Weltkirche

Malawi: Frauen, die tragende Stütze der Gesellschaft

BAY am 24.07.2026

Info Icon Foto: Christine Krammer

Christine Krammer, Leiterin des Referats Mission & Weltkirche, berichtet über ihre Eindrücke und Erfahrungen in Malawi, ein Land in Südostafrika, das zu den ärmsten Volkswirtschaften der Welt gehört. Rund 70 bis 89 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der internationalen Armutsgrenze (weniger als 1,80 Euro pro Tag). Sie war Teil einer kleinen Delegation des Bistums Passau, die mit Bischof Stefan Oster SDB an der Spitze Anfang Juni das Bistum Karonga in Malawi besuchte.

Lesen Sie hier den per­sön­li­chen Rei­se­be­richt von Chris­ti­ne Krammer:

„Von Lilongwe, der Haupt­stadt Mala­wis, bis nach Karon­ga waren wir mit einer sehr klei­nen Pro­pel­ler­ma­schi­ne unter­wegs. Der Flug erspar­te uns rund zwölf Stun­den Jeep­fahrt über holp­ri­ge und schlecht befes­tig­te Stra­ßen. Neu an die­sem Flug war für mich, dass wir bereits vor der Ticket­bu­chung nach unse­rem Kör­per­ge­wicht gefragt wur­den. Erst danach beka­men wir die Zusa­ge, ob wir über­haupt mit­flie­gen durf­ten. Das war schon ein wenig aben­teu­er­lich. Obwohl ich schon sehr oft mit klei­nen Flug­zeu­gen geflo­gen bin, war das für mich eine völ­lig neue Erfahrung.“

Mala­wi ist ein sehr armes Land. ​“Die meis­ten Men­schen ver­fü­gen über kei­ner­lei mate­ri­el­le Res­sour­cen, die meis­ten haben kei­nen fes­ten Arbeits­platz oder ein regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men”, fasst Chris­ti­ne Kram­mer die Situa­ti­on vor Ort knapp zusam­men und ergänzt: ​„Was mich in die­ser Hin­sicht sehr posi­tiv über­rascht hat, war die nied­ri­ge Kri­mi­na­li­täts­ra­te im Ver­gleich zu vie­len ande­ren afri­ka­ni­schen Län­dern. Ich habe mich nach mei­ner Ankunft natür­lich sofort erkun­digt, ob ich mich als wei­ße Frau auch am Abend allein aus dem Haus trau­en kön­ne, ohne Angst vor einem Über­fall haben zu müs­sen. Meh­re­re Ein­hei­mi­sche bestä­tig­ten mir, dass das kein Pro­blem sei. Und tat­säch­lich hat sich das auch bewahr­hei­tet: Die Kri­mi­na­li­tät war im All­tag kaum spür­bar. Über­all herrsch­ten gro­ße Freund­lich­keit und Ent­ge­gen­kom­men. Das war eine sehr schö­ne Erfah­rung, die ich so aus vie­len ande­ren Schwel­­len- und Ent­wick­lungs­län­dern nicht ken­ne. Trotz der gro­ßen Armut war ein Gefühl der Sicher­heit spürbar.“

Die Lei­te­rin des Refe­rats Mis­si­on & Welt­kir­che ist von Berufs­we­gen viel unter­wegs und erklärt sich die­ses Phä­no­men so, ​„dass sich die Men­schen in Mala­wi selbst als sehr fried­fer­ti­ges und freund­li­ches Volk ver­ste­hen. Sie sagen, das sei ihre Men­ta­li­tät. Viel­leicht ist die­ses Selbst­ver­ständ­nis auch ein Fak­tor dafür, dass man sagt: So sind wir, und so möch­ten wir auch mit­ein­an­der in unse­rer Gemein­schaft leben. Anders kann ich es mir nicht erklä­ren, denn eine star­ke Poli­zei­prä­senz war auf den Stra­ßen nicht zu sehen.“

In Mala­wi sieht man immer wie­der Frau­en am Stra­ßen­rand ste­hen, die auf einen Trans­por­ter war­ten, der sie in ein nahe­ge­le­ge­nes Dorf oder viel­leicht sogar in eine Stadt bringt, damit sie dort ihre Bana­nen, ihr Gemü­se oder das gesam­mel­te Brenn­holz ver­kau­fen kön­nen. Wann der Last­wa­gen aller­dings kommt, weiß kei­ne der war­ten­den Frau­en. Sie müs­sen ein­fach war­ten und dar­auf ver­trau­en, dass bald ein Trans­por­ter vor­bei­fährt. Natür­lich müs­sen sie die Mit­fahrt auch bezahlen.

Chris­ti­ne Kram­mer fällt auf, ​„dass man fast aus­schließ­lich Frau­en sieht, die mit ihrer Ern­te oder mit Brenn­holz unter­wegs sind. Das ist auch der blei­ben­de Ein­druck, den ich gewon­nen habe: Die Frau­en sind die tra­gen­de Stüt­ze der Gesell­schaft. Sie küm­mern sich dar­um, dass ihre Fami­li­en über­le­ben können.“

Ein tanzendes Volk

Kur­ze Video-Impres­sio­nen aus Karon­ga, mit Audio-Kom­men­tar von Chris­ti­ne Krammer.

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„In Mala­wi tanzt wirk­lich jede und jeder,“ erzählt Kram­mer wei­ter, ​„von den klei­nen Kin­dern auf den Rücken ihrer Müt­ter, die sich bereits in die Bewe­gun­gen ein­fü­gen, bis hin zu den alten Men­schen. Jeder ist im Rhyth­mus, in der Bewe­gung, im Sin­gen, im gemein­sa­men Tan­zen. Ich habe mich wäh­rend mei­nes Auf­ent­halts oft gefragt: Woher neh­men die­se Men­schen, die so arm sind und zum Groß­teil in gro­ßem Elend leben müs­sen, ihre Kraft zur Freu­de und auch eine gewis­se Gelas­sen­heit dem Leben gegen­über? Und jetzt wage ich eine The­se: Viel­leicht liegt es ein biss­chen am gemein­sa­men Tan­zen und am gemein­sa­men Sin­gen. Ich kann mir vor­stel­len, dass das eine gro­ße Kraft­quel­le ist, die uns hier in Deutsch­land oft fehlt.“

Kolping in Karonga

Chris­ti­ne Kram­mer berich­tet wei­ter von einem Besuch bei einer ver­wit­we­ten Frau, etwa 65 Jah­re alt, die ihr ihr klei­nes Häus­chen zeig­te: ​„Man sieht auf der rech­ten Sei­te den Wohn­raum und links einen klei­nen Stall. Das ist die gesam­te Wohn­flä­che, die ihr zur Ver­fü­gung steht. Sie lebt dort ganz allein. Sie erzähl­te mir, dass sie fünf Kin­der hat, die irgend­wo in der Nähe woh­nen. Kei­nes von ihnen kann sie jedoch ver­sor­gen. Im Hin­ter­grund sieht man eine klei­ne Geschir­rab­la­ge und eine Zie­ge, die sie über ein Kol­­ping-Pro­­jekt als Spen­de erhal­ten hat. Die­ses Tier gibt ihr zumin­dest eine klei­ne Exis­tenz­grund­la­ge. Der ein­zi­ge Raum im Haus dient gleich­zei­tig als Wohn- und Schlaf­zim­mer. Sie besitzt ledig­lich eine dün­ne Schlaf­mat­te, die sie abends aus­rollt und auf der sie jede Nacht schläft. Ansons­ten hat sie noch etwas Wech­sel­klei­dung, ein wenig Plas­tik­ge­schirr, und das war es.“

Der Hin­ter­grund ist, dass sich die Kol­­ping-Mit­­glie­­der mit ihrer Mit­glied­schaft ver­pflich­ten, gut für­ein­an­der zu sor­gen. ​„So kom­men auch zwei jün­ge­re Nach­ba­rin­nen, eben­falls Wit­wen, die­se älte­re Dame besu­chen und brin­gen ihr eine Spen­de in Form von Reis mit. Das ist ein Aus­druck geleb­ter Soli­da­ri­tät und christ­li­cher Nächs­ten­lie­be,“ erklärt Kram­mer und ergänzt, dass es in Mala­wi sehr vie­le Wit­wen gebe. 

​„Ich habe natür­lich gefragt, war­um auch die bei­den jun­gen Frau­en bereits ver­wit­wet sind und was mit ihren Män­nern gesche­hen sei. Die Ant­wort lau­te­te, dass die Män­ner krank gewor­den und dann inner­halb kür­zes­ter Zeit ver­stor­ben sei­en. Dazu muss man wis­sen, dass die Gesund­heits­ver­sor­gung in Mala­wi extrem schlecht ist. Es kann also gut sein, dass die Män­ner an einer fie­ber­haf­ten Erkran­kung lit­ten und dar­an star­ben. Für die zurück­blei­ben­den Frau­en bedeu­tet das aller­dings eine gro­ße Gefahr. Durch das frü­he und schnel­le Ster­ben ihrer Män­ner gera­ten sie nicht sel­ten unter Hexe­rei­ver­dacht. Das heißt, die Bevöl­ke­rung glaubt, dass die­se schnel­len Todes­fäl­le nicht mit rech­ten Din­gen zuge­hen, und die Frau­en wer­den als Hexen ver­folgt.“ Im Fol­gen­den berich­tet Chris­ti­ne Kram­mer, wie dras­tisch sich sol­che Situa­tio­nen zuspit­zen können. 

Triggerwarnung!

Das ver­link­te Video ent­hält expli­zi­te Gewalt­sze­nen! Bit­te kli­cken Sie nur auf den fol­gen­den Link, wenn Sie sich die Sze­ne psy­chisch zumu­ten können.

“Im Dezem­ber 2022 ver­brei­te­te sich auf Face­book ein Vido­clip der für gro­ßes Ent­set­zen sorg­te. Es zeigt zwei älte­re Frau­en, die in einem Dorf im Bezirk Mzim­ba ein Grab mit Erde zuschüt­ten. Umringt von einer auf­ge­brach­ten Men­schen­men­ge wer­den die bei­den Schwes­tern öffent­lich gede­mü­tigt. In der Auf­nah­me ist zu sehen, wie ein Mann aus der Men­ge her­vor­tritt und eine der Frau­en schlägt, sodass sie in das offe­ne Grab stürzt. 

Bei der Betrof­fe­nen han­delt es sich um die damals 77-jäh­ri­ge Chris­ti­na Mphan­de. Ihr wur­de von Dorf­be­woh­nern vor­ge­wor­fen, eine jun­ge Ver­wand­te durch Hexe­rei getö­tet zu haben. Auf­grund die­ser Anschul­di­gung wur­de sie gezwun­gen, ein tie­fes Grab für die Ver­sor­be­ne aus­zu­he­ben; ihre Schwes­ter stand ihr dabei zur Sei­te. Anschlie­ßend wur­de Mphan­de aus ihrem Dorf ver­bannt. Zudem wur­den ihr per­sön­li­cher Besitz und ihr Vieh beschlag­nahmt. Heu­te lebt Chris­ti­na Mphan­de in siche­rer Ent­fer­nung von ihrem Hei­mat­ort. Die Ereig­nis­se haben jedoch tie­fe Spu­ren hin­ter­las­sen. Noch immer lei­det sie unter Alb­träu­men, und die kör­per­li­chen Fol­gen des Angriffs sind eben­falls sicht­bar: Durch die Miss­hand­lun­gen ver­lor sie meh­re­re Zähne.”

Die Rolle der Männer

Info Icon Foto: Christine Krammer
Eine Schule ohne Tische und Stühle, rund 80 Kinder werden hier sitzend auf dem Boden unterrichtet.

“Als wir in einem Dorf waren, habe ich zwei jun­ge Bur­schen getrof­fen, die im Fens­ter einer Schu­le saßen”, fährt die Refe­ren­tin für Mis­si­on & Welt­kir­che im Bis­tum Pas­sau fort. ​“Die bei­den haben mir dann ihre Schu­le gezeigt. Das Gebäu­de besteht nur aus einem ein­zi­gen Klas­sen­raum. Es gibt weder Bän­ke noch Stüh­le. In die­sem Raum wer­den 80 Kin­der und Jugend­li­che des Dor­fes unterrichtet.

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Uns wur­de erzählt, dass es in Mala­wi, ins­be­son­de­re auch in Karon­ga, eine sehr hohe Selbst­mord­ra­te unter jun­gen Män­nern gebe. Natür­lich habe ich mich vor Ort bei den unter­schied­lichs­ten Men­schen erkun­digt, wor­in sie die Grün­de dafür sehen. Die jun­gen Men­schen, die ich gefragt habe, mein­ten, vie­le näh­men sich aus Lie­bes­kum­mer das Leben. Einen Mann frag­te ich, war­um er glau­be, dass sich so vie­le sei­ner Geschlechts­ge­nos­sen das Leben näh­men. Er ant­wor­te­te: ​„Weil die Frau immer schimpft, dass er zu wenig arbeitet.“

Auch Bischof Mar­tin hat Kram­mer dazu befragt. ​“Er mein­te, es kön­ne durch­aus sein, dass jun­ge Män­ner ein­fach zu wenig Mög­lich­kei­ten hät­ten, über ihre Sor­gen und Nöte zu spre­chen. Frau­en hät­ten die­se Mög­lich­keit eher als Män­ner. Des­halb sehen vie­le jun­ge Män­ner in ihrer Ver­zweif­lung kei­nen ande­ren Aus­weg mehr als den Sui­zid. Das ist gewis­ser­ma­ßen die Kehr­sei­te patri­ar­cha­li­scher Struk­tu­ren: Män­ner müs­sen nach außen stark wir­ken und haben kaum gelernt, über ihre Pro­ble­me, ihr Innen­le­ben und ihre see­li­schen Belas­tun­gen zu spre­chen. Eben­so wenig haben sie gelernt, sich ein­zu­ge­ste­hen, dass es Momen­te gibt, in denen sie schwach sein dür­fen und Schwä­che zei­gen können.”

Lebenssituation in Malawi

“Ich habe in Karon­ga drei Damen zu einem klei­nen Mit­tag­essen in einem sehr ein­fa­chen Lokal ein­ge­la­den”, erin­nert sich Chris­ti­ne Kram­mer. ​“Es war für die drei Frau­en eine gro­ße Freu­de. Das Essen war sehr schlicht: etwas Reis, ein wenig Hühn­chen, Gemü­se und dazu ein Getränk. Pro Per­son habe ich umge­rech­net etwa 20 Euro bezahlt – selbst in Deutsch­land wäre das für ein sol­ches Essen ein sehr statt­li­cher Preis. Das könn­ten sich die drei Frau­en nie­mals leis­ten. Von den Drei­en hat nur eine eine Voll­zeit­stel­le und ver­dient damit rund 300 Euro im Monat. Die­ses Bei­spiel ver­an­schau­licht die sozia­len Ver­hält­nis­se dort sehr gut.”

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“Wenn es in einem Dorf einen klei­nen Lebens­mit­tel­la­den gibt”, so die Refe­ren­tin, ​“dann ist das für die Dorf­be­woh­ner bereits ein gro­ßer Luxus, für den sie sehr dank­bar sind. Dort kann man das Nötigs­te für den All­tag und auch eini­ge Genuss­mit­tel, etwa Limo­na­de, ein­kau­fen. Den Groß­teil ihrer Lebens­mit­tel müs­sen die Men­schen jedoch selbst auf ihren Fel­dern anbauen.”

Es gibt in Mala­wi in den grö­ße­ren Städ­ten, wie zum Bei­spiel in Karon­ga, natür­lich auch klei­ne Super­märk­te, die meist von chi­ne­si­schen Ein­wan­de­rern betrie­ben wer­den. ​“Die Ein­hei­mi­schen kau­fen dort jedoch nur ungern ein und gehen lie­ber auf den Markt”, meint Kram­mer. ​“Der Markt­platz ist – ähn­lich wie frü­her bei uns – auch ein Ort der Begeg­nung, an dem vie­le unter­schied­li­che Men­schen zusam­men­kom­men, sich aus­tau­schen und den neu­es­ten Tratsch erzählen.”

“Ein­mal konn­ten wir ein Haus in Karon­ga besu­chen, das bereits etwas geho­be­ner wirk­te”, fährt sie in ihrem Rei­se­be­richt fort. ​“Es ver­füg­te über ein sepa­ra­tes Wohn­zim­mer mit einer klei­nen Gefrier­tru­he, ein­fa­chen Sitz­ge­le­gen­hei­ten und einer klei­nen Küche, in der aus­schließ­lich die Frau­en arbeiteten.

Nach dem Got­tes­dienst set­zen sich die Besu­cher drau­ßen in den Schat­ten und erhal­ten auf ihre mit­ge­brach­ten Plas­tiktel­ler eine Por­ti­on Mais­brei und eini­ge Boh­nen. Das ist ihr Mit­tag­essen, und damit sind alle zufrie­den. Sie sit­zen gemein­sam unter den Bäu­men auf dem leh­mi­gen Boden, und für die­sen Moment ist ihre Welt voll­kom­men in Ordnung.”

Ihr Spende hilft:

Mit Ihrer Spen­de hel­fen Sie dem Kol­ping Ver­band im Bis­tum Pas­sau die Lebens­be­din­gun­gen für die Frau­en in Mala­wi zu verbessern. 

Unter­stüt­zen Sie unse­re Kol­ping­mit­glie­der in Mala­wi mit Spen­den auf fol­gen­des Kon­to: 
Spen­den­kon­to: DE 87 7509 0300 0004 3097 23
Kon­to­in­ha­ber: Kol­ping­werk Pas­sau e. V.
Ver­wen­dungs­zweck: Malawi

Quel­len: Chris­ti­ne Kram­mer, UN Women Deutsch­land, World​bank​.org, afri​ka​.info, Deutschlandfunk

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