Foto: KEB Freyung-Grafenau
Eine musikalische Zeitreise der besonderen Art hat am vergangenen Wochenende zahlreiche Zuhörer in ihren Bann gezogen: Das Ensemble „Ensalada Mixta“ ließ in zwei Konzerten geistliche Musik des mittelalterlichen Bayern wieder lebendig werden – und machte dabei eindrucksvoll deutlich, wie faszinierend und überraschend diese Klangwelt auch heute noch ist.
Eingeladen zu den Konzerten hatte die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) im Landkreis Freyung-Grafenau sowie der Kulturkreis Freyung-Grafenau im Rahmen der Reihe „Musica Sacra“ in Kooperation mit der Bayerischen Landesausstellung „Musik in Bayern“.
Den Auftakt bildete ein Nachmittagskonzert in der Freyunger Stadtpfarrkirche, in dem bei einem Kurzprogramm ein konzentrierter Einstieg in das ebenso selten gespielte wie anspruchsvolle Repertoire gegeben wurde.
Seinen vollen Zauber entfaltete das Projekt jedoch am Sonntagabend in der spätgotischen Kirche St. Brigida in Preying. Der historische Raum erwies sich als wunderbarer Klangkörper für die mittelalterlichen Werke. Die warme Akustik, das gedämpfte Licht und die besondere Aura der Kirche ließen die Musik in einer Weise aufleben, die den Zuhörern das Gefühl vermittelte, in eine andere Zeit einzutauchen.
Unter der Leitung von Karolina Wolf (auch Gesang und Flöte) präsentierte das Ensemble in großer Besetzung ein sorgfältig zusammengestelltes Programm. Mitwirkende waren Margarita Wolf (Violine, Flöten, Gesang), Simone Gaisbauer (Violine), Claudia Wolf (Harfe, Hackbrett, Flöten), Ruth Gallenkamp (Violoncello), Sabine Binder (Gitarre), Raphael Dives (Kontrabass) sowie Korbinian Kebinger (Percussion, Blasinstrumente). Gemeinsam gelang es ihnen, die oft filigranen und zugleich ausdrucksstarken Stücke lebendig zu gestalten.
Dass dieses Programm überhaupt zustande kam, ist nicht zuletzt dem großen Engagement der Ensembleleiterin zu verdanken. Karolina Wolf hatte sich intensiv auf die Suche nach geistlichen Liedern gemacht, deren Ursprung tatsächlich im bayerischen Raum vermutet werden kann – ein Unterfangen, das sich als deutlich schwieriger erwies als erwartet. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei von ihrer Schwester Margarita Wolf. Viele der überlieferten Quellen sind lückenhaft, manche Werke existieren nur in einzelnen Handschriften. Es ist bemerkenswert, dass einige der aufgeführten Stücke vermutlich seit Jahrhunderten nicht mehr erklungen sind. Für die Konzerte wurden sie von den beiden Schwestern eigens bearbeitet und für die heutige Aufführungspraxis zugänglich gemacht.
Zum Programm gehörte dabei Musik aus folgenden Werken bzw. Sammlungen+: dem Hohenfurter Liederbuch (entstanden um 1450 mit erkennbaren Elementen des bayerischen Dialekts), dem Moosburger Graduale (um 1360) sowie einem Antiphonar, also einer Sammlung lat. geistlicher Lieder (um 1450, vermutlich aus Passau). Diese Quellen geben einen faszinierenden Einblick in die religiöse Klangwelt des Mittelalters.
Bereichert wurde das Konzert durch eine lebendige Moderation, die dem Publikum nicht nur die historischen Hintergründe näherbrachte, sondern auch manche kuriose Facette des mittelalterlichen Musiklebens aufzeigte. So erfuhren die Zuhörer etwa von den sogenannten „Eselsmessen“, bei denen im Hochmittelalter – zumindest zeitweise – die Ordnung auf den Kopf gestellt wurde: In Tierkostümen wurde getanzt, und auf liturgische Rufe antwortete man mit Tierlauten. Solche Bräuche dienten als Ventil für das ansonsten streng geregelte Klosterleben.
Auch andere Einblicke sorgten für Staunen und Schmunzeln: etwa die Tradition des „Kindelwiegens“, bei der eine Krippe in der Kirche zur Musik sanft geschaukelt wurde, oder die Tatsache, dass manche geistliche Lieder auf ursprünglich weltliche Melodien zurückgehen – eine Praxis, die als Kontrafaktur bekannt ist. Wieder andere Stücke spielten mit Sprache und Grammatik, indem sie kunstvoll verschiedene Deklinationsformen in ihre Texte einbauten.
Für lebendige Kontraste sorgten im Konzert auch die weltlichen Beiträge mit Werken von Neidhart von Reuental und Walther von der Vogelweide. Während Neidhart die höfische Minnelyrik bewusst aufbrach und das Leben im Dorf mit all seinen rauen und teils humorvollen Seiten in den Mittelpunkt stellte, führte Walther zurück zu feineren, zugleich aber überraschend persönlichen Tönen. Besonders sein Lied „Under der linden“, das ein heimliches Liebestreffen aus weiblicher Perspektive schildert, wirkte in seiner Direktheit und Bildhaftigkeit erstaunlich modern.
Mit ihrem Projekt ist es dem Ensemble „Ensalada Mixta“ gelungen, alte Musik nicht nur zu bewahren, sondern sie neu erfahrbar zu machen. Die Konzerte in Freyung und Preying zeigten eindrucksvoll, dass selbst jahrhundertealte, beinahe vergessene Klänge nichts von ihrer Faszination verloren haben – vorausgesetzt, sie werden mit so viel Leidenschaft, Sorgfalt und Entdeckergeist zum Leben erweckt.
Wer diesmal keine Zeit hatte oder verhindert war, hat am 20. Juni in Freyung und am 21. Juni in der Schlosskirche Fürsteneck nochmal die Möglichkeit das Ensemble zu hören. Diesmal mit unter dem Titel „Stomius, Forster und Friends – Komponisten aus Bayern und Böhmen aus der Zeit der Renaissance und des Frühbarock“.
Text: Michael Winichner



