Es gibt Ausstellungen, die sich dem schnellen Blick entziehen. Ausstellungen, die erst dann zu sprechen beginnen, wenn man bereit ist, stehen zu bleiben, zu verweilen, sich einzulassen. Mit diesem Gedanken eröffnete die Galerie Art Active ihre Jahresabschlussausstellung „VIER“ – ein gemeinsames Projekt der Künstler Regina Lechner, Sylvia Gnatz, Andreas Paul und HaPe Eggerl. Vier künstlerische Positionen, vier Zugänge zum Material, vier Inhalte, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aber ihre Tätigkeit im Bistum Passau verbindet sie.
Bürgermeisterin Erika Träger machte in der Begrüßung deutlich, wie sehr die Stadt vom kulturellen Engagement kleiner, unabhängiger Kunstorte wie der Art-Active-Galerie profitiert. Sie würdigte den Einsatz von Jutta Leitner, Initiatorin und Leiterin der Galerie, die seit Jahren ein abwechslungsreiches und innovatives Programm kuratiert. Die Resonanz des Publikums zeige, dass dieses Engagement hoch geschätzt wird. Florian Lechner an der Gitarre umrahmte die Vernissage.
Laudatorin Dr. Eva Lechner führte das Publikum in einem ausführlichen Rundgang durch die vier Künstlerpositionen, in einer erzählerischen Annäherung an Gedanken, Materialien und Prozesse, die hinter den Werken stehen.
Sylvia Gnatz, Initiatorin der Ausstellung und Mitglied der Künstlergruppe 23, gestaltet Holzskulpturen, häufig aus exotischen Hölzern gearbeitet. Diese verlangen Aufmerksamkeit gerade deshalb, weil sie so klein wirken – ein Eindruck, der täuscht. Die Größe ist kein ästhetischer Selbstzweck, sondern ergibt sich aus dem Rohmaterial: kompakte Holzblöcke, ursprünglich für hochwertige Messergriffe gedacht. Dr. Lechner schilderte eindrucksvoll, wie Gnatz aus diesen Materialien kleine Figuren herausarbeitet, die trotz ihres Formats eine bemerkenswerte Ausdruckskraft besitzen. Besonders faszinierte das Publikum ihre Erläuterung zu einer Figur aus Ebenholz: Während man erwartet, dass Ebenholz durchgängig schwarz ist, erklärte sie, dass nur der Kern tiefschwarz sei, während die äußeren Schichten hell bleiben. Diese natürliche Zweifarbigkeit verleiht der Figur fast metaphorische Dimension – das Wesentliche liegt oft im Inneren, verborgen unter der Oberfläche.
Die textilen Arbeiten von Regina Lechner sind Werke, die auf beinahe meditative Weise das Material Stoff neu interpretieren. Die Künstlerin, gelernte Schneiderin mit langjähriger Erfahrung im Bereich Patchwork und Textildesign, schafft Arbeiten von außergewöhnlicher handwerklicher und künstlerischer Qualität. Dr. Lechner betonte, dass diese Werke nur in Ruhe zu erfassen sind. Bemalte Stoffe, die zerschnitten, neu vernäht und mit unterschiedlichen Knoten, Applikationen und Stickereien versehen werden. Es entstehen Oberflächen, die an Moos, Flechten oder Wasser erinnern. Besonders hervorgehoben wurde das Werk über die Soča, den smaragdgrünen Fluss in Slowenien. Türkis- und Blautöne erscheinen hier als aufgenähte Schichten, das Schimmern und Fließen des Wassers nicht imitierend, sondern in einer eigenen, textilen Sprache sichtbar machend. Ein Werk, das man nicht im Vorübergehen erfassen kann – man muss nähertreten und den Stoff wie eine Landschaft lesen.
Den dritten Künstler, Andreas Paul, stellte Dr. Lechner als jemanden vor, der Holz nicht nur bearbeitet, sondern erforscht. Autodidakt spaltet, fräst, brennt und schneidet er aus dem ursprünglich massiven Rohstoff das Innere Potenzial des Materials heraus. Seine Kombination aus Holz und Schamott wirkt wie von Brüchen erzählt und gleichzeitig von den Verbindungen, die aus diesen Brüchen entstehen können. Ein Werk berührte die Laudatorin besonders: eine aufgebrochene Strukturarbeit, die ein einstiges Kriegsgerät – verloren und zugleich kraftvoll – neu interpretiert. Dr. Lechner beschrieb die Wirkung dieser Arbeit als stille Beobachtung menschlicher Erfahrungen: Manchmal muss etwas aufbrechen, damit sich Neues zeigen kann.
Die Werke von HaPe Eggerl sind eng mit seinem kreativen und spirituellen Coaching verbunden. Seine Bilder sprechen von Transformation, seelischer Bewegung, Licht und inneren Räumen. Immer wieder erscheinen Vögel – nicht als schmückendes Motiv, sondern als Symbole für Übergänge, Botschaften und Wandlungsprozesse. Lechner betonte, dass Eggerls Bilder das Unsichtbare sichtbar machen wollen: In nahezu jedem Werk öffnet sich ein Durchblick in eine Welt hinter der Welt. Da sich spirituelle Erfahrungen nur schwer in Worte fassen lassen, bieten Bilder – so erläuterte sie – den notwendigen Freiraum, um seelische Bewegungen auszudrücken, ohne sie zu fixieren.
Nach dieser eindrucksvollen Reise durch vier künstlerische Universen wurde deutlich: VIER ist keine Aneinanderreihung einzelner Werke, sondern ein Gespräch über Perspektiven, Material und Denkansätze. Die Ausstellung verlangt Aufmerksamkeit, Zeit, Ruhe und die Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Ausdrucksformen einzulassen.
Unter den Gästen der Vernissage waren Stadträtin Katja Reitmaier sowie AGON e.V.-Vorstand Enrico Herzig.
Text: Máxima Binder



