Bischof

HIRTENBRIEF zum 1. Adventssonntag 2019

Pressemeldung am 30.11.2019

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Die Bibel – wie der Brief eines guten Freundes

Lie­be Schwes­tern und Brü­der in Christus,

in die­sen Tagen erscheint im Buch­han­del ein Werk, das ich als sehr schö­nes Geschenk für die Gläu­bi­gen unse­res Bis­tums emp­fin­de: Wir brin­gen die Pas­sau­er Sonn­tags­bi­bel her­aus. Es ist ein wun­der­bar gestal­te­tes, gro­ßes Buch, das sich dazu eig­net, es stän­dig auch offen an einem schö­nen Ort zu Hau­se zu plat­zie­ren. Das Buch ent­hält zum einen die Tex­te von Evan­ge­li­en und Lesun­gen aller Sonn- und Fest­ta­ge. Zum zwei­ten sind dar­in sehr vie­le Bil­der von Kunst­wer­ken aus unse­rem gan­zen Bis­tum zu fin­den – Kunst­wer­ke, die die Bibel-tex­te ver­an­schau­li­chen. Und schließ­lich wer­den die Schrift­stel­len auch noch jeweils kurz kom­men­tiert mit sehr auf­schluss­rei­chen Erklä­run­gen von Papst Bene­dikt XVI. Es ist ein Werk, mit des­sen Hil­fe – so hof­fe ich – in uns allen ein­mal mehr das Inter­es­se geweckt wird, sich mit Got­tes Wort zu beschäftigen.

Denn tat­säch­lich gibt es doch in vie­len von uns auch Fra­gen und Zwei­fel, was die Bibel angeht. Vie­le fra­gen sich, ob das alles tat­säch­lich so war, wie erzählt wird. Oder was denn so alte Tex­te uns Men­schen von heu­te über­haupt sagen kön­nen. Wir bemer­ken manch­mal Wider­sprü­che oder Unge­reimt­hei­ten. Wir hören ver­schie­de­ne Aus­le­gun­gen zum sel­ben Text und ähn­li­ches mehr. Und all das und mehr lässt uns doch oft­mals zwei­feln an der Rele­vanz der Bibel und dar­an, ob der Text wirk­lich hei­lig ist, wirk­lich hei­li­ge Schrift ist? Oder ob die Bibel tat­säch­lich das Wort Got­tes ent­hält oder nicht viel­leicht doch nur ein mensch­li­ches Pro­dukt ist. Ich ken­ne jeden­falls vie­le Men­schen, ob jün­ger oder älter, die genau sol­che Fra­gen und Zwei­fel haben.

Und den­noch, lie­be Schwes­tern und Brü­der, ist die Bibel für vie­le Men­schen ein täg­li­cher Beglei­ter, so auch für mich. Sie ist mir so etwas wie die täg­li­che Nah­rung für mein inne­res Leben gewor­den, für mein Gebet, für mei­ne Zwie­spra­che mit Gott, für mein Hin­ein­wach­sen in die Bezie­hung mit Jesus. Und auch ich lese die Bibel natür­lich zuerst ein­mal wört­lich, ich ver­su­che wört­lich zu ver­ste­hen, was da gesagt und erzählt wird. Ich glau­be zwar, dass die Bibel Got­tes­wort ist, aber eben auch aus­ge­drückt im Men­schen­wort. Men­schen ihrer Zeit und mit ihrer Erfah­rung und ihrem Hori­zont haben die Begeg­nung mit Gott so erlebt und dann auf­ge­schrie­ben. Und vie­les ist dann vor allem aus die­ser Zeit her­aus zu ver­ste­hen – und hat damit auch sei­ne Gren­zen für uns Heu­ti­ge. Und trotz­dem offen­bart der Text oft mit­ten in sol­chen mensch­li­chen Gren­zen auch immer wie­der zeit­lo­se Gül­tig­keit – und zwar über das nur wört­li­che Ver­ständ­nis hinaus.

Denn zeit­los gül­tig wird vie­les in der Bibel dann, wenn ich ver­su­che, den Text zu ver­ste­hen mit der Fra­ge: Was sagt er mir denn über die Bezie­hung Got­tes zu uns Men­schen, über den Weg, den Gott mit den Men­schen durch die Zeit geht? Ich glau­be, das ist eigent­lich die ganz zen­tra­le Fra­ge. Wie zeigt sich Gott, wie geht er mit uns um, wie will er mit uns in Bezie­hung tre­ten? Die bei­den Bücher der Bibel, das Alte Tes­ta­ment und das Neue Tes­ta­ment, han­deln ja durch­ge­hend vom Bund Got­tes mit den Men­schen. Man kann auch sagen: Alter Bund und neu­er Bund. Und der Bund meint im Grun­de immer: Gott will per­sön­lich einen Bund, ein Bünd­nis mit uns ein­ge­hen. Und er will sogar, dass das ein Lie­bes­bünd­nis ist, ein Freund­schafts­bünd­nis – er will immer neu Ver­söh­nung. Er sucht die Ver­söh­nung mit sei­nem gelieb­ten Volk und damit mit jedem ein­zel­nen von uns. Ganz beson­ders deut­lich wird das in Jesus, in dem uns Gott so nahe­ge­kom­men ist. Er ist für uns Mensch gewor­den und für uns gestor­ben, um uns all unse­re Got­tes­fer­ne zu ver­ge­ben. Weil er will, dass wir wie­der im Bund mit Gott leben kön­nen, in der Freund­schaft mit ihm. Im Grun­de erzählt die gan­ze Bibel direkt oder indi­rekt, immer neu von Got­tes Lie­be und sei­ner Sehn­sucht nach der Freund­schaft mit uns und nach unse­rer Umkehr zu Ihm.

Und immer wie­der, wenn ich dann mit einem wachen, offe­nen Her­zen lese und mir eine bibli­sche Erzäh­lung nahe­ge­hen las­se, dann wird der Text wie eine Art Brief an mich, auf den ich mich ein­las­se. Ich möch­te das an einem Bei­spiel ver­deut­li­chen: Stel­len Sie sich vor, Sie hät­ten vor Jah­ren von einem guten Freund einen Abschieds­brief bekom­men, bevor er an schwe­rer Krank­heit gestor­ben ist. In dem Brief schil­dert er Ihnen, wie wich­tig Sie ihm waren, wie wert­voll die­se Bezie­hung zu Ihnen war. Und er schreibt auch noch, was er Ihnen noch sagen und hin­ter­las­sen woll­te, einen Rat oder eine wich­ti­ge Auf­ga­be. Wäre es nicht so, dass Sie die­sen Brief immer wie­der lesen wür­den? Und dass dann der Freund vor Ihrem geis­ti­gen Auge auf­tau­chen und zu Ihnen spre­chen wür­de? Wür­de der Brief dadurch nicht viel mehr sein als nur als ein paar Buch­sta­ben auf einem Blatt Papier. Wür­de der Text nicht wirk­lich zu spre­chen anfan­gen und leben­dig werden?

Lie­be Schwes­tern und Brü­der, in die­sem Sinn will Got­tes Geist auch uns hel­fen, die Bibel für uns leben­dig wer­den zu las­sen. Und ich wün­sche uns allen, dass der Hei­li­ge Text auch für uns immer wie­der neu zum Brief Got­tes an uns wer­den darf. Und dass er uns so zur Nah­rung für unser inne­res Leben, zur Ver­tie­fung unse­rer Got­tes­be­zie­hung wer­den kann. Die Schrift nicht ken­nen, heißt: Chris­tus nicht ken­nen – so hat der Kir­chen­va­ter Hie­ro­ny­mus gesagt. Und wie soll­ten wir Freun­de Chris­ti wer­den, wenn wir ihn gar nicht kennen.

Des­halb möch­te ich Sie vor allem für die­se Advents­zeit ein­la­den, täg­lich in der Bibel zu lesen, mit einem wachen Her­zen, das damit rech­net, von Gott wirk­lich berührt und ange­spro­chen zu wer­den. Auf dass sich die weih­nacht­li­che Mensch­wer­dung Got­tes auch in uns selbst ereig­nen kann. Gott seg­ne Sie und Ihre Lie­ben auf Ihrem Weg durch den Advent.

Pas­sau, 1. Advents­sonn­tag 2019
Dr. Ste­fan Oster SDB
Bischof von Passau