Foto: KDFB Passau
Am 8. März werden Frauen in Italien mit strahlendgelben Mimosen beschenkt, in Polen sind es Rosen, Tulpen oder Nelken und in Rumänien gibt es Geschenke wie zum Muttertag. Hierzulande ist der 8. März ein Feiertag in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, besondere Traditionen gibt es keine. Dass es darum auch gar nicht so sehr geht, das sagt Adelinde Grad. Die stellvertretende Diözesanvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) im Bistum Passau kann auf Blumen und Schokolade gut verzichten – wenn es dafür mehr Gerechtigkeit gibt.
„Der Weltfrauentag wird ja weltweit gefeiert und in vielen Ländern haben die Frauen bei Weitem noch nicht diese Rechte, die bei uns schon durchgesetzt sind.”
Mehrere Jahrzehnte liegen zwischen den Ursprüngen des Weltfrauentags in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts und heute und doch hat der Tag seinen Stellenwert nie verloren. Zum einen auf internationaler Ebene: „Der Weltfrauentag wird ja weltweit gefeiert und in vielen Ländern haben die Frauen bei Weitem noch nicht diese Rechte, die bei uns schon durchgesetzt sind“, betont Adelinde Grad. Zum anderen aber auch in Deutschland, wo Gleichberechtigung auf dem Papier gegeben ist, aber in Bereichen wie Lohngerechtigkeit und Care-Arbeit Erwartung und Realität noch immer auseinandergehen. 16% beträgt der Gender Pay Gap 2025 und weist darauf hin, dass Frauen im Schnitt einen um 16% geringeren Stundenlohn erhalten. Zentrale Gründe dafür sieht Adelinde Grad etwa im hohen Teilzeit- und Minijob-Anteil bei Frauen und darin, dass sie seltener in Führungspositionen, dafür häufiger in schlechter-bezahlten Branchen wie im sozialen Bereich tätig sind.
Adelinde Grad findet den Kern vieler Herausforderungen jedoch vor allem im Stichwort „Care-Arbeit“, also in unbezahlter Sorgearbeit, zum Beispiel für Kinder und andere Angehörige, die überwiegend Frauen leisten. Auf die Frage, ob das Bewusstsein für Care-Arbeit in der Gesellschaft gestiegen sei, antwortet Grad: „Das ist einerseits deshalb mehr in den Mittelpunkt gerückt, weil Care-Arbeit, wenn man sie außer Haus verlagert, sehr teuer geworden ist. Die Kosten für Pflegeheime steigen zum Beispiel ständig an.“ Im Zuge dessen habe sich allein in dem Begriff „Care-Arbeit“, der Pflegearbeit und Sorgearbeit für Kinder gemeinsam betrachtet, eine Möglichkeit entwickelt, diese Tätigkeit in der Berufsbiografie von Frau oder Mann konkret zu benennen und zu berücksichtigen. Für Frauen die Chance, Lücken zu schließen und Aufstiegschancen auszugleichen: „Frauen haben nicht die gleichen Aufstiegschancen in Betrieben, weil sie eben zwischendrin Lücken in ihrer Erwerbsbiografie haben, teilweise dann technisch nicht mehr angepasst sind und Weiterbildungen brauchen, die teilweise nicht gewährt werden.“ Die Kinderbetreuung ausgeglichen aufzuteilen, sei trotzdem keine Selbstverständlichkeit. Oft nicht, weil die Eltern sich das nicht wünschen, sondern weil es etwa in der privaten Wirtschaft noch nicht üblich sei. Hier und in der Unterstützung selbständig-tätiger Frauen sieht Grad ein großes Einsatzfeld, auch für den Frauenbund.
Von den Frauen selbst wünsche sich Adelinde Grad mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Oftmals stelle sie fest, dass Frauen auch Frauen oft weniger zutrauen. „Kann die das?“, sei die Frage, die oft gestellt werde. Der KDFB könne hier ansetzen, indem er gute Vorbilder vorstelle. „Frauen, die viel bewirken im Beruf, in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Gott sei Dank haben wir ja auch in der katholischen Kirche ein paar sehr, sehr taffe Frauen“, so Grad. Der KDFB Passau nutze hier seine Plattformen wie die Verbandszeitschrift „engagiert“, aber auch ganz praktische Kursformate, die zeigen sollen: Hier setzen sich Frauen für Frauen ein. Echte Vorbilder eben.
Das Interview mit Adelinde Grad gibt's hier zum Anhören:
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Themen wie Care-Arbeit erkenne Grad insbesondere in der jüngeren Generation mittlerweile als zentrale Aspekte zum Beispiel in Beziehungen, über die sich Paare gemeinsam Gedanken machen. Zugleich nutzt diese Generation darüber hinaus auch die sozialen Medien, um sich über Themen rund um Gleichstellung auszutauschen. Fluch oder Segen? „Ich würde sagen: Jein“, erwidert Adelinde Grad hier mit einem Augenzwinkern. Ihr Eindruck sei, dass besonders auf Plattformen wie TikTok und Instagram eher Modelle beworben werden, die zwar weniger Geschlechter, dafür aber Generationen spalten. Hier laute es oft „die bösen Boomer gegen die Gen Z“. Auch diese unausgewogenen Diskussionen würden nicht weiterbringen, so Grad.
Für den Katholischen Deutschen Frauenbund sei in den letzten Jahren vor allem die Aufklärungsarbeit ein Kerngebiet des Engagements – wichtig insbesondere angesichts nach wie vor ansteigender Gewalt gegen Frauen, auch in Deutschland. 187.128 weibliche Opfer häuslicher Gewalt, 53.451 weibliche Opfer von Sexualstraftaten, 308 Femizide, so die Zahlen des Bundesinnenministeriums in Deutschland für 2024. Frauen durch Aufklärungsarbeit zu stärken und das Thema in die Öffentlichkeit zu transportieren, wirke einer oft vorherrschenden Täter-Opfer-Umkehr entgegen und schärfe das Verständnis für die Notwendigkeit eines wirksamen Opferschutzes. „Die Scham muss die Seite wechseln“, zitiert Adelinde Grad an dieser Stelle Gisèle Pelicot, die für den Vergewaltigungsprozess gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Täter bekannt ist. Auch für scheinbar in Deutschland nicht präsente Fälle wie Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat müsse das Bewusstsein wachsen: „Wir müssen dafür offen sein, dass solche Frauen bei uns in Deutschland Schutz bekommen, wenn sie fliehen aus ihrem Land“, so Grad. Über diese ideelle Aufklärungsarbeit hinaus unterstützt der KDFB dazu auch Frauenhäuser in der Region finanziell.
Dieses Jahr fällt der Weltfrauentag mit dem Wahlsonntag der Kommunalwahlen zusammen. Es soll ein „Wähltfrauentag“ sein, so der Appell des KDFB. Die Lokalpolitik könne für Frauen in der Region eine Menge tun, ist sich Adelinde Grad sicher. Es fange an beim Ausbau von Kita-Plätzen und gehe bis hin zum familiengerechten ÖPNV und der Stärkung der Ganztagsschulen, für die der KDFB bereits geschultes (weibliches) Personal zur Verfügung stellt. Was die Gestaltung der Kandidatinnen- und Kandidatenlisten betrifft, richte sich die Verteilung der Listenplätze oft gern nach den „Positionen im örtlichen Vereinsleben“, im Fußballverein oder bei der Feuerwehr zum Beispiel. Da gebe es Dorflisten, auf denen stehe eine einzige Frau unter ansonsten ausschließlich Männern, so Adelinde Grad. Auch hier plädiert Grad für mehr Unterstützung von Frauen für Frauen: „Wir Frauen müssen drei Dinge lernen: Erstens einmal, dass wir Frauen akzeptieren. Dass wir Frauen etwas zutrauen. Und drittens, dass wir Frauen vertrauen. Daran müssen wir arbeiten und das machen wir auch vom KDFB aus.“
Adelinde Grad sagt selbst, sie habe gelernt, dass Frauen in mancher Hinsicht anders ticken als Männer – und trotzdem oder gerade deshalb Erfolg haben können. Aspekte wie Soft Skills in wirtschaftlichen Debatten und ein Blick auf das große Ganze bringen in vielen Diskussionen zusätzliche Perspektiven. Das habe sie in der Zusammenarbeit mit anderen Frauen erlebt. Den Blickwinkel zu weiten, sich zu informieren und in den Austausch zu gehen, seien im Miteinander wesentlich. Wichtiger als das Geschenk zum Weltfrauentag: „Wir würden uns keine Blumen oder Schokolade oder sowas wünschen. Wir wünschen uns Gerechtigkeit.“
Text: Tamina Friedl / pbp



