Der Blick auf die Gewalt in europäischen Städten stand am Anfang der Allerheiligenpredigt von Bischof Stefan Oster. Beim Pontifikalamt am Sonntag, 1. November, im Passauer Stephansdom warnte er: Wer den Glauben verliere, werde anfällig für falsche Überzeugungen und Aggression. Dem stellte er die Haltung der Seligpreisungen entgegen, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und Liebe, und fragte: „Erkennen wir die Heiligen unter uns?“
Ein Blick aufs Handy am Morgen habe gezeigt, so Oster, dass die Gewaltbereitschaft der vergangenen Wochen in Frankreich und anderen Großstädten nun auch Deutschland erreicht habe. Aus Berlin und Frankfurt sei in der vergangenen Nacht von Ausschreitungen und Plünderungen zu lesen gewesen. Er fragte, ob es einen Zusammenhang mit Halloween gebe und griff dabei die Redensart auf: „Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten.“ Schon im Markusevangelium begegne Jesus den Mächten des Bösen gleich im ersten Kapitel mehrfach. Wo das Licht Gottes erscheine, trete auch das Dunkle deutlicher hervor.
Mit Sorge blickte Oster auf die Gesellschaft. Wer den Glauben an Gott verliere, glaube nicht etwa nichts mehr, sondern womöglich alles Mögliche, auch dass Gewalt erlaubt oder sogar geboten sei, ohne dass Krieg herrsche. „Wenn Christus keinen Platz mehr in der Seele hat, dann sind die Einfallstore offen für alles Mögliche, was gewissermaßen unter dem Schein des Guten und Wahren daherkommt, aber letztlich nicht wahr ist“, sagte der Bischof.
Als Gegenentwurf verwies er auf die Seligpreisungen, die Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen. Direkt an die Gottesdienstbesucher gewandt, fragte Oster: „Stellen Sie sich vor, eine solche Person wäre unter uns. Würden wir sie erkennen? Würden wir diese innere Schönheit wahrnehmen können?“
„Stellen Sie sich vor, eine solche Person wäre unter uns. Würden wir sie erkennen? Würden wir diese innere Schönheit wahrnehmen können?”
Wie leicht Heiligkeit verkannt wird, zeigte er am Beispiel der heiligen Therese von Lisieux. Sie trat als Fünfzehnjährige mit Sondererlaubnis des Papstes in den Karmel ein, starb als junge Frau mit 24 Jahren und wurde später von Papst Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerin erklärt, obwohl sie nie Theologie studiert hatte. Ihren „kleinen Weg“ fasste der Bischof so zusammen: „Die kleinen Dinge des Alltags mit möglichst großer Liebe tun für Gott und für die anderen.“ Eine Mitschwester habe nach Thereses Tod sinngemäß gefragt, was man über diese junge Frau schon sagen solle. Erst durch ihr Buch „Geschichte einer Seele“ habe die Welt begriffen, wer da gelebt hatte. Allerheiligen, so Oster, dürfe man deshalb auch „als ein Erkennungsfest“ lesen.
Menschliche Reife und Nächstenliebe zeigten sich besonders in Zeiten von Belastung und Krise. Die Vision aus der Offenbarung des Johannes, in der die Gewänder der Heiligen „weiß gewaschen im Blut des Lammes“ sind, deutete er als Bild für ein Herz, das sich in die Liebe Christi hineinstellt und von ihr weiten lässt. Wer so lebe, dürfe hoffen, einst bei denen zu sein, die Gott im Himmel schauen.
Die Predigt hier zum Nachhören:
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Musikalisch gestalteten Solisten, der Domchor und das Domorchester den Gottesdienst mit Mozarts Krönungsmesse in C‑Dur (KV 317).
Über Allerheiligen
Das Hochfest hat in der römisch-katholischen Kirche eine Tradition, die bis ins achte Jahrhundert zurückreicht. Es erinnert nicht nur an die offiziell Heiliggesprochenen, sondern an alle Verstorbenen, die unerkannte Heilige sind. Zugleich leitet der Tag zu Allerseelen am Montag über: Dann besuchen in Bayern traditionell viele Familien die Gräber und entzünden Lichter, und Geistliche segnen beim Gräbergang die Ruhestätten im Zeichen der Auferstehungshoffnung.



