Am größten, am schönsten, am bekanntesten: Korbinian Buchingers Arbeitsplatz ist ein Ort der Superlative. Keine Arbeitsstätte weit und breit ist größer: 102 Meter lang, 37,5 Meter breit und 69 Meter hoch – da kann kein Großraumbüro mithalten. Kein Arbeitsplatz ist bekannter: Im Passauer Stephansdom treffen sich Menschen aus aller Welt. Keine Wirkungsstätte ist schöner: Die Preziosen des Doms lassen daran keinen Zweifel – von der anrührenden Madonna mit Kirsche rechts hinten bis zur mächtigen Schrankwand von 1670 in der Domsakristei links vorne.
Dort in der Sakristei, entlang des gigantischen Eichenmöbels mit seinen zahllosen Türchen und Schubladen, ist Korbinian Buchingers Reich: Er ist der neue Mesner in der Mutterkirche der Diözese. Zu den Superlativen seines Arbeitsplatzes kommt eine persönliche Bestmarke hinzu: Er ist als Dommesner mit 27 Jahren wohl derzeit der Jüngste seiner Zunft. Mit weniger als drei Lebensjahrzehnten hütet er einen Schatz, dessen barocke Pracht weit über drei Jahrhunderte alt ist.
Es ist ein Samstag im September, kurz nach sechs Uhr in der Früh. Rund um das Max-Denkmal am Domplatz herrscht Ruhe. Die Masse an Touristen, die später vor den Domtüren ihre Köpfe in den Nacken legen und unter „Amazing“-Rufen ihre Handys zücken werden, schläft noch in ihren Kreuzfahrtschiff-Betten. Buchingers Schritte hallen durch den menschenleeren Dom. Tapp, tapp, tapp. Noch tappt Buchinger im Dusteren. Über Buchinger befinden sich die mehr als 300 Jahre alten Tencalla-Fresken, unter ihm die Bischofsgruft, vor ihm der Henselmann-Hochaltar und hinter ihm die weltbekannte Domorgel, die gerade restauriert wird. „Das erste Mal ganz alleine den Dom aufzusperren, da war mir ganz schön mulmig zumute. Aber kurz danach hatte ich das Gefühl: Jetzt bin ich so richtig angekommen.“
„Ich mag einfach den Kontakt mit den Menschen.”
Die „Generation Z“, wie junge Menschen bis 30 genannt werden, lechzt nach einer Vier-Tage-Woche. Buchinger arbeitet an sechs Tagen. Vor allem sonntags. Er ist im Dienst, wenn andere frei haben.
Warum tut er sich das an? „Ich mag einfach den Kontakt mit den Menschen.“ Mit der Kirche sei er zudem eng verbunden. Genug Weihrauchduft hat er schon als kleiner Junge bei regelmäßigen Gottesdienstbesuchen geschnuppert. Sein Papa ist Pfarrgemeinderat und arbeitet als Domaufsicht, der ältere Bruder Benedikt (34) ministrierte in der Heimatpfarrei Passau-Grubweg St. Michael. Nach der Firmung war für den kleinen Korbinian klar: Er wird Ministrant. Auch seine jüngere Schwester Magdalena leistet Dienst am Altar.
Wie Buchinger schließlich mit 16 Jahren zum Mesner seiner Heimatpfarrei wurde, weiß selber nicht mehr so genau. „Das war irgendwie ein fließender Übergang, nachdem die alte Mesnerin weggezogen ist.“ Eine Schulung zum Mesner brauchte er damals nicht: „Das Motto war einfach learning by doing“, schmunzelt er. Als Dommesner steht Buchinger hingegen im nächsten Jahr eine einmonatige Ausbildung in Freising bevor.
Eine erste Ausbildung hat Buchinger nach seinem Abschluss in der Wirtschaftsschule 2017 gemacht. Nur eben in eine ganz andere Richtung. Als Bauzeichner arbeitete der Ur-Grubweger bis vor kurzem in einem Ingenieurbüro in Thyrnau. „Klar, die alte Arbeit und vor allem die Kollegen gehen mir manchmal ab, aber ich fühle mich hier sehr angekommen.“
„Das war irgendwie ein fließender Übergang, nachdem die alte Mesnerin weggezogen ist.”
Er schaut sich um in der im vergangenen Jahr restaurierten Domsakristei. Links neben dem Eingang hat Buchinger seinen ordentlich aufgeräumten Schreibtisch. Denn Büroarbeit hat auch ein Mesner zu erledigen. „In meiner Heimatpfarrei bin ich halt schnell ins Pfarrbüro gelaufen, wenn Kerzen gefehlt haben.“ Im Dom muss er die Kerzenbestellung selbst aufgeben. Auch um Hostien- und den Weinnachschub kümmert Buchinger, der als Nachfolger von Alexander Köllnberger antrat, sich. Darf man als Dommesner seine liebste Sorte des Rebensafts bestellen? Der junge Mann mit dem offenen Gesicht lacht und schenkt reinen Wein ein:„Ich bleib einfach bei der gewohnten Sorte.“
Eine Aufgabe blüht ihm jedoch nicht: Um den Blumenschmuck muss Buchinger sich nicht kümmern — „zum Glück“, grinst er. Eine Dame von der Domaufsicht habe eine Ausbildung zur Floristin absolviert. Durch die 355 Jahre alte, riesige Schrankwand in der Domsakristei hat er sich schon durchgearbeitet. Dort sind vor allem Utensilien für den Gottesdienst gelagert. Wie viele Kelche es im Dom gibt? Da muss Buchinger passen. „Es gibt noch einen weiteren Lagerraum oben, den ich noch nicht gesichtet habe. Aber es sind schon eine ganze Menge.“ Zum Erkunden habe er noch Zeit.
Zeitig aufstehen muss er allemal. Eine halbe Stunde nach Dienstbeginn, um halb sieben, muss der Dom in der Regel aufgesperrt sein. Davor muss Buchinger schon die Opferstöcke geleert haben. Dann geht das straffe Morgenprogramm weiter: Vorbereitungen für die Morgenmesse um halb acht Uhr. Im Laufe des Vormittags kehrt Ruhe in der Sakristei ein – dafür tummeln sich davor umso mehr Gästegruppen. Die Touristen blicken draußen im Dom hoch zum Heilig-Geist-Loch, Buchinger beugt sich über seinen Schreibtisch. Gerade organisiert er den jährlichen Mesnerausflug. Um kurz nach zwölf Uhr mittags hat er Arbeitsschluss.
Im Anschluss geht der 27-Jährige gerne Rad fahren oder schaut die Fußballspiele seines geliebten VfB Passau-Grubweg. Nicht nur für seine Hobbys sind Buchingers ungewöhnlichen Arbeitszeiten durchaus praktisch. „Die Ärzte freuen sich, wenn man am Telefon sagt, dass man den ganzen Nachmittag flexibel ist, was Termine betrifft“, lacht er.
Text: Anna Kelbel


