In sozialen Netzwerken präsentieren sich „Tradwives“ als Frauen mit bewusst traditionellem Rollenverständnis. Sie berufen sich auf biblische Texte und sehen ihre Berufung vor allem in Mutterschaft, Haushalt und kirchlichem Engagement – verbunden mit einer ausdrücklichen Unterordnung unter den Ehemann. Oster betont, dass jede Frau und jede Familie ihre Lebensform frei wählen könne. Zugleich warnt er vor einer politischen Instrumentalisierung solcher Modelle, etwa durch rechtsnationale Strömungen im Umfeld von Donald Trump. Dessen Politik beurteilt der Bischof in wesentlichen Punkten als mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar.
Theologisch verweist Oster auf den Epheserbrief (Eph 5,21 – 33). Paulus beschreibe dort bestehende soziale Verhältnisse, stelle sie jedoch in einen neuen Horizont: Maßstab sei die gegenseitige Unterordnung „in der Ehrfurcht vor Christus“ und die selbsthingebende Liebe. Wenn Männer aufgefordert werden, ihre Frauen zu lieben wie Christus die Kirche, dann bedeute das eine radikale Absage an jede Form bloßer Machtausübung. Christlicher Glaube wirke daher von innen her machtkritisch.
Zugleich habe sich das Verständnis der Ehe in der kirchlichen Lehre weiterentwickelt. Es gehe nicht wie von evangelikalen Christen teilweise anhand der biblischen Texte wörtlich gedeutet um eine Unterordnung der Frau. Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird die Ehe als personale Gemeinschaft von Leben und Liebe beschrieben. Neben der Offenheit für Kinder ist das gegenseitige Wohl der Gatten ausdrücklich als zentrales Ziel benannt. Eine ausdrückliche Lehre von einer Unterordnung der Frau finde sich in neueren kirchlichen Dokumenten nicht mehr.
Auch Papst Franziskus unterstreicht in „Amoris laetitia“ die gleiche Würde von Mann und Frau und begrüßt die Überwindung diskriminierender Strukturen. Zugleich betont er die Bedeutung der Verantwortung des Vaters im Familienleben.
Nach Einschätzung Osters hängt die Anziehungskraft traditioneller Rollenmodelle auch mit einer Verunsicherung über Geschlechterrollen zusammen. Die Kirche halte hier die Mitte: Sie bejahe die gleiche Würde von Mann und Frau bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer Unterschiedlichkeit. Ehepaare könnten in Freiheit jene Rollenverteilung wählen, die ihrem gemeinsamen Leben diene – entscheidend sei eine Kultur der Liebe und der gegenseitigen Verantwortung.
Die katholische Kirche begrüße es, wenn Ehepaare in Freiheit eine Rollenverteilung wählen, die ihrem gemeinsamen Lebensweg dient – sei es ein klassisches Modell, bei dem in der Erziehungsphase vor allem die Mutter Aufgaben in Kindererziehung und Haushalt wahrnimmt oder eine andere, partnerschaftlich vereinbarte Aufteilung. Entscheidend sei stets die Kultur der Liebe, der gegenseitigen Verantwortung und der gemeinsamen Ausrichtung auf Christus.
Die katholische Lehre zur Ehe verstehe sich, so Oster, als Beitrag zum Gedeihen einer demokratischen Gesellschaft. Sie wolle weder einem politisch aufgeladenen Traditionalismus Vorschub leisten noch Unterschiede zwischen Mann und Frau ideologisch einebnen, sondern Männer und Frauen in gleicher Würde und gemeinsamer Verantwortung stärken.



