Bistum

Sie kennt die geheimen Türen der Kathedrale

Redaktion am 23.10.2025

Info Icon Foto: Anna Kelbel

Petra Kolb stößt die zwei Flügel des dunklen, mächtigen Portals der Domsakristei auf. Hinter den rund vier Meter hohen, ornamentverzierten Türblättern baut sich die massive, noch etwas höhere Schrankwand der Sakristei auf. In aller dieser Riesenhaftigkeit wirkt die 57-jährige Kolb mit ihrer schlichten schwarzen Albe fast winzig. Hinter ihr hat sich die Prozession zum Introitus formiert: das Vortragekreuz, die Ministranten, die Zelebranten, häufig der Bischof. Die ersten Akkorde der Orgelmusik erfüllen den Raum. Ein silbrig-grauer Dunst aus dem Weihrauchfass zieht nach vorne. Jetzt geht es los. Die Frau vorne macht andächtig das Kreuzzeichen.

Die Ers­te sein: Dar­an hat sich Petra Kolb inzwi­schen gewöhnt. Schließ­lich ist sie Pas­saus ers­te Dom­mes­ne­rin. Über Jahr­hun­der­te war die­ser Beruf Män­nern vor­be­hal­ten. Kolb schreibt somit Dom­ge­schich­te. Und kann nach 36 Jah­ren im Ordi­na­ri­at, davon fünf als Dom­mes­ne­rin, eine Geschich­te nach der ande­ren erzäh­len. Die Frau mit dem gewin­nen­den Lachen erzählt von Kra­xe­lei­en auf den Dom­turm, herz­er­grei­fen­den Ers­te-Hil­fe-Aktio­nen und halb­nack­ten Domeinbrechern.

Auf­ge­wach­sen ist Kolb auf der Ries in Pas­sau unweit des Berg­frieds. Die­ses ehe­ma­li­ge Bene­dik­ti­ner-Klos­ter, Lieb­lings­fle­ckerl vie­ler Pas­sau­er, aktu­ell ein Kul­tur­zen­trum und mög­li­cher­wei­se bald ein Hos­piz, zer­stör­te im Novem­ber 2023 der Feu­er­teu­fel. Die Brand­ur­sa­che ist bis heu­te unge­klärt. ​„Das war ein­fach ein magi­sches Plat­zerl so hoch über Pas­sau, ein Kraft­ort. Der Brand hat mir sehr weh­ge­tan. Beson­ders war es aber für mei­ne Mama schlimm“, so Kolb. Ihre Mut­ter Ire­ne (78) lebt noch oben auf der Ries. ​„Mei­ne Mama hat zunächst am Berg­fried und schließ­lich in Schwei­klberg gear­bei­tet, mit bei­den Orten bin ich eng verbunden.“ 

Beson­ders der Berg­fried wird die zwei­te Hei­mat der jun­gen Petra: ​„Ich kann­te alle Mön­che und Stu­den­ten.“ Mit zehn Jah­ren spielt sie ihre ers­te Orgel­mes­se am Berg­fried. Spä­ter gibt sie auch Kin­der­or­gel­kur­se in Altötting.

Wei­ter ging es für Kolb in eine ganz ande­re Rich­tung: Sie mach­te eine Aus­bil­dung zur Hotel­fach­frau. Das Gelern­te kann sie heu­te noch anwen­den: ​„Dass eine Sakris­tei ordent­lich ist, ist das A und O.“ Das habe sie bei der Reno­vie­rung des Rau­mes im ver­gan­ge­nen Jahr gemerkt. ​„Da habe ich die rie­si­ge Schrank­wand der Sakris­tei aus­ge­räumt.“ Kolb habe ​„schon gemerkt, dass mei­ne Vor­gän­ger alle Män­ner waren. Als Frau sieht man halt doch oft den Dreck mehr“, meint Kolb halb augen­zwin­kernd. Sie schafft Ordnung.

Das war nach der Reno­vie­rung ein Hau­fen Arbeit. Doch Kolb muss­te nicht den gesam­ten Schrein wie­der ein­räu­men. Hin­ter eini­gen Öff­nun­gen befin­det sich gar kein Stau­raum. ​„In der Wand ver­ste­cken sich drei Türen, fast wie bei Har­ry Pot­ter. Eine führt durch eine ganz enge Wen­del­trep­pe über 300 Trep­pen­stu­fen hin­auf zum Dach­bo­den.“ Kolbs Augen fun­keln, jetzt ist sie in ihrem Ele­ment. ​„Außer­dem haben wir hier auch noch eine Schatz­kam­mer, wo das Geld der Opfer­stö­cke sicher gela­gert wird – das brin­gen wir aller­dings auch täg­lich zur Bank.“ Kolbs Talent fürs Erzäh­len kommt nicht von unge­fähr: Außer­halb ihrer Arbeits­zei­ten gibt sie Firm- und Kom­mu­ni­ongrup­pen ehren­amt­lich Domführungen. 

Sie weiß, wie sie die jun­gen Lau­scher an sich fes­seln kann, ​„schließ­lich hab ich ja sel­ber einen Buam daheim“. Sohn Andre­as ist inzwi­schen gar kein ​„Bua“ mehr, son­dern mit sei­nen 18 Jah­ren ein jun­ger Mann. Der ehe­ma­li­ge Dom­mi­nis­trant absol­viert eine Aus­bil­dung bei der Poli­zei. ​„Dass er des­halb nicht mehr so oft in Pas­sau ist, fällt einem als Mut­ter schon nicht ganz leicht“, gibt Kolb zu.

Wegen der Fami­lie blieb sie auch nicht im Hotel­fach – die Arbeits­zei­ten waren zu unfle­xi­bel. Also ging sie dort­hin, womit sie schon seit Kind­heit ver­traut ist: zur Kir­che und zur Musik. Petra Kolb über­nahm Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten für die Dommusik.

Vor­gän­ger Alex­an­der Kölln­ber­ger, den sie durch jah­re­lan­ge gemein­sa­me Tätig­keit schätz­te, wand­te sich vor gut fünf Jah­ren schließ­lich an Kolb: ​„Über­le­ge dir doch, Dom­mes­ne­rin zu wer­den.“ Kolb über­legt — und bewirbt sich schließ­lich. ​„Dabei hat­te ich das gar nicht geplant.“

Kolb kann gut mit Men­schen umge­hen, kennt jeden auf und rund um das Dom­ber­gerl und ist vor allem eines: zupa­ckend. Sie bekommt den Job.

Im neu­en Beruf gibt Petra Kolb Gas: Sei es, wenn sie um fünf Uhr mor­gens für die Arbeit auf­steht oder wenn sie nachts als Ersatz-Bischofs­fah­re­rin am Steu­er sitzt. Ers­te­res macht der Früh­auf­ste­he­rin nichts aus, vor zwei­te­rem hat­te die pas­sio­nier­te Auto­fah­re­rin am Anfang Bammel.

Eigent­lich kut­schiert Roland Kickin­ger den Bischof zu Ter­mi­nen. Wenn die­ser nicht kann, springt ein Dom­mes­ner ein, so steht es im Arbeits­ver­trag, ​„Dass mich das so schnell betrifft, hät­te ich nie gedacht. Mei­ne ers­te Fahrt kurz nach mei­nem Start als Dom­mes­ne­rin wer­de ich nie vergessen.“ 

Kolb muss­te damals Bischof Dr. Ste­fan Oster abends um 22 Uhr nach der Bischofs­kon­fe­renz in Regens­burg abho­len. Ihr Brie­fing für den häu­fig im Auto arbei­ten­den Bischof lau­te­te: Kei­ne Musik, kein lau­tes Navi, kei­ne Gesprä­che. Doch als der Bischof ins Auto steigt, kommt es ganz anders: ​„Er war, glau­be ich, erst ein biss­chen per­plex, dass da eine Frau am Steu­er sitzt, aber dann hat er ange­fan­gen, mun­ter zu plau­dern und die Fahrt war sehr nett und ging schnell rum“, freut sich die Dom­mes­ne­rin noch heu­te. Wenn sie Oster zu Bischofs­kon­fe­ren­zen kut­schiert, haben die Fah­rer ein eige­nes Pro­gramm. ​„Da bin ich dann die ein­zi­ge Frau. Eini­ge Kol­le­gen schluck­ten da schon erst einmal.“

Chauf­feu­rin, Gäs­te­füh­re­rin, Dom­mes­ne­rin – wel­che Auf­ga­ben über­nimmt Mul­ti­ta­lent Kolb noch? Vor allem eine Men­ge Büro­ar­beit. Kolb schreibt Dienst­plä­ne für Lek­to­ren und Dom­auf­sich­ten, erstellt für Letz­te­re auch die Abrechnungen. 

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Für die Büro­ar­beit hat Kolb, die um sechs Uhr mor­gens ihre Arbeit beginnt, aber erst im Lau­fe des Vor­mit­tags Zeit. Davor hat sie eine fes­te Rou­ti­ne. ​„Ganz in der Früh ist es am schöns­ten.“ Bevor Kolb auf­sperrt, ent­zün­det sie das Opfer­licht, das ers­te Licht des Tages, dann hin­ten bei der Madon­na mit der Kir­sche eine Ker­ze und eine beim Buch des Erin­nerns. Wenn das Licht gegen die mor­gend­li­che Dun­kel­heit anschum­mert, fin­det Kolb immer Zeit für ein Früh­ge­bet: ​„Da hin­ein packe ich ein­fach all mei­ne Gedan­ken und Sor­gen für den Tag“, so Kolb. 

Dann geht es oft an den Schreib­tisch­stuhl: Sechs Tage die Woche berufs­tä­tig zu sein ist für die Pas­saue­rin kein Pro­blem. ​„Mein Mann war Poli­zist, unse­re Fami­lie ist Schicht­dienst gewohnt“, erklärt sie.

Auch an Fei­er­ta­gen arbei­tet Kolb ger­ne. Weih­nach­ten oder Ostern? Auf ein Lieb­lings-Hoch­fest mag sich die 57-Jäh­ri­ge gar nicht fest­le­gen. Auch unterm Jahr freut sie sich jeden Tag an ihrem Job: ​„Es ist ein­fach schön, in so his­to­ri­schen Räu­men arbei­ten zu dürfen.“ 

Die hat Kolb mit den Jahr­zehn­ten bes­tens ken­nen­ge­lernt. Auf den 69 Meter hohen Turm konn­te wegen Höhen­angst nicht jeder ihrer Vor­gän­ger hin­auf­stei­gen. Petra Kolb ist hin und wie­der oben – aber nicht unbe­dingt ger­ne. ​„Man muss schwin­del­frei sein, teil­wei­se geht es auf Lei­tern hoch und man kann in die Tie­fe schau­en.“ Oben ange­kom­men ist es auch nicht immer ange­nehm: ​„Man braucht eigent­lich Ohren­schüt­zer, die Glo­cken schla­gen ohren­be­täu­bend laut.“

Das sind klei­ne Her­aus­for­de­run­gen, über die die enga­gier­te Opti­mis­tin hin­weg­bli­cken kann. Nicht jedoch über eini­ge Vor­fäl­le, die sich ​„aus­ge­rech­net genau zu mei­ner Anfangs­zeit als Dom­mes­ne­rin“ ereig­net haben. Es habe öfters kir­chen­feind­li­che Schmie­re­rei­en am Dom­por­tal gege­ben. Kolb infor­mier­te die Poli­zei und griff zum Putz­ei­mer. Auch habe sie schon einen fest­ge­na­gel­ten Tan­ga an einem pro­vi­so­ri­schen Kreuz vor dem Dom vorgefunden.

Eben­falls ganz und gar nicht zum Lachen zumu­te ist ihr, als sie von einer herz­zer­rei­ßen­den Ers­te-Hil­fe-Akti­on erzählt, einem Herz­in­farkt eines älte­ren Dom­be­su­chers. Die­ser sei schließ­lich ver­stor­ben. ​„Es gibt schon hin und wie­der sehr for­dern­de Extrem­si­tua­tio­nen“, so Kolb. Sie erin­nert sich auch einen wei­te­ren Vor­fall: ​„Da habe ich in der Früh einen halb­nack­ten, wei­ner­li­chen jun­gen Mann in der Andre­as-Kapel­le gefun­den.“ Wie er dort hin­ge­kom­men war, kann sich nie­mand bis heu­te ganz genau erklä­ren. Der Pul­li des Ein­dring­lings wur­de schließ­lich im Dom-Dach­bo­den gefun­den. Der Mann war offen­sicht­lich in einer psy­chi­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on. ​„Er muss wohl am Gerüst für die Bau­maß­nah­men hoch­ge­klet­tert sein, über das Dach hin­ein in den Dach­bo­den und dann nach unten“, ver­mu­tet Kolb. In letz­ter Zeit gebe es kei­ner­lei sol­cher skur­ri­len Vor­fäl­le mehr — zum Glück. ​„Aber ver­schrei­en mag ich es jetzt nicht“, grinst Pas­saus ers­te Dommesnerin. 

Text: Anna Kelbel

Lesen Sie hier den Artikel zum Dommesner Korbinian Buchinger

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