Foto: Stefanie Hintermayr / pbp
Die erste Ferdinand-Ulrich-Tagung mit dem Titel „Geschenktes Dasein“ in Passau vom 12. bis 14. September haben mehr als einhundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zehn Nationen miterlebt. Der große Religionsphilosoph des 20. Jahrhunderts Ferdinand Ulrich hat dabei nachhaltig begeistert.
Der 2020 verstorbene Professor Philosoph Ferdinand Ulrich, für seinen Schüler Bischof Stefan Oster ein „Michelangelo der Philosophie“, begleitete und prägte das Leben vieler Menschen. Was diesen Mann auszeichnete, das ergründeten über einhundert Teilnehmer der dreitägigen Ferdinand-Ulrich-Tagung „Geschenktes Dasein“ in Spectrum Kirche Passau. Aus zehn Nationen waren Teilnehmer angereist: Aus ganz Deutschland, aus Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich, Luxemburg, Ungarn, Spanien, den USA und aus Tschechien, wo Ferdinand Ulrich 1931 geboren wurde. Die Welt war in Passau zu Gast, um in die Gedankenwelt des Philosophen, der nach seiner Heimatvertreibung in Mühldorf am Inn aufwuchs, näher kennenzulernen. „Ein Drittel der Teilnehmer kommt aus dem Bistum“, freute sich Andrea Schwemmer, Kuratorin des Ferdinand-Ulrich-Archivs und Hauptorganisatorin der Tagung. Auch Prof. Dr. Manuel Schlögl, ebenfalls wichtiger Teil der Tagungsvorbereitung, staunte: „Wir haben Philosophen und Theologen dabei, aber auch Ordensleute, Unternehmer, Pädagogen, Juristen, Ärzte, Informatiker und Studenten.
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Die Teilnehmerpalette ist tatsächlich bunt: Da ist die evangelische Ordensschwester Sr. Alice Sommer, die von ihrer Mitschwester auf den katholischen Philosophen aufmerksam gemacht wurde. Oder die 29-jährige Theresa Kern, die als Studentin im Passauer Gebetskreis „Believe and pray“ Ulrichs Thesen kennenlernte und „noch nie etwas so Geniales“ wie sein Hauptwerk „Homo abyssus“ gelesen hat. Oder der Geologe Dr. Georg Rathmann, der sich von der Tagung Erkenntnisse bezüglich der Ökologie erhofft. Und da ist Prof. Dr. Dr. Paul Imhof. Der 76-Jährige ist nicht zu bremsen, wenn er einmal loslegt: Unentwegt liefert er Anekdoten über Ulrich. Der erste Doktorand Ulrichs erzählt von zehn gemeinsamen Urlauben in der Schweiz, von stundenlangen Gesprächen auf Lateinisch („Das war für uns wie Englisch für die jungen Leute heute“) oder dem letzten, für ihn emotionalen Treffen wenige Tage vor Ulrichs Tod. Immer wieder unterbrechen kleine Lacher seinen Redefluss. Besonders erfreut er sich noch heute an der ersten Erinnerung, die er an Ulrich hat. Imhof wurde von Joseph Ratzinger ordiniert, auch Ferdinand Ulrich war als Professor Kollege des späteren Papstes an der Uni Regensburg. Ratzinger soll, kurz bevor er 1977 seine Bischofsweihe empfing, ein Buch lesend über einen Zebrastreifen gegangen sein. „Ferdinand schrie plötzlich ‚Halt, halt!‘. Denn Ratzinger wäre an dieser Stelle fast von einem Auto erfasst worden und verdankt somit Ferdinand Ulrich sein Leben.“ Der Theologe Ulrich war ein gutmütiger Mensch, der aber dennoch seinen Doktoranden Imhof dessen 600-seitige Arbeit nochmal und schließlich ein weiteres Mal schreiben ließ. Ulrichs Überzeugung: „Das kannst du besser.“
Der Philosoph war ein Mensch, der Dinge eben gerne perfekt auf den Punkt brachte. In München und später auch in Regensburg war er aber auch als Professor bekannt, der ein Semester lang nur über zwei Bibelverse reden konnte. Das bestätigt auch Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer. Der Hirte des Nachbarbistums reiste für zwei Tage an, schließlich lehrte und lebte Ulrich jahrzehntelang in der Hauptstadt der Oberpfalz. Und er lehrte, damals allerdings in Oberbayerns Hauptstadt, auch Bischof Voderholzer: „Seine Vorlesungen in der Philosophischen Hochschule der Jesuiten waren immer freitags von 16 bis 19 Uhr, das war dann was für die besonders Interessierten.“ So erzählten die Teilnehmer vor Tagungsbeginn reihum. Eine Anekdote reihte sich an die nächste. Schwer vorzustellen, dass Prof Dr. Gerd Haeffner einmal von Ulrich als „großen Unbekannten“ gesprochen haben soll. Der Jesuit Haeffner meinte allerdings: groß in seinem Denken, aber in dieser Größe wenig erkannt. Haeffners Aussage bestätigt auch Prof. Dr. Manuel Schlögl. Der Lehrstuhlinhaber an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie weiß: „Ulrich wurde, obwohl er 38 Jahre Professor in Regensburg war, zu wenig in der Wissenschaft wahrgenommen. Das liegt wohl auch daran, dass Ulrich etwas in seinen Texten fordert.“ Schlögl besuchte Ulrich erstmals 2006 im Kloster Arnstorf. Dort hielt sich der Philosoph oft auf. „Ich war schon immer ein Jäger und Sammler“, lacht Schlögl, „ich spüre, bei wem ich etwas lernen kann und das habe ich bei Ulrich sofort.“ Fortan sahen sich die beiden Männer ein- bis zweimal jährlich.
Mit der Tagung möchte Schlögl einerseits eine akademische und fachliche Weiterbildung durch die Vorträge der internationalen Experten Dr. habil. Martin Bieler aus der Schweiz, Dr. Marine de la Tour aus Frankreich und Prof. Dr. David C. Schindler aus den USA gewährleisten. Es geht ihm aber auch darum, ein Ulrich-Netzwerk zu entwickeln. „Er hatte viele Verbindungen zu einzelnen Menschen, die jedoch sehr diskret waren. Nun möchten wir teilen, was er für uns war.“ Außerdem gibt es etwas zu feiern. Nämlich ein neues „Baby“, wie Schlögl es nennt. Nur wenige Tage alt liegt es viel bestaunt auf einem Tisch. Schlögl hat gemeinsam mit Bischof Dr. Stefan Oster im Nomos-Verlag eine Sammlung teils unveröffentlichter Ulrich-Schriften herausgegeben: „Die Gottesfrage im neuzeitlichen Atheismus“, so der Titel des 280-seitigen Werks. Schlögl, der sich Ulrich bereits in Aufsätzen und Vorlesungen widmete, hielt am Samstagvormittag einen Vortrag zum Thema „Die Wiederentdeckung der Gabe in der Philosophie und Theologie des 20. Jahrhunderts — ein Überblick“. „Ich möchte einige neuzeitliche Philosophen vorstellen und erläutern, was die Theologie aus deren Philosophie übernehmen kann. Ulrich setzt zwar eine christliche Grundhaltung voraus, stellt aber Fragen, die grundsätzlich sind.“
Um Ulrich im Grundsatz zu verstehen, eröffnete zuvor jedoch Bischof Stefan Oster die Tagung mit seinem Vortrag „Freiheit und Freigabe — Ferdinand Ulrich als Lehrer der Gabe und als Lehrer, der lebt, was er lehrt“. Oster ist Ulrich-Experte. Das attestieren dem 60-Jährigen der ihm verliehene Albert-Magnus-Preis und der Universitätspreis des Vereins der Freunde der Universität Augsburg für seine Doktorarbeit über Ulrich. Doch darüber hinaus war der Philosoph für Oster mehr als ein Forschungsobjekt. Er war sein Lehrer, sein väterlicher Freund. Eine Leitfigur, die Oster aber auch zurechtwies: „Als ich ihm 1998 einen Aufsatz über die Metaphysik der Wiederholung zukommen ließ, schrieb er mir vornehm zurück: ‚Das Gesagte muss noch wachsen.‘ Der Aufsatz ertrank in einem Meer von Rot.“ 27 Jahre später kann Oster darüber lachen. „Damals hat mich das schon getroffen, erst später habe ich verstanden, mit wie viel Mühe und Genauigkeit er seine Korrektur vorgenommen hatte.“ Ein Salesianer-Kommilitone sagte daraufhin einen für Oster unvergesslichen Satz zu ihm: „Du bist der Lehrling in der Malerwerkstatt — und er ist der Michelangelo.“ Dessen Kunstfertigkeit lernte Oster bereits 1988 kennen: „Nach meiner journalistischen Ausbildung wollte ich mehr, ich begann in Regensburg Philosophie zu studieren. Da war da dieser eigenartige, ältere Professor. Am Anfang konnte ich in seinem Werk „Homo abyssus“ nichts finden.“ Nach und nach wird der verehrte Lehrer für ihn zum wichtigen Begleiter im Leben und im Glauben. Was Oster so faszinierte: „Ich glaube, dass Ulrich mit seiner Philosophie tiefer als die meisten anderen ausdrücken kann, was Liebe ist.“ Das macht Ulrich teils mit fordernder Wortwahl, weshalb Oster die philosophischen Gedanken mit Alltagsanalogien wie Luftballons, Hunden oder einem Mozart-Orchester untermalte. „Ulrichs große Frage ist: Wie kann man philosophisch nachvollziehen, dass alles Sein und damit auch alles Leben ursprünglich Gabe ist — und zwar geschaffene und geschenkte Gabe des göttlichen Gebers?“ Dabei sei „Sein“ kein abstrakter Begriff, sondern ein Tunwort, „wie wir es in der Schule gelernt haben“: „Sein ist Vollzug!“ Geschaffenes Sein ist also verschenkte Liebe. Alles, was es gibt, existiert aus verschenkter Liebe und alles Lebendige lebt aus verschenkter Liebe. Gott agierte als Geber, der umsonst gibt — in der doppelten Bedeutung des Wortes, gratis und vergeblich.
Die beiden Vorträge am Samstagvormittag zielten auf ein tieferes Verständnis und die Einordnung von Ulrichs Denken ab. Nach Schlögls Vortrag ergänzte Dr. Marine de la Tour (Venasque, Frankreich) dies, indem sie das Gabe-Verständnis Ulrichs und seine philosophischen Voraussetzungen erläuterte. Dass die mitunter stark von Martin Heidegger geprägte Sprache Ulrichs nicht ohne Weiteres in andere Sprachen zu übersetzen sei, wurde zu Beginn des Nachmittags in einem Gespräch deutlich, das Bischof Dr. Oster mit dem Philosophieprofessor Prof. Dr. David C. Schindler (Washington D.C., USA) führte. Mit zahlreichen Anekdoten angereichert erzählte Schindler dabei von seiner Entdeckung und Rezeption von Ulrichs Philosophie. Den zweiten Teil des Nachmittags bestimmten Lektüregruppen, in denen sich die Tagungsteilnehmer Texte von und über Ferdinand Ulrich zusammen mit Schülern und Kennern des Philosophen erschließen konnten.
Der Sonntag diente dem vertiefenden Verstehen von Ulrichs Metaphysik: Der Schweizer Theologe und reformierte Pfarrer Dr. habil. Martin Bieler (Regensberg) erläuterte ausführlich die Verankerung von Ulrichs Seinsdenken im Werk des Thomas von Aquin. Ulrich habe herausgearbeitet, dass Thomas von Aquins Denken bereits implizit offen ist auf den neuzeitlichen Personalismus und das dialogische Denken. Prof. Dr. David C. Schindler plädierte schließlich in einem geistesgeschichtlich weit gespannten Bogen dafür, in Ulrichs Werk einen Schlüssel zu sehen, um Aporien des modernen philosophischen Nachdenkens, die er im Rahmen des Vortrags insbesondere für die deutsche Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts ausmachte, zu überwinden. So verstanden könne Ulrichs Metaphysik – nicht zuletzt wegen der in ihr aufgezeigten Brücke des Denkens zum Glauben – eine Hilfe für eine erneute Stärkung des Glaubenslebens in der Kirche in Deutschland, aber auch weltweit sein.
Um die halbe Welt, mehr als 7.000 Kilometer, war Schindler von Washington D.C. nach Passau zur Tagung gereist. Sein gutes Deutsch verdankt der Professor am dortigen Institut Johannes Paul II. seiner Doktorarbeit über Hans Urs von Balthasar. Dafür lebte er 1999 in Freiburg. Balthasar war ein enger Freund Ulrichs, auf den Schindler schließlich stieß — und der ihn nicht mehr losließ. Er übertrug schließlich, nachdem er zehn Jahre vergeblich nach einem Übersetzer gesucht hatte, das Hauptwerk „Homo abyssus“ ins Englische. „Das hat acht Jahre und viele Telefonate mit deutschen Kollegen wie Bischof Oster gedauert“, so Schindler. Ulrich hinterfragt Themen, die jeden Menschen betreffen. Das findet auch sein guter Freund Prof. Dr. Dr. Paul Imhof. Der 76-Jährige mit Doktorabschlüssen in Philosophie und Theologie ist überzeugt: „Man muss im Leben eigentlich nicht mehr studiert haben als Ferdinand Ulrich. Seine Werke geben unendlich viel her.“
Foto: Stefanie Hintermayr / pbp
Nach der Tagung „Geschenktes Dasein“ fühlt sich auch Andrea Schwemmer beschenkt. Die Organisatorin findet: „Das Wochenende war geprägt von einer sehr guten Stimmung und einem fast schon familiären Miteinander. Eine Teilnehmerin meinte, dass es sich wie auf einer Hochzeit anfühlt. Man kennt nicht jeden, aber freut sich gemeinsam an der Person, die alle verbindet und so auch aneinander.“ Auch Bischof Oster zeigte sich „sehr berührt“ nach der gemeinsamen Zeit. „Anfangs war ich wegen der Heterogenität der Gruppe etwas angespannt, aber uns alle verbindet eben doch ein gemeinsamer Spirit.“
Text: Anna Kelbel, Susanne Simperl / pbp
Fotos: Stefanie Hintermayr / pbp, Susanne Simperl / pbp

