„Berufen? Ich doch nicht!“ „Berufung!?“ Für viele klingt es nach einer Sache, die andere betrifft: Priester, Ordensleute, vielleicht besonders gläubige Menschen. Doch Berufung ist kein Sonderweg. Berufung ist Leben. Sie beginnt da, wo ich jetzt bin – als Schülerin oder Schüler, als Mutter oder Vater, als Rentnerin oder Rentner, als ganz normaler Mensch mitten im Alltag, im Ehrenamt. Gott ruft – leise, manchmal überraschend. Wer zuhört, kann entdecken, wohin der Weg führt.
Berufung ist für alle
Der Jesuit Josef Maureder beschreibt in seinem Buch „Wir kommen, wohin wir schauen“ die Berufung jedes Menschen als dreifachen Ruf:
- Gerufen zum Leben – Mensch sein
- Berufen zur Freundschaft – Christ sein
- Gesandt in die Welt – Zeugin oder Zeuge sein
Jeder und jede von uns ist gemeint. Jede Lebensgeschichte ist von Gott gerufen. Berufung ist dabei kein statischer Zustand, den man einmal findet und dann „hat“. Berufung ist ein Weg, der sich entfaltet, wenn wir beginnen, hinzuhören.
Hören als Schlüssel
Papst Franziskus betont immer wieder, wie wichtig das Zuhören ist – das Hören auf das Wort Gottes, auf die Menschen um uns herum, auf unser eigenes Herz.
„„Es ist sehr wichtig, auf die Stimme des Herrn zu hören, ihr in diesem Dialog zuzuhören und zu sehen, wohin der Herr uns ruft.“”
Berufung beginnt mit Hören. Jesus sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ (Joh 10,27)
Papst Leo XIV. hat es bei einer Predigt am Grab des Hl. Petrus im Mai 2025 so zusammengefasst: „Wenn du über dein Leben nachdenkst, wie erklärst du dir, wo du angekommen bist? Zuzuhören ist die Haltung, die uns hilft, diese Frage zu beantworten.“
Zuhören ist mehr als still sein. Es bedeutet: sich berühren lassen. Sich auf einen echten Dialog einlassen – mit Gott, mit den Menschen, mit sich selbst. Auch im Alltag, auch in schwierigen Situationen, auch in ganz normalen Lebensumständen.
Berufung ist keine Mangelverwaltung
Wenn heute über Berufung gesprochen wird, geschieht das oft im Modus der Sorge: „Es gibt zu wenige Priester, zu wenige Ordensleute, zu wenige Hauptamtliche in der Kirche.“ So dürfen wir in diesem Jahr auch keine Priesterweihe im Dom feiern oder zu der ein oder anderen Primiz pilgern. Aber Berufung ist kein Mangelthema. Berufung ist ein Hoffnungsthema.
Die Kirche braucht Menschen, die Gott hören wollen – nicht nur im Priesterseminar, nicht nur im Kloster, sondern in allen Bereichen: in der Familie, im Beruf, in der Schule, im Ehrenamt, in der Nachbarschaft. Gott ruft in unzähligen Lebensformen.
Die aktuelle Studie zur Motivation von Priesterkandidaten in Deutschland weist darauf hin: Die Krise der priesterlichen Berufungen hängt auch mit der Krise des allgemeinen Priestertums zusammen – also mit den Fragen: Wie sehr verstehen wir uns als Getaufte und als Menschen mit einem Sendungsauftrag? Wie sehr sehen wir das Priestertum, das allgemeine und das besondere, eingebunden in die Kirche?
Vielleicht liegt eine Antwort in einer Kirche, die wieder neu das Hören lernt – ohne zu urteilen, ohne zu schnell zu wissen, wie alles sein muss. Eine hörende Kirche ist eine Kirche, die Berufungen weckt.
Hoffnung leben – heute
Berufung ist immer konkret. Sie lebt davon, dass ich bereit bin, mich zu fragen: „Herr, was willst du mir heute sagen?“
Vielleicht ruft Gott mich zu einem Gespräch, zu einem Ehrenamt, zu einem besonderen Dienst. Vielleicht ruft er mich, mit neuer Achtsamkeit meinen Alltag zu leben. Vielleicht ruft er mich zu etwas, das ich mir noch gar nicht vorstellen kann.
Jesus sagt: „Come and see.“ – „Komm und sieh.“ Berufung bedeutet: Kommen. Hören. Gehen. Wer hört, findet den Weg.
Text: Domvikar Peter Kunz

