Kirche vor Ort

Mittelalter wieder hörbar gemacht

Redaktion am 06.05.2026

Info Icon Foto: KEB Freyung-Grafenau
Das Ensemble nach der Aufführung beim Schlussapplaus: (v.l.) Raphael Dives, Ruth Gallenkamp, Korbinian Kebinger, Simone Gaisbauer, Karolina Wolf, Margarita Wolf, Claudia Wolf und Sabine Binder.

Eine musikalische Zeitreise der besonderen Art hat am vergangenen Wochenende zahlreiche Zuhörer in ihren Bann gezogen: Das Ensemble „Ensalada Mixta“ ließ in zwei Konzerten geistliche Musik des mittelalterlichen Bayern wieder lebendig werden – und machte dabei eindrucksvoll deutlich, wie faszinierend und überraschend diese Klangwelt auch heute noch ist.

Ein­ge­la­den zu den Kon­zer­ten hat­te die Katho­li­sche Erwach­se­nen­bil­dung (KEB) im Land­kreis Frey­ung-Gra­fen­au sowie der Kul­tur­kreis Frey­ung-Gra­fen­au im Rah­men der Rei­he Musi­ca Sacra“ in Koope­ra­ti­on mit der Baye­ri­schen Lan­des­aus­stel­lung Musik in Bayern“. 

Den Auf­takt bil­de­te ein Nach­mit­tags­kon­zert in der Frey­un­ger Stadt­pfarr­kir­che, in dem bei einem Kurz­pro­gramm ein kon­zen­trier­ter Ein­stieg in das eben­so sel­ten gespiel­te wie anspruchs­vol­le Reper­toire gege­ben wurde.

Sei­nen vol­len Zau­ber ent­fal­te­te das Pro­jekt jedoch am Sonn­tag­abend in der spät­go­ti­schen Kir­che St. Bri­gi­da in Prey­ing. Der his­to­ri­sche Raum erwies sich als wun­der­ba­rer Klang­kör­per für die mit­tel­al­ter­li­chen Wer­ke. Die war­me Akus­tik, das gedämpf­te Licht und die beson­de­re Aura der Kir­che lie­ßen die Musik in einer Wei­se auf­le­ben, die den Zuhö­rern das Gefühl ver­mit­tel­te, in eine ande­re Zeit einzutauchen.

Unter der Lei­tung von Karo­li­na Wolf (auch Gesang und Flö­te) prä­sen­tier­te das Ensem­ble in gro­ßer Beset­zung ein sorg­fäl­tig zusam­men­ge­stell­tes Pro­gramm. Mit­wir­ken­de waren Mar­ga­ri­ta Wolf (Vio­li­ne, Flö­ten, Gesang), Simo­ne Gais­bau­er (Vio­li­ne), Clau­dia Wolf (Har­fe, Hack­brett, Flö­ten), Ruth Gal­len­kamp (Vio­lon­cel­lo), Sabi­ne Bin­der (Gitar­re), Rapha­el Dives (Kon­tra­bass) sowie Kor­bi­ni­an Kebin­ger (Per­cus­sion, Blas­in­stru­men­te). Gemein­sam gelang es ihnen, die oft fili­gra­nen und zugleich aus­drucks­star­ken Stü­cke leben­dig zu gestalten.

Dass die­ses Pro­gramm über­haupt zustan­de kam, ist nicht zuletzt dem gro­ßen Enga­ge­ment der Ensem­ble­lei­te­rin zu ver­dan­ken. Karo­li­na Wolf hat­te sich inten­siv auf die Suche nach geist­li­chen Lie­dern gemacht, deren Ursprung tat­säch­lich im baye­ri­schen Raum ver­mu­tet wer­den kann – ein Unter­fan­gen, das sich als deut­lich schwie­ri­ger erwies als erwar­tet. Tat­kräf­tig unter­stützt wur­de sie dabei von ihrer Schwes­ter Mar­ga­ri­ta Wolf. Vie­le der über­lie­fer­ten Quel­len sind lücken­haft, man­che Wer­ke exis­tie­ren nur in ein­zel­nen Hand­schrif­ten. Es ist bemer­kens­wert, dass eini­ge der auf­ge­führ­ten Stü­cke ver­mut­lich seit Jahr­hun­der­ten nicht mehr erklun­gen sind. Für die Kon­zer­te wur­den sie von den bei­den Schwes­tern eigens bear­bei­tet und für die heu­ti­ge Auf­füh­rungs­pra­xis zugäng­lich gemacht. 

Zum Pro­gramm gehör­te dabei Musik aus fol­gen­den Wer­ken bzw. Samm­lun­gen+: dem Hohen­fur­ter Lie­der­buch (ent­stan­den um 1450 mit erkenn­ba­ren Ele­men­ten des baye­ri­schen Dia­lekts), dem Moos­bur­ger Gra­dua­le (um 1360) sowie einem Anti­phonar, also einer Samm­lung lat. geist­li­cher Lie­der (um 1450, ver­mut­lich aus Pas­sau). Die­se Quel­len geben einen fas­zi­nie­ren­den Ein­blick in die reli­giö­se Klang­welt des Mittelalters. 

Berei­chert wur­de das Kon­zert durch eine leben­di­ge Mode­ra­ti­on, die dem Publi­kum nicht nur die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de näher­brach­te, son­dern auch man­che kurio­se Facet­te des mit­tel­al­ter­li­chen Musik­le­bens auf­zeig­te. So erfuh­ren die Zuhö­rer etwa von den soge­nann­ten Esels­mes­sen“, bei denen im Hoch­mit­tel­al­ter – zumin­dest zeit­wei­se – die Ord­nung auf den Kopf gestellt wur­de: In Tier­kos­tü­men wur­de getanzt, und auf lit­ur­gi­sche Rufe ant­wor­te­te man mit Tier­lau­ten. Sol­che Bräu­che dien­ten als Ven­til für das ansons­ten streng gere­gel­te Klosterleben.

Auch ande­re Ein­bli­cke sorg­ten für Stau­nen und Schmun­zeln: etwa die Tra­di­ti­on des Kin­del­wie­gens“, bei der eine Krip­pe in der Kir­che zur Musik sanft geschau­kelt wur­de, oder die Tat­sa­che, dass man­che geist­li­che Lie­der auf ursprüng­lich welt­li­che Melo­dien zurück­ge­hen – eine Pra­xis, die als Kon­tra­fak­tur bekannt ist. Wie­der ande­re Stü­cke spiel­ten mit Spra­che und Gram­ma­tik, indem sie kunst­voll ver­schie­de­ne Dekli­na­ti­ons­for­men in ihre Tex­te einbauten.

Für leben­di­ge Kon­tras­te sorg­ten im Kon­zert auch die welt­li­chen Bei­trä­ge mit Wer­ken von Neid­hart von Reu­en­tal und Walt­her von der Vogel­wei­de. Wäh­rend Neid­hart die höfi­sche Min­ne­ly­rik bewusst auf­brach und das Leben im Dorf mit all sei­nen rau­en und teils humor­vol­len Sei­ten in den Mit­tel­punkt stell­te, führ­te Walt­her zurück zu fei­ne­ren, zugleich aber über­ra­schend per­sön­li­chen Tönen. Beson­ders sein Lied Under der lin­den“, das ein heim­li­ches Lie­bes­tref­fen aus weib­li­cher Per­spek­ti­ve schil­dert, wirk­te in sei­ner Direkt­heit und Bild­haf­tig­keit erstaun­lich modern. 

Mit ihrem Pro­jekt ist es dem Ensem­ble Ensa­la­da Mix­ta“ gelun­gen, alte Musik nicht nur zu bewah­ren, son­dern sie neu erfahr­bar zu machen. Die Kon­zer­te in Frey­ung und Prey­ing zeig­ten ein­drucks­voll, dass selbst jahr­hun­der­te­al­te, bei­na­he ver­ges­se­ne Klän­ge nichts von ihrer Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren haben – vor­aus­ge­setzt, sie wer­den mit so viel Lei­den­schaft, Sorg­falt und Ent­de­cker­geist zum Leben erweckt.

Wer dies­mal kei­ne Zeit hat­te oder ver­hin­dert war, hat am 20. Juni in Frey­ung und am 21. Juni in der Schloss­kir­che Fürs­ten­eck noch­mal die Mög­lich­keit das Ensem­ble zu hören. Dies­mal mit unter dem Titel Sto­mi­us, Fors­ter und Fri­ends – Kom­po­nis­ten aus Bay­ern und Böh­men aus der Zeit der Renais­sance und des Frühbarock“. 

Text: Micha­el Winichner

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