Am 13. und 14. März tagte die Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Passau in Burghausen – mit tiefgründigen Erkenntnissen, lebhaften Diskussionen und praktischen Anwendungsbeispielen zu Künstlicher Intelligenz (KI).
Der Diözesanrat hat mit Künstlicher Intelligenz nicht nur eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit als Leitmotiv für die Frühjahrsvollversammlung gewählt, sondern auch einen der renommiertesten Experten an der Schnittstelle von KI und Kirche für den Einführungsvortrag am 13. März im Haus der Begegnung Heilig Geist, Burghausen, gewonnen: Dr. Andreas Lob-Hüdepohl. Er ist Moraltheologe und Professor für theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und beschäftigt sich intensiv mit der Bedeutung und den Auswirkungen von KI im Kontext von Mensch und Maschine bzw. Software.
Nach einem formellen Tagungsteil, Grußworten und einem geistlichen Impuls führte Lob-Hüdepohl die Zuhörerinnen und Zuhörer in einem lebendigen Parforce-Ritt durch Definition, Chancen und Risiken der jungen Technologie. Kurz gesagt stehe KI im engen Sinn für eine sich selbst verbessernde Rechenregel (Algorithmus) oder beziehungsweise für „maschinelles Lernen“. Die Kirche müsse sich schon alleine deshalb mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, weil diese zunehmend fester Bestandteil der Lebenswelt von Gläubigen und von Menschen insgesamt werde. Die Technologie basiert auf der automatischen Auswertung möglichst großer existierender Datenmengen: „KI geht es dabei nicht um Wahrheit, sondern um Wahrscheinlichkeit. Es gibt keine Garantie, dass die Wahrscheinlichkeit die Wahrheit trifft“, warnt der Professor.
Die menschliche Vernunft ziele theoretisch wie praktisch auf Erkenntnisgewinn ab, um durch verantwortliches Handeln ein gutes Leben zu ermöglichen – immer eingebettet in persönliches, soziales und kulturelles Erleben. „Wir sind Leib“ – das sei essentiell, so Lob-Hüdepohl. Während der Mensch bewusst und mit einer Intention handele, agiere die KI als „Agent“ nach festgelegten Regeln. Künstliche Intelligenz könne unsere Fähigkeiten erweitern, dürfe sie aber niemals ersetzen: „Je schwerwiegender die Auswirkungen auf die Lebenswirkung des Menschen sei, desto stärker muss die Kontrolle von oder fachliche Aufsicht über KI sein“, fordert der Experte. Die Letztentscheidung bzw. ‑verantwortung müsse immer bei den Nutzern verbleiben.
Erste konkrete Anwendungsversuche im kirchlichen Kontext abseits des simplen Erstellens von Texten wie etwa „Spiritual Care Bots“ bzw. „Faith Bots“ („Glaubensroboter“) oder Segensroboter bergen laut Lob-Hüdepohl sowohl Chancen als auch Risiken – werfen aber grundsätzlich viele Fragen auf. Chancen seien stets verfügbare, niederschwellige Angebote („Beichten mit Jesus“, Peterskapelle Luzern 2024), Risiken beispielsweise missbräuchliche Lenkung, Vortäuschung emotionaler Nähe oder fehlende Überwachung durch Fachpersonal in gefährlichen Lebenssituationen. Wie ein roter Faden zog sich das Wort „Beziehung“ in der Differenzierung von Mensch und Maschine (KI) durch den Vortrag des Gastredners. Echte Beziehung, so Lob-Hüdepohl, gelinge nur von Mensch zu Mensch. Genau darin liege eine große Chance von Kirche und Seelsorge in der nahen Zukunft: die Menschen vor einer Vereinnahmung durch Technologie, durch Künstliche Intelligenz zu schützen, mit ihnen in Beziehung zu bleiben, sie als gottgewollte individuelle Geschöpfe zu stärken und nicht als optimierte Nutzer einer von wem oder wie auch immer gesteuerten „Künstlichen Intelligenz“ allein zu lassen.
Die KI-Gretchenfrage sei, so Lob-Hüdepohl abschließend: „Gewähren wir uns Menschen nur eine wahrscheinlichkeitsbasierte Prognose oder eine unverplante, überraschungsoffene Zukunft mit der Möglichkeit neue Erfahrungen zu machen?“ Letzteres sei geradezu ein Markenzeichen des christlichen Menschenbildes.
Foto: Michael Glaß
Aufmerksam und dennoch gelassen
Mit hoher Aufmerksamkeit und dennoch gelassen verfolgt die Kirche die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Das zeigte ein „Kamingespräch“ im Rahmen der Frühjahrs-Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Passau in Burghausen, das die Auswirkung der KI auf den kirchlichen Alltag in den Blick nahm.
Pfarrer Michael Witti (PV Feichten) verfolgt einen pragmatischen Ansatz: KI könne neugierig machen, „aber nie das Eigentliche ersetzen“; etwa die zwischenmenschliche Beziehung im persönlichen Gespräch. Predigten, die mit KI erstellt werden, wirkten „flach, unoriginell, lieblos und ohne geistliche Tiefe“, stellte er fest. Für ihn bieten technische Entwicklungen und ihre Folgen gerade deshalb eine Chance für die Kirche, weil sie etwa angesichts einer zunehmenden Vereinsamung eine „neue Wertschätzung für unser Kerngeschäft“ hervorbringen könnten. Auch hält er es für möglich, dass Menschen im Zuge der Technisierung nach emotionalen Zugängen suchten und eine „neue Sehnsucht nach Spiritualität“ entwickelten.
Günther Reithmeier (AG Senioren der Stadt Burghausen) „fehlt noch ein Stück weit die Fantasie“, wie KI einer zunehmenden Einsamkeit im Alter entgegenwirken könnte. Er beobachte, wie Netzwerke etwa in Vereinen wegbrechen, jedoch kaum, dass Senioren die KI bewusst nutzen. Reithmeier bemängelte, dass Weiterbildungen in diesem Bereich meist „nur bis zur Rente“ möglich seien und ältere Menschen daher zunehmend den Anschluss verlören.
Der Moraltheologe Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl warf ein, dass „Conversational AI“ – KI-Anwendungen, die Dialoge zwischen Mensch und Maschine ermöglichen – gerade im niedrigschwelligen Bereich sehr hilfreich sein könnten. Und wenn Senioren nur über den Chatbot ins Gespräch kommen und vielleicht sogar über dessen Antworten gemeinsam lachen, sei schon etwas gewonnen. Entscheidend sei, dass den Menschen bewusst ist, dass sie sich „nur“ mit einem technischen Attribut unterhalten. Beim Einsatz in der Pflege oder in der Psychiatrie sei eine fachliche Begleitung zwingend.
Ganz anders sieht die Entwicklung in Schulen und Hochschulen aus, wo der Umgang mit moderner Technik für junge Menschen längst selbstverständlich ist, während die Institutionen weit hinterherhinken. Hier waren sich Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin) und Dr. Markus Eberhardt (Schuldirektor der Gisela-Schulen Niedernburg) einig. „Und auch die Arbeitswelt hinkt hinterher“, warf Franz Schlüsselhuber (Christliche Arbeiterjugend) ein.
Dass Schüler ihre Hausaufgaben mithilfe der KI erledigen, sei längst Realität, „und wir haben momentan kaum die richtigen Antworten darauf“, stellte Eberhardt fest. Er plädierte für ein verpflichtendes Fach „Medienkunde“, unter anderem auch, um dem Problem der zunehmenden Desinformation entgegenzuwirken. Auch das „Berufsbild Lehrer“ müsse sich ändern, damit diese die Schüler gut begleiten können. Grundsätzlich tritt Eberhardt in der Debatte für „mehr Gelassenheit“ ein: „Schülerinnen und Schüler gehen mit KI sehr gut um und haben Kompetenzen, von denen wir Erwachsene nur träumen können“, sagte er.
Schlüsselhuber bemerkte, dass junge Menschen auch beim Thema Desinformation oft aufmerksamer seien und diese schneller erkennten als ältere. Dennoch forderte auch er, dass Schulen im Unterricht mehr auf die Medienkompetenz achten sollten.
Lob-Hüdepohl erzählte, dass er von seinen Studenten keine schriftlichen Hausarbeiten mehr verlange, weil diese meist mithilfe von KI erstellt würden. Was er sich aber gut vorstellen könne, seien Hausarbeiten, in denen Studenten die KI-Ergebnisse einordnen und kommentieren müssen – das fördere digitale Kompetenz, erklärte er.
Auf die Entwicklungen in der Arbeitswelt angesprochen, äußerte Schlüsselhuber die Befürchtung, dass bestimmte Berufe von der KI verdrängt würden und dass davon laut Studien vor allem auch Berufseinsteiger betroffen wären. Er wies aber auch darauf hin, dass durch technische Entwicklungen viele neue Jobs entstehen könnten. Lob-Hüdepohl warnte, dass neue Arbeitsplätze hoch spezialisiert sein und dass sich auch die Eingangsqualifikationen im geringfügigen Beschäftigungsbereich erhöhen würden.
Vor allem aber warnte Lob-Hüdepohl vor Heilserzählungen, die dank der KI ein „Paradies auf Erden“ versprechen. Gerade hier sei die Kirche herausgefordert, diesen Versprechen der Tech-Elite entschieden entgegenzutreten. Diese würden sich niemals erfüllen, bänden aber sehr viel Geld, das an anderer Stelle fehlt.
An eine Art „Super-KI“, die allmächtig wird, glaubt auch Hans Käser (Geschäftsführer der IT-Firma Animabit) nicht. „Ich plädiere für Gelassenheit“, betonte er. Für ihn ist die KI weder Fluch noch Segen, sondern schlicht ein weiteres Werkzeug, das bestimmte Arbeitsbereiche produktiver machen könne. Entscheidend bleibe, wie Menschen die KI nutzen. Und die menschliche Kreativität etwa werde die KI niemals ersetzen können.
Ein Punkt, in dem sich Käser nicht nur mit Pfarrer Witti einig ist. Lob-Hüdepohl betonte, dass KI den Menschen auch nicht den „Spaß und die Freude“ nehmen könne, einen Text zu lesen und zu verstehen oder einen Gedanken selbst auszuformulieren.
Bei der Fragerunde meldete sich auch Bischof Stefan Oster SDB zu Wort, der das Kamingespräch als Zuhörer verfolgt hatte. Er warnte u.a. vor den kommerziellen Interessen, die hinter den aktuellen technischen Entwicklungen stünden. Außerdem warnte er vor einer ständigen Ablenkung durch moderne Technik. Denn gerade die kreative Arbeit erfordere Selbstkontrolle und Aufmerksamkeit.
Ob in (Hoch-)Schule und Beruf, in der Seelsorge oder in der Seniorenarbeit: KI könne ein nützliches Werkzeug sein, so das Fazit von Moderatorin Angelika Görmiller am Ende des Kamingesprächs. Für Christen aber sei entscheidend, die Würde des Menschen im Blick zu behalten.
Text + Fotos: Wolfgang Terhörst, Michael Glaß




