Foto: Anna Kelbel
Petra Kolb stößt die zwei Flügel des dunklen, mächtigen Portals der Domsakristei auf. Hinter den rund vier Meter hohen, ornamentverzierten Türblättern baut sich die massive, noch etwas höhere Schrankwand der Sakristei auf. In aller dieser Riesenhaftigkeit wirkt die 57-jährige Kolb mit ihrer schlichten schwarzen Albe fast winzig. Hinter ihr hat sich die Prozession zum Introitus formiert: das Vortragekreuz, die Ministranten, die Zelebranten, häufig der Bischof. Die ersten Akkorde der Orgelmusik erfüllen den Raum. Ein silbrig-grauer Dunst aus dem Weihrauchfass zieht nach vorne. Jetzt geht es los. Die Frau vorne macht andächtig das Kreuzzeichen.
Die Erste sein: Daran hat sich Petra Kolb inzwischen gewöhnt. Schließlich ist sie Passaus erste Dommesnerin. Über Jahrhunderte war dieser Beruf Männern vorbehalten. Kolb schreibt somit Domgeschichte. Und kann nach 36 Jahren im Ordinariat, davon fünf als Dommesnerin, eine Geschichte nach der anderen erzählen. Die Frau mit dem gewinnenden Lachen erzählt von Kraxeleien auf den Domturm, herzergreifenden Erste-Hilfe-Aktionen und halbnackten Domeinbrechern.
Aufgewachsen ist Kolb auf der Ries in Passau unweit des Bergfrieds. Dieses ehemalige Benediktiner-Kloster, Lieblingsfleckerl vieler Passauer, aktuell ein Kulturzentrum und möglicherweise bald ein Hospiz, zerstörte im November 2023 der Feuerteufel. Die Brandursache ist bis heute ungeklärt. „Das war einfach ein magisches Platzerl so hoch über Passau, ein Kraftort. Der Brand hat mir sehr wehgetan. Besonders war es aber für meine Mama schlimm“, so Kolb. Ihre Mutter Irene (78) lebt noch oben auf der Ries. „Meine Mama hat zunächst am Bergfried und schließlich in Schweiklberg gearbeitet, mit beiden Orten bin ich eng verbunden.“
Besonders der Bergfried wird die zweite Heimat der jungen Petra: „Ich kannte alle Mönche und Studenten.“ Mit zehn Jahren spielt sie ihre erste Orgelmesse am Bergfried. Später gibt sie auch Kinderorgelkurse in Altötting.
Weiter ging es für Kolb in eine ganz andere Richtung: Sie machte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Das Gelernte kann sie heute noch anwenden: „Dass eine Sakristei ordentlich ist, ist das A und O.“ Das habe sie bei der Renovierung des Raumes im vergangenen Jahr gemerkt. „Da habe ich die riesige Schrankwand der Sakristei ausgeräumt.“ Kolb habe „schon gemerkt, dass meine Vorgänger alle Männer waren. Als Frau sieht man halt doch oft den Dreck mehr“, meint Kolb halb augenzwinkernd. Sie schafft Ordnung.
Das war nach der Renovierung ein Haufen Arbeit. Doch Kolb musste nicht den gesamten Schrein wieder einräumen. Hinter einigen Öffnungen befindet sich gar kein Stauraum. „In der Wand verstecken sich drei Türen, fast wie bei Harry Potter. Eine führt durch eine ganz enge Wendeltreppe über 300 Treppenstufen hinauf zum Dachboden.“ Kolbs Augen funkeln, jetzt ist sie in ihrem Element. „Außerdem haben wir hier auch noch eine Schatzkammer, wo das Geld der Opferstöcke sicher gelagert wird – das bringen wir allerdings auch täglich zur Bank.“ Kolbs Talent fürs Erzählen kommt nicht von ungefähr: Außerhalb ihrer Arbeitszeiten gibt sie Firm- und Kommuniongruppen ehrenamtlich Domführungen.
Sie weiß, wie sie die jungen Lauscher an sich fesseln kann, „schließlich hab ich ja selber einen Buam daheim“. Sohn Andreas ist inzwischen gar kein „Bua“ mehr, sondern mit seinen 18 Jahren ein junger Mann. Der ehemalige Domministrant absolviert eine Ausbildung bei der Polizei. „Dass er deshalb nicht mehr so oft in Passau ist, fällt einem als Mutter schon nicht ganz leicht“, gibt Kolb zu.
Wegen der Familie blieb sie auch nicht im Hotelfach – die Arbeitszeiten waren zu unflexibel. Also ging sie dorthin, womit sie schon seit Kindheit vertraut ist: zur Kirche und zur Musik. Petra Kolb übernahm Verwaltungstätigkeiten für die Dommusik.
Vorgänger Alexander Köllnberger, den sie durch jahrelange gemeinsame Tätigkeit schätzte, wandte sich vor gut fünf Jahren schließlich an Kolb: „Überlege dir doch, Dommesnerin zu werden.“ Kolb überlegt — und bewirbt sich schließlich. „Dabei hatte ich das gar nicht geplant.“
Kolb kann gut mit Menschen umgehen, kennt jeden auf und rund um das Dombergerl und ist vor allem eines: zupackend. Sie bekommt den Job.
Im neuen Beruf gibt Petra Kolb Gas: Sei es, wenn sie um fünf Uhr morgens für die Arbeit aufsteht oder wenn sie nachts als Ersatz-Bischofsfahrerin am Steuer sitzt. Ersteres macht der Frühaufsteherin nichts aus, vor zweiterem hatte die passionierte Autofahrerin am Anfang Bammel.
Eigentlich kutschiert Roland Kickinger den Bischof zu Terminen. Wenn dieser nicht kann, springt ein Dommesner ein, so steht es im Arbeitsvertrag, „Dass mich das so schnell betrifft, hätte ich nie gedacht. Meine erste Fahrt kurz nach meinem Start als Dommesnerin werde ich nie vergessen.“
Kolb musste damals Bischof Dr. Stefan Oster abends um 22 Uhr nach der Bischofskonferenz in Regensburg abholen. Ihr Briefing für den häufig im Auto arbeitenden Bischof lautete: Keine Musik, kein lautes Navi, keine Gespräche. Doch als der Bischof ins Auto steigt, kommt es ganz anders: „Er war, glaube ich, erst ein bisschen perplex, dass da eine Frau am Steuer sitzt, aber dann hat er angefangen, munter zu plaudern und die Fahrt war sehr nett und ging schnell rum“, freut sich die Dommesnerin noch heute. Wenn sie Oster zu Bischofskonferenzen kutschiert, haben die Fahrer ein eigenes Programm. „Da bin ich dann die einzige Frau. Einige Kollegen schluckten da schon erst einmal.“
Chauffeurin, Gästeführerin, Dommesnerin – welche Aufgaben übernimmt Multitalent Kolb noch? Vor allem eine Menge Büroarbeit. Kolb schreibt Dienstpläne für Lektoren und Domaufsichten, erstellt für Letztere auch die Abrechnungen.
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Für die Büroarbeit hat Kolb, die um sechs Uhr morgens ihre Arbeit beginnt, aber erst im Laufe des Vormittags Zeit. Davor hat sie eine feste Routine. „Ganz in der Früh ist es am schönsten.“ Bevor Kolb aufsperrt, entzündet sie das Opferlicht, das erste Licht des Tages, dann hinten bei der Madonna mit der Kirsche eine Kerze und eine beim Buch des Erinnerns. Wenn das Licht gegen die morgendliche Dunkelheit anschummert, findet Kolb immer Zeit für ein Frühgebet: „Da hinein packe ich einfach all meine Gedanken und Sorgen für den Tag“, so Kolb.
Dann geht es oft an den Schreibtischstuhl: Sechs Tage die Woche berufstätig zu sein ist für die Passauerin kein Problem. „Mein Mann war Polizist, unsere Familie ist Schichtdienst gewohnt“, erklärt sie.
Auch an Feiertagen arbeitet Kolb gerne. Weihnachten oder Ostern? Auf ein Lieblings-Hochfest mag sich die 57-Jährige gar nicht festlegen. Auch unterm Jahr freut sie sich jeden Tag an ihrem Job: „Es ist einfach schön, in so historischen Räumen arbeiten zu dürfen.“
Die hat Kolb mit den Jahrzehnten bestens kennengelernt. Auf den 69 Meter hohen Turm konnte wegen Höhenangst nicht jeder ihrer Vorgänger hinaufsteigen. Petra Kolb ist hin und wieder oben – aber nicht unbedingt gerne. „Man muss schwindelfrei sein, teilweise geht es auf Leitern hoch und man kann in die Tiefe schauen.“ Oben angekommen ist es auch nicht immer angenehm: „Man braucht eigentlich Ohrenschützer, die Glocken schlagen ohrenbetäubend laut.“
Das sind kleine Herausforderungen, über die die engagierte Optimistin hinwegblicken kann. Nicht jedoch über einige Vorfälle, die sich „ausgerechnet genau zu meiner Anfangszeit als Dommesnerin“ ereignet haben. Es habe öfters kirchenfeindliche Schmierereien am Domportal gegeben. Kolb informierte die Polizei und griff zum Putzeimer. Auch habe sie schon einen festgenagelten Tanga an einem provisorischen Kreuz vor dem Dom vorgefunden.
Ebenfalls ganz und gar nicht zum Lachen zumute ist ihr, als sie von einer herzzerreißenden Erste-Hilfe-Aktion erzählt, einem Herzinfarkt eines älteren Dombesuchers. Dieser sei schließlich verstorben. „Es gibt schon hin und wieder sehr fordernde Extremsituationen“, so Kolb. Sie erinnert sich auch einen weiteren Vorfall: „Da habe ich in der Früh einen halbnackten, weinerlichen jungen Mann in der Andreas-Kapelle gefunden.“ Wie er dort hingekommen war, kann sich niemand bis heute ganz genau erklären. Der Pulli des Eindringlings wurde schließlich im Dom-Dachboden gefunden. Der Mann war offensichtlich in einer psychischen Ausnahmesituation. „Er muss wohl am Gerüst für die Baumaßnahmen hochgeklettert sein, über das Dach hinein in den Dachboden und dann nach unten“, vermutet Kolb. In letzter Zeit gebe es keinerlei solcher skurrilen Vorfälle mehr — zum Glück. „Aber verschreien mag ich es jetzt nicht“, grinst Passaus erste Dommesnerin.
Text: Anna Kelbel

