Bistum

Junger Hüter alter Schätze

Redaktion am 24.10.2025

Info Icon Foto: Anna Kelbel

Am größten, am schönsten, am bekanntesten: Korbinian Buchingers Arbeitsplatz ist ein Ort der Superlative. Keine Arbeitsstätte weit und breit ist größer: 102 Meter lang, 37,5 Meter breit und 69 Meter hoch – da kann kein Großraumbüro mithalten. Kein Arbeitsplatz ist bekannter: Im Passauer Stephansdom treffen sich Menschen aus aller Welt. Keine Wirkungsstätte ist schöner: Die Preziosen des Doms lassen daran keinen Zweifel – von der anrührenden Madonna mit Kirsche rechts hinten bis zur mächtigen Schrankwand von 1670 in der Domsakristei links vorne.

Dort in der Sakris­tei, ent­lang des gigan­ti­schen Eichen­mö­bels mit sei­nen zahl­lo­sen Tür­chen und Schub­la­den, ist Kor­bi­ni­an Buch­in­gers Reich: Er ist der neue Mes­ner in der Mut­ter­kir­che der Diö­ze­se. Zu den Super­la­ti­ven sei­nes Arbeits­plat­zes kommt eine per­sön­li­che Best­mar­ke hin­zu: Er ist als Dom­mes­ner mit 27 Jah­ren wohl der­zeit der Jüngs­te sei­ner Zunft. Mit weni­ger als drei Lebens­jahr­zehn­ten hütet er einen Schatz, des­sen baro­cke Pracht weit über drei Jahr­hun­der­te alt ist.

Es ist ein Sams­tag im Sep­tem­ber, kurz nach sechs Uhr in der Früh. Rund um das Max-Denk­mal am Dom­platz herrscht Ruhe. Die Mas­se an Tou­ris­ten, die spä­ter vor den Dom­tü­ren ihre Köp­fe in den Nacken legen und unter ​„Amazing“-Rufen ihre Han­dys zücken wer­den, schläft noch in ihren Kreuz­fahrt­schiff-Bet­ten. Buch­in­gers Schrit­te hal­len durch den men­schen­lee­ren Dom. Tapp, tapp, tapp. Noch tappt Buch­in­ger im Dus­te­ren. Über Buch­in­ger befin­den sich die mehr als 300 Jah­re alten Ten­cal­la-Fres­ken, unter ihm die Bischofs­gruft, vor ihm der Hen­sel­mann-Hoch­al­tar und hin­ter ihm die welt­be­kann­te Dom­or­gel, die gera­de restau­riert wird. ​„Das ers­te Mal ganz allei­ne den Dom auf­zu­sper­ren, da war mir ganz schön mul­mig zumu­te. Aber kurz danach hat­te ich das Gefühl: Jetzt bin ich so rich­tig angekommen.“

„Ich mag ein­fach den Kon­takt mit den Menschen.”

Korbinian Buchinger

Die ​„Gene­ra­ti­on Z“, wie jun­ge Men­schen bis 30 genannt wer­den, lechzt nach einer Vier-Tage-Woche. Buch­in­ger arbei­tet an sechs Tagen. Vor allem sonn­tags. Er ist im Dienst, wenn ande­re frei haben.

War­um tut er sich das an? ​„Ich mag ein­fach den Kon­takt mit den Men­schen.“ Mit der Kir­che sei er zudem eng ver­bun­den. Genug Weih­rauch­duft hat er schon als klei­ner Jun­ge bei regel­mä­ßi­gen Got­tes­dienst­be­su­chen geschnup­pert. Sein Papa ist Pfarr­ge­mein­de­rat und arbei­tet als Dom­auf­sicht, der älte­re Bru­der Bene­dikt (34) minis­trier­te in der Hei­mat­pfar­rei Pas­sau-Grub­weg St. Micha­el. Nach der Fir­mung war für den klei­nen Kor­bi­ni­an klar: Er wird Minis­trant. Auch sei­ne jün­ge­re Schwes­ter Mag­da­le­na leis­tet Dienst am Altar.

Wie Buch­in­ger schließ­lich mit 16 Jah­ren zum Mes­ner sei­ner Hei­mat­pfar­rei wur­de, weiß sel­ber nicht mehr so genau. ​„Das war irgend­wie ein flie­ßen­der Über­gang, nach­dem die alte Mes­ne­rin weg­ge­zo­gen ist.“ Eine Schu­lung zum Mes­ner brauch­te er damals nicht: ​„Das Mot­to war ein­fach lear­ning by doing“, schmun­zelt er. Als Dom­mes­ner steht Buch­in­ger hin­ge­gen im nächs­ten Jahr eine ein­mo­na­ti­ge Aus­bil­dung in Frei­sing bevor.

Eine ers­te Aus­bil­dung hat Buch­in­ger nach sei­nem Abschluss in der Wirt­schafts­schu­le 2017 gemacht. Nur eben in eine ganz ande­re Rich­tung. Als Bau­zeich­ner arbei­te­te der Ur-Grub­we­ger bis vor kur­zem in einem Inge­nieur­bü­ro in Thyr­n­au. ​„Klar, die alte Arbeit und vor allem die Kol­le­gen gehen mir manch­mal ab, aber ich füh­le mich hier sehr angekommen.“ 

„Das war irgend­wie ein flie­ßen­der Über­gang, nach­dem die alte Mes­ne­rin weg­ge­zo­gen ist.”

Korbinian Buchinger

Er schaut sich um in der im ver­gan­ge­nen Jahr restau­rier­ten Domsa­kris­tei. Links neben dem Ein­gang hat Buch­in­ger sei­nen ordent­lich auf­ge­räum­ten Schreib­tisch. Denn Büro­ar­beit hat auch ein Mes­ner zu erle­di­gen. ​„In mei­ner Hei­mat­pfar­rei bin ich halt schnell ins Pfarr­bü­ro gelau­fen, wenn Ker­zen gefehlt haben.“ Im Dom muss er die Ker­zen­be­stel­lung selbst auf­ge­ben. Auch um Hos­ti­en- und den Wein­nach­schub küm­mert Buch­in­ger, der als Nach­fol­ger von Alex­an­der Kölln­ber­ger antrat, sich. Darf man als Dom­mes­ner sei­ne liebs­te Sor­te des Reben­safts bestel­len? Der jun­ge Mann mit dem offe­nen Gesicht lacht und schenkt rei­nen Wein ein:„Ich bleib ein­fach bei der gewohn­ten Sor­te.“
 

Info Icon Foto: Anna Kelbel

Eine Auf­ga­be blüht ihm jedoch nicht: Um den Blu­men­schmuck muss Buch­in­ger sich nicht küm­mern — ​„zum Glück“, grinst er. Eine Dame von der Dom­auf­sicht habe eine Aus­bil­dung zur Flo­ris­tin absol­viert. Durch die 355 Jah­re alte, rie­si­ge Schrank­wand in der Domsa­kris­tei hat er sich schon durch­ge­ar­bei­tet. Dort sind vor allem Uten­si­li­en für den Got­tes­dienst gela­gert. Wie vie­le Kel­che es im Dom gibt? Da muss Buch­in­ger pas­sen. ​„Es gibt noch einen wei­te­ren Lager­raum oben, den ich noch nicht gesich­tet habe. Aber es sind schon eine gan­ze Men­ge.“ Zum Erkun­den habe er noch Zeit. 

Zei­tig auf­ste­hen muss er alle­mal. Eine hal­be Stun­de nach Dienst­be­ginn, um halb sie­ben, muss der Dom in der Regel auf­ge­sperrt sein. Davor muss Buch­in­ger schon die Opfer­stö­cke geleert haben. Dann geht das straf­fe Mor­gen­pro­gramm wei­ter: Vor­be­rei­tun­gen für die Mor­gen­mes­se um halb acht Uhr. Im Lau­fe des Vor­mit­tags kehrt Ruhe in der Sakris­tei ein – dafür tum­meln sich davor umso mehr Gäs­teg­rup­pen. Die Tou­ris­ten bli­cken drau­ßen im Dom hoch zum Hei­lig-Geist-Loch, Buch­in­ger beugt sich über sei­nen Schreib­tisch. Gera­de orga­ni­siert er den jähr­li­chen Mes­ner­aus­flug. Um kurz nach zwölf Uhr mit­tags hat er Arbeits­schluss.

Im Anschluss geht der 27-Jäh­ri­ge ger­ne Rad fah­ren oder schaut die Fuß­ball­spie­le sei­nes gelieb­ten VfB Pas­sau-Grub­weg. Nicht nur für sei­ne Hob­bys sind Buch­in­gers unge­wöhn­li­chen Arbeits­zei­ten durch­aus prak­tisch. ​„Die Ärz­te freu­en sich, wenn man am Tele­fon sagt, dass man den gan­zen Nach­mit­tag fle­xi­bel ist, was Ter­mi­ne betrifft“, lacht er. 
 

Text: Anna Kelbel

Lesen Sie hier den Artikel zur Dommesnerin Petra Kolb

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Petra Kolb ist seit fünf Jahren Dommesnerin und kennt den Passauer Stephansdom bestens.

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