Foto: Christine Krammer
Christine Krammer, Leiterin des Referats Mission & Weltkirche, berichtet über ihre Eindrücke und Erfahrungen in Malawi, ein Land in Südostafrika, das zu den ärmsten Volkswirtschaften der Welt gehört. Rund 70 bis 89 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der internationalen Armutsgrenze (weniger als 1,80 Euro pro Tag). Sie war Teil einer kleinen Delegation des Bistums Passau, die mit Bischof Stefan Oster SDB an der Spitze Anfang Juni das Bistum Karonga in Malawi besuchte.
Lesen Sie hier den persönlichen Reisebericht von Christine Krammer:
„Von Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, bis nach Karonga waren wir mit einer sehr kleinen Propellermaschine unterwegs. Der Flug ersparte uns rund zwölf Stunden Jeepfahrt über holprige und schlecht befestigte Straßen. Neu an diesem Flug war für mich, dass wir bereits vor der Ticketbuchung nach unserem Körpergewicht gefragt wurden. Erst danach bekamen wir die Zusage, ob wir überhaupt mitfliegen durften. Das war schon ein wenig abenteuerlich. Obwohl ich schon sehr oft mit kleinen Flugzeugen geflogen bin, war das für mich eine völlig neue Erfahrung.“
Malawi ist ein sehr armes Land. “Die meisten Menschen verfügen über keinerlei materielle Ressourcen, die meisten haben keinen festen Arbeitsplatz oder ein regelmäßiges Einkommen”, fasst Christine Krammer die Situation vor Ort knapp zusammen und ergänzt: „Was mich in dieser Hinsicht sehr positiv überrascht hat, war die niedrige Kriminalitätsrate im Vergleich zu vielen anderen afrikanischen Ländern. Ich habe mich nach meiner Ankunft natürlich sofort erkundigt, ob ich mich als weiße Frau auch am Abend allein aus dem Haus trauen könne, ohne Angst vor einem Überfall haben zu müssen. Mehrere Einheimische bestätigten mir, dass das kein Problem sei. Und tatsächlich hat sich das auch bewahrheitet: Die Kriminalität war im Alltag kaum spürbar. Überall herrschten große Freundlichkeit und Entgegenkommen. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die ich so aus vielen anderen Schwellen- und Entwicklungsländern nicht kenne. Trotz der großen Armut war ein Gefühl der Sicherheit spürbar.“
Die Leiterin des Referats Mission & Weltkirche ist von Berufswegen viel unterwegs und erklärt sich dieses Phänomen so, „dass sich die Menschen in Malawi selbst als sehr friedfertiges und freundliches Volk verstehen. Sie sagen, das sei ihre Mentalität. Vielleicht ist dieses Selbstverständnis auch ein Faktor dafür, dass man sagt: So sind wir, und so möchten wir auch miteinander in unserer Gemeinschaft leben. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn eine starke Polizeipräsenz war auf den Straßen nicht zu sehen.“
In Malawi sieht man immer wieder Frauen am Straßenrand stehen, die auf einen Transporter warten, der sie in ein nahegelegenes Dorf oder vielleicht sogar in eine Stadt bringt, damit sie dort ihre Bananen, ihr Gemüse oder das gesammelte Brennholz verkaufen können. Wann der Lastwagen allerdings kommt, weiß keine der wartenden Frauen. Sie müssen einfach warten und darauf vertrauen, dass bald ein Transporter vorbeifährt. Natürlich müssen sie die Mitfahrt auch bezahlen.
Christine Krammer fällt auf, „dass man fast ausschließlich Frauen sieht, die mit ihrer Ernte oder mit Brennholz unterwegs sind. Das ist auch der bleibende Eindruck, den ich gewonnen habe: Die Frauen sind die tragende Stütze der Gesellschaft. Sie kümmern sich darum, dass ihre Familien überleben können.“
Ein tanzendes Volk
Kurze Video-Impressionen aus Karonga, mit Audio-Kommentar von Christine Krammer.
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„In Malawi tanzt wirklich jede und jeder,“ erzählt Krammer weiter, „von den kleinen Kindern auf den Rücken ihrer Mütter, die sich bereits in die Bewegungen einfügen, bis hin zu den alten Menschen. Jeder ist im Rhythmus, in der Bewegung, im Singen, im gemeinsamen Tanzen. Ich habe mich während meines Aufenthalts oft gefragt: Woher nehmen diese Menschen, die so arm sind und zum Großteil in großem Elend leben müssen, ihre Kraft zur Freude und auch eine gewisse Gelassenheit dem Leben gegenüber? Und jetzt wage ich eine These: Vielleicht liegt es ein bisschen am gemeinsamen Tanzen und am gemeinsamen Singen. Ich kann mir vorstellen, dass das eine große Kraftquelle ist, die uns hier in Deutschland oft fehlt.“
Kolping in Karonga
Christine Krammer berichtet weiter von einem Besuch bei einer verwitweten Frau, etwa 65 Jahre alt, die ihr ihr kleines Häuschen zeigte: „Man sieht auf der rechten Seite den Wohnraum und links einen kleinen Stall. Das ist die gesamte Wohnfläche, die ihr zur Verfügung steht. Sie lebt dort ganz allein. Sie erzählte mir, dass sie fünf Kinder hat, die irgendwo in der Nähe wohnen. Keines von ihnen kann sie jedoch versorgen. Im Hintergrund sieht man eine kleine Geschirrablage und eine Ziege, die sie über ein Kolping-Projekt als Spende erhalten hat. Dieses Tier gibt ihr zumindest eine kleine Existenzgrundlage. Der einzige Raum im Haus dient gleichzeitig als Wohn- und Schlafzimmer. Sie besitzt lediglich eine dünne Schlafmatte, die sie abends ausrollt und auf der sie jede Nacht schläft. Ansonsten hat sie noch etwas Wechselkleidung, ein wenig Plastikgeschirr, und das war es.“
Der Hintergrund ist, dass sich die Kolping-Mitglieder mit ihrer Mitgliedschaft verpflichten, gut füreinander zu sorgen. „So kommen auch zwei jüngere Nachbarinnen, ebenfalls Witwen, diese ältere Dame besuchen und bringen ihr eine Spende in Form von Reis mit. Das ist ein Ausdruck gelebter Solidarität und christlicher Nächstenliebe,“ erklärt Krammer und ergänzt, dass es in Malawi sehr viele Witwen gebe.
„Ich habe natürlich gefragt, warum auch die beiden jungen Frauen bereits verwitwet sind und was mit ihren Männern geschehen sei. Die Antwort lautete, dass die Männer krank geworden und dann innerhalb kürzester Zeit verstorben seien. Dazu muss man wissen, dass die Gesundheitsversorgung in Malawi extrem schlecht ist. Es kann also gut sein, dass die Männer an einer fieberhaften Erkrankung litten und daran starben. Für die zurückbleibenden Frauen bedeutet das allerdings eine große Gefahr. Durch das frühe und schnelle Sterben ihrer Männer geraten sie nicht selten unter Hexereiverdacht. Das heißt, die Bevölkerung glaubt, dass diese schnellen Todesfälle nicht mit rechten Dingen zugehen, und die Frauen werden als Hexen verfolgt.“ Im Folgenden berichtet Christine Krammer, wie drastisch sich solche Situationen zuspitzen können.
Das verlinkte Video enthält explizite Gewaltszenen! Bitte klicken Sie nur auf den folgenden Link, wenn Sie sich die Szene psychisch zumuten können.
“Im Dezember 2022 verbreitete sich auf Facebook ein Vidoclip der für großes Entsetzen sorgte. Es zeigt zwei ältere Frauen, die in einem Dorf im Bezirk Mzimba ein Grab mit Erde zuschütten. Umringt von einer aufgebrachten Menschenmenge werden die beiden Schwestern öffentlich gedemütigt. In der Aufnahme ist zu sehen, wie ein Mann aus der Menge hervortritt und eine der Frauen schlägt, sodass sie in das offene Grab stürzt.
Bei der Betroffenen handelt es sich um die damals 77-jährige Christina Mphande. Ihr wurde von Dorfbewohnern vorgeworfen, eine junge Verwandte durch Hexerei getötet zu haben. Aufgrund dieser Anschuldigung wurde sie gezwungen, ein tiefes Grab für die Versorbene auszuheben; ihre Schwester stand ihr dabei zur Seite. Anschließend wurde Mphande aus ihrem Dorf verbannt. Zudem wurden ihr persönlicher Besitz und ihr Vieh beschlagnahmt. Heute lebt Christina Mphande in sicherer Entfernung von ihrem Heimatort. Die Ereignisse haben jedoch tiefe Spuren hinterlassen. Noch immer leidet sie unter Albträumen, und die körperlichen Folgen des Angriffs sind ebenfalls sichtbar: Durch die Misshandlungen verlor sie mehrere Zähne.”
Die Rolle der Männer
Foto: Christine Krammer
“Als wir in einem Dorf waren, habe ich zwei junge Burschen getroffen, die im Fenster einer Schule saßen”, fährt die Referentin für Mission & Weltkirche im Bistum Passau fort. “Die beiden haben mir dann ihre Schule gezeigt. Das Gebäude besteht nur aus einem einzigen Klassenraum. Es gibt weder Bänke noch Stühle. In diesem Raum werden 80 Kinder und Jugendliche des Dorfes unterrichtet.
Foto: Christine Krammer
Uns wurde erzählt, dass es in Malawi, insbesondere auch in Karonga, eine sehr hohe Selbstmordrate unter jungen Männern gebe. Natürlich habe ich mich vor Ort bei den unterschiedlichsten Menschen erkundigt, worin sie die Gründe dafür sehen. Die jungen Menschen, die ich gefragt habe, meinten, viele nähmen sich aus Liebeskummer das Leben. Einen Mann fragte ich, warum er glaube, dass sich so viele seiner Geschlechtsgenossen das Leben nähmen. Er antwortete: „Weil die Frau immer schimpft, dass er zu wenig arbeitet.“
Auch Bischof Martin hat Krammer dazu befragt. “Er meinte, es könne durchaus sein, dass junge Männer einfach zu wenig Möglichkeiten hätten, über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen. Frauen hätten diese Möglichkeit eher als Männer. Deshalb sehen viele junge Männer in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr als den Suizid. Das ist gewissermaßen die Kehrseite patriarchalischer Strukturen: Männer müssen nach außen stark wirken und haben kaum gelernt, über ihre Probleme, ihr Innenleben und ihre seelischen Belastungen zu sprechen. Ebenso wenig haben sie gelernt, sich einzugestehen, dass es Momente gibt, in denen sie schwach sein dürfen und Schwäche zeigen können.”
Lebenssituation in Malawi
“Ich habe in Karonga drei Damen zu einem kleinen Mittagessen in einem sehr einfachen Lokal eingeladen”, erinnert sich Christine Krammer. “Es war für die drei Frauen eine große Freude. Das Essen war sehr schlicht: etwas Reis, ein wenig Hühnchen, Gemüse und dazu ein Getränk. Pro Person habe ich umgerechnet etwa 20 Euro bezahlt – selbst in Deutschland wäre das für ein solches Essen ein sehr stattlicher Preis. Das könnten sich die drei Frauen niemals leisten. Von den Dreien hat nur eine eine Vollzeitstelle und verdient damit rund 300 Euro im Monat. Dieses Beispiel veranschaulicht die sozialen Verhältnisse dort sehr gut.”
Foto: Christine Krammer
“Wenn es in einem Dorf einen kleinen Lebensmittelladen gibt”, so die Referentin, “dann ist das für die Dorfbewohner bereits ein großer Luxus, für den sie sehr dankbar sind. Dort kann man das Nötigste für den Alltag und auch einige Genussmittel, etwa Limonade, einkaufen. Den Großteil ihrer Lebensmittel müssen die Menschen jedoch selbst auf ihren Feldern anbauen.”
Es gibt in Malawi in den größeren Städten, wie zum Beispiel in Karonga, natürlich auch kleine Supermärkte, die meist von chinesischen Einwanderern betrieben werden. “Die Einheimischen kaufen dort jedoch nur ungern ein und gehen lieber auf den Markt”, meint Krammer. “Der Marktplatz ist – ähnlich wie früher bei uns – auch ein Ort der Begegnung, an dem viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, sich austauschen und den neuesten Tratsch erzählen.”
“Einmal konnten wir ein Haus in Karonga besuchen, das bereits etwas gehobener wirkte”, fährt sie in ihrem Reisebericht fort. “Es verfügte über ein separates Wohnzimmer mit einer kleinen Gefriertruhe, einfachen Sitzgelegenheiten und einer kleinen Küche, in der ausschließlich die Frauen arbeiteten.
Nach dem Gottesdienst setzen sich die Besucher draußen in den Schatten und erhalten auf ihre mitgebrachten Plastikteller eine Portion Maisbrei und einige Bohnen. Das ist ihr Mittagessen, und damit sind alle zufrieden. Sie sitzen gemeinsam unter den Bäumen auf dem lehmigen Boden, und für diesen Moment ist ihre Welt vollkommen in Ordnung.”
Ihr Spende hilft:
Mit Ihrer Spende helfen Sie dem Kolping Verband im Bistum Passau die Lebensbedingungen für die Frauen in Malawi zu verbessern.
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Spendenkonto: DE 87 7509 0300 0004 3097 23
Kontoinhaber: Kolpingwerk Passau e. V.
Verwendungszweck: Malawi
Quellen: Christine Krammer, UN Women Deutschland, Worldbank.org, afrika.info, Deutschlandfunk

