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Bistum

2 Jahre Pandemie - ein Klinikchef erzählt

Redaktion am 20.01.2022

S04 schutzkleidung PB Bild: Zanner/Klinikum Passau

Corona hält weiter die Welt in Atem. Aktuell breitet sich die Omikron Variante rasend auch in Europa aus. Laut WHO, der Weltgesundheitsorganisation, könnten sich in kürzester Zeit mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in der EU infizieren. Wenn das so kommt, dann herrscht vor allem in den Kliniken wieder Ausnahmezustand, die Belastungsgrenze ist vielerorts auch so schon lange erreicht. Im Interview spricht Stefan Nowack über die Pandemie, er ist Werkleiter im Klinikum Passau.

Ste­fan Nowack kann als Werk­lei­ter im Kli­ni­kum Pas­sau von einem sehr bewe­gen­den, har­ten Arbeits­all­tag in der Coro­na-Pan­den­mie erzäh­len, von dem er und noch mehr sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter betrof­fen sind. Wir reden mit ihm über 2 Jah­re Pan­de­mie, die auch das Kli­ni­kum Pas­sau in einen Aus­nah­me­zu­stand ver­setzt hat. 

Herr Nowak — was hat Sie in die­sen zwei Jah­ren am meis­ten berührt?

Vie­le Schick­sa­le, die man mit­be­kommt. Das ist schon manch­mal sehr bedrü­ckend. Dass gera­de älte­re Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten im Kran­ken­haus auch verster­ben, das ken­nen wir natür­lich. Zutiefst berührt hat mich der Tod einer Mit­ar­bei­te­rin, die an Coro­na gestor­ben ist. Die sich hier bei uns im Haus wäh­rend der Arbeit mit Covid ange­steckt hat. Sie war eine Woche zuhau­se, steht auf und stirbt. Das ist letz­tes Jahr in der zwei­ten Wel­le pas­siert. Das war ein Punkt, an dem ich dach­te: Oh Gott, was geht hier los. Und dann sehen wir natür­lich auch jun­ge Men­schen, die hier rein­kom­men. Wir haben eine Mit­ar­bei­te­rin, die wahr­schein­lich nie mehr arbei­ten kann, weil sie so schwer an ´Long-Covid´ erkrankt ist. Das alles sind ein­zel­ne Schick­sa­le, die sich hin­ter den Zah­len verbergen.”

S04 nowack PB Bild: Klinikum Passau

Fast zwei Jah­re lebt die Welt nun mit einer Pan­de­mie. Haben Sie jemals geglaubt, dass Sie als Lei­ter einer Kli­nik so etwas mit ihren rund 2500 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern durch­ste­hen müssen?

Da kann ich nur sagen: Nein. Seit 30 Jah­ren füh­re ich Kran­ken­häu­ser, kann also auf eine rela­tiv lan­ge Zeit zurück­schau­en. Ich habe alles Mög­li­che erlebt. Aber so etwas — nein. Man kann­te Pan­de­mie ja nur aus der Zei­tung und aus dem Fern­se­hen. Und da wur­de von der Spa­ni­schen Grip­pe vor 100 Jah­ren gespro­chen. Ich hät­te mir das in die­ser Dra­ma­tik in der heu­ti­gen Zeit nicht vor­stel­len kön­nen. Und ich hät­te vor allem nicht gedacht, dass es so lan­ge andauert.”

Wie haben Sie das damals eingeschätzt?

Ich habe damals nach der ers­ten Wel­le geglaubt, dass das Schlimms­te vor­bei ist. Dann kam die zwei­te Wel­le und die war weit­aus dra­ma­ti­scher als die ers­te. Die ers­te Wel­le war im Zeit­raum März/​April/​Mai 2020, wir haben alles run­ter­ge­fah­ren, alle waren wir im Lock­down, alle sehr brav und diszipliniert. 

Wir hat­ten damals eine über­schau­ba­re Zahl an Pati­en­ten und kaum infi­zier­te Mit­ar­bei­ten­de. Dann kam der Som­mer 2020, es hat sich alles wie­der ent­spannt, man war noch ein biss­chen unsi­cher. Und dann kam die zwei­te Wel­le. Mit vol­ler Wucht. Die­se Wel­le hat alles über­trof­fen, was davor war. Sowohl an infi­zier­ten Mit­ar­bei­tern, an Pati­en­ten und vor allem an den Zah­len der Toten, an den Men­schen, die an Covid gestor­ben sind.”

Vor ca. einem Jahr war es die bis­her dra­ma­tischs­te Zeit, die Sie und die Mit­ar­bei­ten­den am Kli­ni­kum erlebt haben. Was bleibt Ihnen da beson­ders in Erinnerung?

Ich erin­ne­re mich gut an Weih­nach­ten vor einem Jahr, da habe ich sehr schlecht geschla­fen. Wir hat­ten eine Urlaubs­sper­re ver­hängt, es durf­te kei­ner weg, alles wur­de abge­sagt und ver­scho­ben. Wir hat­ten um Neu­jahr einen Spit­zen­stand von rund 110 Coro­na Pati­en­ten erreicht. 110 Pati­en­ten! Da wuss­ten wir nicht mehr, wie wir das schaf­fen sol­len. Wir haben es geschafft und auf­ge­at­met, als der Impf­stoff end­lich kam. Und nun sind wir hof­fent­lich am Ende der vier­ten Wel­le und froh, dass wir eine Imp­fung haben. Geimpf­te Men­schen, die an Covid erkran­ken, wer­den viel weni­ger stark krank als die Unge­impf­ten. Auf der Inten­siv­sta­ti­on lie­gen über­wie­gend Unge­impf­te, wie vor kur­zem ein jun­ger Mann, Anfang 30, der beatmet wer­den muss­te oder eine schwan­ge­re Frau. Das sind Fäl­le, die mich auch als Werk­lei­ter beschäf­tig­ten, obwohl ich nicht direkt am Kran­ken­bett stehe.”

Hier können Sie den Klinikleiter im Interview hören:

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Sie muss­ten mit ihrem Kri­sen­team vie­le Ent­schei­dun­gen tref­fen – sicher­lich eine sehr schwie­ri­ge war das Besuchs­ver­bot für Ange­hö­ri­ge. Kann so etwas noch­mal kom­men? Wie ist die Stim­mung in Ihrem Haus jetzt?

Wir haben in der Spit­zen­zeit im Novem­ber lan­ge dar­über nach­ge­dacht und dis­ku­tiert, ob wir noch­mal Besuchs­ver­bot ver­hän­gen, weil es immer wie­der Besu­cher gibt, die sich nicht an die gel­ten­den Regeln hal­ten wol­len. Wir haben es nicht gemacht. Ich fin­de es sehr wich­tig, dass Pati­en­ten Besuch von Ange­hö­ri­gen erhal­ten kön­nen. Es ist wie­der ein Stück Nor­ma­li­tät ein­ge­kehrt. Aller­dings beschäf­tigt uns nicht nur Coro­na. Wir haben sehr vie­le Pati­en­ten, die auf ihren Ope­ra­ti­ons­ter­min war­ten, weil sehr vie­les ver­scho­ben wur­de. Chef­ärz­te berich­ten von schwe­ren Fäl­len, die sie in ihrer beruf­li­chen Lauf­bahn so noch nicht gese­hen hat, weil die Pati­en­ten aus Angst vor Coro­na ein­fach so spät gekom­men sind.”

Imp­fen nimmt Druck aus dem Sys­tem. Sind Sie per­sön­lich müde gewor­den über den Sinn einer Imp­fung zu reden? Nicht Geimpf­te zu überzeugen?

Wer jetzt noch glaubt, dass Imp­fen nichts hilft, da ist die Dis­kus­si­on schwie­rig. Die Ergeb­nis­se sind so ein­deu­tig. Aber es ist lei­der so, dass man Men­schen irgend­wann nicht mehr mit Argu­men­ten über­zeu­gen kann. Sie sind in ihrer Auf­fas­sung so fest­ge­fah­ren. Es ist nicht so, dass ich mich nicht der Dis­kus­si­on stel­len möch­te, wenn aber die Argu­men­ta­ti­on abstrus wird, gebe ich auf. Ich dis­ku­tie­re nicht mehr mit Coro­na-Geg­nern, da ist mir die Zeit zu schade.”

Haben Mit­ar­bei­ten­de – Ärz­te oder Pfle­gen­de — vor, ihren Beruf viel­leicht auf­zu­ge­ben, weil sie die star­ke Arbeits­be­las­tung nicht mehr bewäl­ti­gen kön­nen – gibt es sol­che Fälle? 

Ja, die gibt es. Erst mal fin­de ich es ganz wich­tig, dass man den Pfle­ge­kräf­ten und Ärz­ten, die unmit­tel­bar am Kran­ken­bett ste­hen, Wert­schät­zung gibt. Aber was man ein­fach erken­nen muss: die Belas­tung ist immens hoch. Die Frau­en und Män­ner sind in die­sem Bereich nach ein­drei­vier­tel Jah­ren erschöpft. Und wenn sie dann krank­heits­be­dingt noch für Kol­le­gen ein­sprin­gen müs­sen, ist die Bat­te­rie irgend­wann leer.”

Und das soll­te bei einem Beruf, der die Gesell­schaft so stark mit­trägt wie der­zeit in vie­len Kran­ken­häu­sern und Hei­men zu sehen ist, ein­fach nicht sein. 

Man muss auf­pas­sen, dass man das jetzt nicht kaputt­re­det und kaputt­schreibt. Nach bald 40 Jah­ren Arbeit im Kran­ken­haus bin ich über­zeugt, dass das ein extrem inter­es­san­ter Ort ist und dass der Beruf der Kran­ken­pfle­ge einer der erfül­len­des­ten Beru­fe ist, die es gibt.”

Sie haben christ­li­chen Bei­stand im Haus. Katho­li­sche und evan­ge­li­sche Seel­sor­ger für die Pati­en­ten, die Ange­hö­ri­gen und die Mit­ar­bei­ten­den – wie wich­tig war das in die­ser Zeit? 

Sehr wich­tig. Sie sind Teil des Kran­ken­hau­ses, ste­hen zwar nicht auf unse­rer Gehalts­lis­te, ich fin­de es aber sehr wich­tig, dass es die­se Seel­sor­ge in unse­rem Kran­ken­haus gibt. Wir sind immer noch eine christ­li­che Gesell­schaft und die Seel­sor­gen­den sind sowohl für die Mit­ar­bei­ten­den als auch für die Pati­en­ten da. Wir pfle­gen ein wun­der­ba­res Ver­hält­nis unter­ein­an­der mit gegen­sei­ti­gem Respekt und gegen­sei­ti­ger Wertschätzung.”

Sie haben einen Wunsch frei für das neue Jahr – was wün­schen Sie sich?

Ich wün­sche mir, dass die­se Pan­de­mie auf­hört und dass wir wie­der unse­re ganz nor­ma­le Arbeit machen kön­nen. Ich wün­sche mir sehr, dass wir die vie­len Pati­en­ten, deren Behand­lung wir auf­ge­scho­ben haben, in die­sem Jahr gut ver­sor­gen kön­nen. Und ich wün­sche mir, dass unse­re Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter genug Atem und Ruhe­pau­sen haben, um gut arbei­ten zu können.”

Herr Nowack — sie haben 2500 Mit­ar­bei­ten­de, die seit zwei Jah­ren alles geben. Was möch­ten Sie denen sagen?

Ich kann allen unse­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern nur das größ­te Lob aus­spre­chen. Was hier geleis­tet wird, ist her­aus­ra­gend. Stolz ist ein Wort, das ich nicht ger­ne ver­wen­de, ich möch­te mei­nen gro­ßen Dank aus­spre­chen. Wir haben es den Mit­ar­bei­ten­den zu ver­dan­ken, dass die­ses Kli­ni­kum so exis­tiert und so arbeitet.”

Und viel­leicht noch ein kri­ti­scher Appell an die Gesellschaft?

Wir leben in einem der reichs­ten Län­der der Welt. Wir haben Struk­tu­ren, die kaum jemand hat. Wir haben Impf­stoff, wir haben alle Mög­lich­kei­ten. Die Pro­ble­me, die wir haben, die hät­ten ande­re Län­der ger­ne. Län­der in Afri­ka, die kei­nen Impf­stoff haben, in denen es eine Impf­pfo­te von gera­de ein­mal 0,3 Pro­zent gibt. Die kei­ne Chan­ce haben, sich zu schüt­zen oder ihre Kran­ken adäquat zu ver­sor­gen. Erin­nern wir uns zurück an die Bil­der aus Indi­en zum Jah­res­be­ginn 2021, an das Desas­ter und das unbe­schreib­li­che Leid. Dage­gen leben wir hier in einem Land, in dem wir im Grun­de alles haben. Und was tun wir? Wir mäkeln rum. Ich ver­ste­he das nicht. Das ist etwas, das mich zutiefst bedrückt. Anders kann ich das nicht sagen. Manch­mal den­ke ich mir sogar, dass es uns zu gut geht. Wir haben die Ver­hält­nis­se, die Rela­ti­on verloren.”

Ist das ein Punkt, an dem Glau­be hel­fen kann, an dem er eine Bedeu­tung für Sie hat?

Ja, die hat er. Es gibt ein schö­nes Wort von And­re Hel­ler, den ich frei zitie­re: Er glaubt nicht, dass Gott für den FC Vati­kan oder den FC Kla­ge­mau­er spielt. Das gefällt mir sehr gut. Ich glau­be an einen uni­ver­sel­len Gott. Der ist nicht evan­ge­lisch oder katho­lisch. Ich glau­be, dass es etwas gibt, das uns trägt und führt. Auch in die­ser Zeit. Und gera­de im Klei­nen, in Begeg­nun­gen, die wir viel­leicht gar nicht als wich­tig oder groß wahrnehmen.”

Inter­view: Moni­ka Zieringer