Foto: Michael Scheer
Eine „silberne Hochzeit“ wird zumeist von den Paaren ausgiebig gefeiert. Auch Michael Witti feierte vor Kurzem seine „Hochzeit mit Jesus“. Dazu war der ganze Pfarrverband geladen. Zuerst im Gottesdienst, dann in der Festhalle wurde kräftig gefeiert und Geschenke an den beliebten Ortspfarrer überreicht. Christine Limmer sprach mit ihm über Zukunft, Bewegungsgründe und Aussichten der Kirche.
Was hat Sie damals angetrieben, den Beruf eines Geistlichen zu ergreifen?
Pfarrer Witti: Ich war fasziniert von Jesu Botschaft, die auch heute noch ein geniales Programm für diese Welt wäre. In der Liturgie und im täglichen Leben SEINE Gegenwart spüren; SEINE Spuren im Leben der Menschen entdecken und zur Sprache bringen an den Knotenpunkten des Lebens
Würden Sie nach jetziger Lage wieder diesen Beruf ergreifen?
Pfarrer Witti: Ich weiß nicht, was ich heute machen würde, wenn ich die Zusagen für zwei ganz unterschiedliche Studiengänge in Händen halten würde. Ich weiß nur, dass ich es nicht bereue…
Was bedeutet das Priesteramt für Sie?
Pfarrer Witti: Gottes Spuren im Leben freilegen, spürbar machen, zur Sprache bringen. Es ist ein Dienst „in Gottes Namen“ für die Menschen von heute
Warum werden Priester in der heutigen Zeit noch gebraucht?
Pfarrer Witti: In den 90er Jahren gab es eine Werbekampagne der deutschen Bistümer mit dem Slogan: „Wir brauchen keine frommen Jungs, wir brauchen Priester“ – Ich glaube, das gilt heute noch viel mehr; Menschen, die Gott in der Welt erspüren und davon erzählen; die gottvoll und menschennah die Sakramente feiern. Bei der Begrüßung an der Fachhochschule hat es damals geheißen: „Zwei Dinge müssen sie selbst mitbringen, die können sie an keiner Hochschule lernen: Sie müssen Geschichten so erzählen können, dass ihnen die Menschen gern zuhören und Sie müssen die Menschen mögen und die Menschen müssen das auch spüren können.“
Gibt es für Sie ein Vorbild?
Pfarrer Witti: Prägende Gestalten waren für mich zum einen Heimatpfarrer Eustach Biermeier, der mich getauft hat. Er hat meine Priesterweihe leider nicht erlebt. Und zum anderen meine Lehrer in der Schulzeit und besonders auch an der Fachhochschule und der Uni Passau. Prägend waren die drei Jahre als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Karl Schlemmer am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie in Passau. Er hat mich auf große internationale Symposien mitgenommen und ich konnte immer wieder Artikel und kurze Rezensionen für den „Anzeiger für die Seelsorge“ schreiben, den er damals herausgegeben hat. Weiterhin waren auch Regens und späterer Pfarrer Josef Werkstetter für mich wichtig, der beim Festtag konzelebriert hat. Der mit den Menschen seines Bistums verwachsene Bischof Dr. Franz Xaver Eder war eine weitere Person, die ich mir zum Vorbild genommen habe.
Foto: Michael Scheer
Was muss sich im Apparat Kirche ändern, um attraktiv zu werden/bleiben. Wo sind die Perspektiven der Kirche?
Pfarrer Witti: Nur dort, wo wir im Leben der Menschen noch vorkommen, wo wir als Menschen mitten in der Welt sein Evangelium glaubhaft und geerdet leben, wo durch uns Hoffnung spürbar wird und lebendige Brücken gebaut werden, werden wir als Schwester und Brüder der Menschen Zukunft haben.
Fehlt Ihnen zuweilen eine Familie, jemand der da ist, wenn man nach Hause kommt?
Pfarrer Witti: Manchmal gibt es die Erfahrung der Einsamkeit, die es auszuhalten gilt. Das ist ja eine Erfahrung, die – auch ohne Zölibat – immer mehr Menschen jeden Alters in unserer Gesellschaft machen. Aber meist bin ich nach langen Tagen froh, wenn ich die Tür hinter mir zu machen kann, wenn es still wird — grad schnarcht die Paula (Redaktion: die Beaglehündin des Pfarrers) neben mir — wenn man zur Ruhe und dann auch zu einem stillen Gebet nach einem Tag mit oft viel zu vielen Eindrücken kommen kann.
Was braucht es für einen Pfarrer damit er nicht ins Burnout kommt?
Pfarrer Witti: Es braucht „Auszeiten“, nicht als kompakter Jahresurlaub, sondern auch als kleine tägliche Zeit-Ressourcen. Das „Brevier“, also das Stundengebet der Kirche, ist hier ein echt guter Leitfaden für Unterbrechungen, auch wenn es nicht immer gelingt. Ich spüre auch, dass ich den einzigen freien Tag mit den Jahren immer mehr brauche, auch wenn es oft nur zum Ausschlafen und mal zum Nichtstun reicht.
Nach der “silbernen Hochzeit”… Wo sehen Sie sich bei der “goldenen Hochzeit”?
Pfarrer Witti: Da würde ich mir am liebsten hier bei den Menschen sehen, die mir in den vergangenen 18 Jahren zur Heimat geworden sind. Noch nie durfte ich vorher so lange an einem Ort leben. Wenn es hier im Ruhestand dann noch einen Platz für mich irgendwo geben sollte, würde ich wohl auch dann noch predigend von diesem unglaublichen Gott erzählen, der an uns Menschen einen Narren gefressen hat – solange die Leute mir noch zuhören wollen.
Lebenslauf von Pfarrer Michael Witti:
Pfarrer Michael Witti wurde am 1. September 1973 in Simbach am Inn geboren und ist in der Gemeinde Kirchham aufgewachsen. Nach der dritten Klasse hat er sich entschieden, Ministrant zu werden. Geprägt wurde er vom sehr menschlichen Pfarrer Eustach Biermeier, der während seiner Studienzeit starb. Er hat ihm den Primizkelch vermacht, der heute noch im Einsatz ist. Nach der Hauptschule wechselte er in die Realschule Simbach, war dort Schulsprecher. Anschließend hat er die Fachhochschule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Zweig besucht. Als die Frage nach einem Studium kam standen Architektur in München und Religionspädagogik in Eichstätt zur Auswahl. Zusagen erhielt er für beide Richtungen. „Ich hab mich für die ‚Kirche‘ entschieden, um nach den Naturwissenschaften was anderes zu haben“.
In Eichstätt hat er vier Semester studiert, seinen Zivildienst in der ambulanten Pflege der Caritas gemacht. Danach hat er sich das Priesterseminar angeschaut und durch den Zuspruch von Pfarrer Josef Werkstetter trat er dem bei. 1995 startete er zum Wintersemester und hat das Fach Theologie an der Uni Passau mit Freude studiert. 1999 folgte der Diplomabschluss in Theologie und er begann ein Jahrespraktikum im Pfarrverband Eichendorf. Nach der Diakonenweihe ließ er sich am 1. Juli 2000 im Passauer Dom zum Priester weihen. Drei Jahre war er als Kaplan in Hauzenberg, dann vier Jahre als Kaplan und Kurseelsorger in Bad Füssing. Im September 2007 konnte er den Pfarrverband Heiligkreuz- Feichten übernehmen. 2011 kamen die Pfarreien Wald/Alz und Hart/Alz dazu. Er wurde zum bischöflichen Beauftragten für Rundfunk und Fernsehen berufen und arbeitet heute noch in der Predigtausbildung im Bistum mit.
Text: Tine Limmer
Bilder: Michael Scheer


