man könne sich doch auch anderweitig als mit der Beichte Ratschläge und Hilfe holen. Gerade diejenigen aber, die die Beichte schätzen und regelmäßig beichten gehen, wissen sehr wohl, dass hinter dem Sakrament der Versöhnung weit mehr steckt, als nur das Freisprechen von den eigenen Sünden und dass es auch nicht um bloße „Lebenshilfe“ geht. Das bestätigten auch Jugendpfarrer Hubertus Kerscher, Kapuzinerpater Marinus Parzinger, Gemeindereferentin Jennifer Kinder und Christoph Kochmann, Leiter der Ehe‑, Familien- und Lebensberatung im Bistum Passau, in Interviews. Sie sind sich einig, dass es das Sakrament der Versöhnung gerade heute braucht.
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Ehrliche Reue ermöglicht einen Neuanfang
Zur Frage, warum die Beichte gerade für Christinnen und Christen so wichtig sei, meint Jugendpfarrer Hubertus Kerscher: „Das Christentum ist erst einmal ein Beziehungsgeschehen. Das merken wir schon am wichtigsten Gebot im Evangelium: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Sünden dagegen würden uns von Gott, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt isolieren und absondern, so Kerscher weiter. Und genau diese Trennung will das Beichtsakrament überwinden. Es ist die Zusage, dass ehrliche Reue immer einen Neuanfang ermöglicht, dass die Vergebung Gottes größer ist als alle Schuld.“ Vergebung und die Bereitschaft zu vergeben gehören dabei untrennbar zusammen, betont er. „für mich ist die Beichte der Ort, an dem ich erfahre, dass Gott und seine Kirche diesen Weg mit mir gehen – dass ich nicht allein bin.“
Weniger Menschen, aber intensivere Gespräche
Äußerst lebendig und vielfältig ist die Beichte im Wallfahrtsort Altötting. Der Kapuzinerpater Marinus Parzinger erlebt hier seit 16 Jahren, wie sich das Sakrament verändert und entwickelt hat. „Die Zahl der Menschen, die zur Beichte kommen, wird zwar geringer, aber die Gespräche werden intensiver.“ Zwar sei das Publikum eher mittleren oder höheren Alters, doch gäbe es auch viele Angebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, erklärt er, und nennt Katechesen, Nightfire und Barmherzigkeitsabende als Beispiele. „Insgesamt gibt es ein breites Spektrum, und wir versuchen, den Menschen so weit wie möglich entgegenzukommen.“ Beichten kann man in Altötting – mit ein paar wenigen Ausnahmen – täglich, vormittags, nachmittags oder neuerdings sogar auch abends. In der Regel werden dazu die Beichtzimmer – und nur bei hoher Nachfrage auch die Beichtstühle – genutzt. „Alles ist gut vorbereitet, sodass eine angenehme Gesprächsatmosphäre entsteht. Das wirkt sich spürbar darauf aus, dass sich Menschen öffnen und den Mut haben zu sprechen.“
Ein offener Raum für Kinder – sicher, beschützt und geborgen
Im Pfarrverband Fürstenzell begleitet Jennifer Kinder als Gemeindereferentin Kinder und Jugendliche bei der Erstkommunion- und Firmvorbereitung nach wie vor intensiv und auf lebendige Art und Weise auf das Sakrament der Beichte vor. „Mir ist bei den Kindern besonders wichtig, dass sie zunächst einmal verstehen und erfahren, dass sie an einen verzeihenden Gott glauben können.“ Gerade bei der Erstbeichte der Erstkommunionkinder sei für sie entscheidend, dass trotz aller Verschwiegenheit ein Raum entstehe, der für die Kinder im Leben wichtig und zugänglich sei. „Die Kinder kennen unsere Beichtpriester, und die Priester kennen größtenteils die Kinder. Dadurch entsteht ein offener Raum, in dem sich die Kinder sicher, beschützt und geborgen fühlen können.“
Handle so, als ob alles von dir abhänge, und vertraue auf Gott!
Diakon Christoph Kochmann führt als Leiter der Ehe‑, Familien- und Lebensberatung im Bistum Passau regelmäßig Gespräche mit Menschen, die Rat und Hilfe suchen. „Erfahrungen zeigen zunächst einmal – gerade bei Schuld und ähnlichen Themen –, dass vor allem der entstehende Beziehungsschmerz eine Rolle spielt und dass es dafür einen geschützten Raum braucht“, erklärt er. Es brauche einen sicheren Rahmen, Ruhe, Zeit und jemanden, der zuhöre. Deshalb kämen die Menschen auch gerne zu ihm. Er hört erst einmal zu und gibt dann Impulse für eine mögliche Veränderung – ähnlich wie bei der Beichte. „Die Beichte ist oft die erste Gelegenheit, in Ruhe alles zu sortieren – symbolisch gesprochen – vor sich auszubreiten und darauf zu schauen. Das allein gibt schon ein Gefühl der Erleichterung, des Verstanden-Seins, und eine Art Feedback an die Betreffenden selbst.“ Kein Beratungsgespräch, so betont Kochmann, könne die Beichte ersetzen. Zur Erklärung zitiert er Ignatius von Loyola: „Handle so, als ob alles von dir abhänge, und vertraue so auf Gott, als ob alles von ihm abhänge.“ Diese Worte verdeutlichen Kochmann zufolge die Schnittstelle zwischen Beichte und Beratung. „Wo ich mich in Richtung Gott neu verorten kann und gleichzeitig den Impuls erhalte: Schau auf dein Leben und sieh, welche Möglichkeiten es für positive Veränderungen gibt. Genau dort setzt dann die Beratung an.“
Mehr zum Sakrament Beichte
In einem YouTube-Video spricht Bischof Stefan Oster SDB über das herausfordernde Sakrament der Versöhnung, die Beichte und geht auf zentrale Fragen genauer ein. Wie geht beichten? Was ist dabei zu beachten – insbesondere dann, wenn die letzte Beichte schon länger zurückliegt? Wie läuft das Ganze ab? Und wie oft sollte man beichten gehen? Seine Antworten hier im Video:



