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Soziales

Vier Tage auf Lesbos

Redaktion am 25.06.2021

210622 Jaeger Lesbos 9 info-icon-20px Foto: Günther Jäger

Während seiner Zeit auf der Insel Lesbos schreibt Diakon Günther Jäger seine Eindrücke immer wieder auf. Hier berichtet er von vier Tagen seiner zehnwöchigen Reise.

Mittwoch, 9. 6. 2021, Tag 11 von 76

Wie jeden Tag war ich schon früh am Treff­punkt Küche, Thermo­bo­xen rei­ni­gen, Taschen waschen…. Wenn die Kolleg*innen kom­men, ist schon alles fer­tig. Sie sagen dann immer: Hey, you era­ly bird – do you live here“? Wir ver­ste­hen uns so gut und haben trotz der vie­len Arbeit und teil­wei­se belas­ten­den Erleb­nis­se immer wie­der Spaß.

Heut ver­las­sen uns Doro, Fayad und Luna. Sie fah­ren nach Chi­os, um dort zu eva­lu­ie­ren, wie Doros Orga­ni­sa­ti­on dort was auf­bau­en kann – ähn­lich wie hier auf Les­bos. Ich wer­de dann im Juli eini­ge Tage dort hin­fah­ren um mir Ein­drü­cke zu ver­schaf­fen und evtl. Doro zu unterstützen.

Ich bin heu­te mit Kris in der Küche. Eigent­lich soll­te Asha dabei sein. Sie hat­te jedoch ges­tern nach dem Erleb­nis auf der Depo­nie schon gesagt, dass sie heut evtl. eine Aus­zeit nimmt. Es ging ihr gar nicht gut. Ich kann das gut nach­voll­zie­hen – so was muss man auch erst mal verarbeiten.

Heut gab‘s Linsen­ein­topf mit Salat und Kar­tof­fel­brei mit etwas Gemü­se für die Kran­ken im Camp. Alles lief ganz nor­mal – Essen war pünkt­lich fer­tig, sogar etwas frü­her als sonst. War ja auch Ein­topf – das geht schnel­ler als ande­re Gerich­te und es ist gut mal nicht unter Zeit­druck zu stehen.

Panayo­tis hat heut für mich die Außen­tour über­nom­men. Ich bin mit­tags mit Doro zum Haus gefah­ren, das sie ange­mie­tet hat. Hier wer­de ich ab mor­gen woh­nen, nach­dem sie mit Luna und Fayad abge­reist ist nach Chi­os. Sie wer­den am 13. Juni noch­mal für ein paar Tage zurück­kom­men, bis sie dann am 17. Juni nach Athen und dann zurück nach Öster­reich fliegen.

Um 14:30 Uhr star­ten Panayo­tis und ich ins Camp. Pana ist 62 Jah­re alt und ein groß­ar­ti­ger Mensch. Ein Grie­che im bes­ten Sinn. Er war bis zur Pen­si­on Feu­er­wehr­mann. Erst in Athen und denn 25 Jah­re in Myti­li­ni. Sein ehe­ma­li­ger Chef ist jetzt der Direk­tor der Camps Kara Tepe, in das wir täg­lich fahren.

Panayo­tis liebt alle Men­schen, sagt er, beson­ders die Kin­der. Er liebt Musik und Tanz, Wein, Fisch und Uzo. Wir haben uns von Anfang an gut ver­stan­den. Als ihm gesagt wur­de, dass ich Dia­kon bin, war er erst etwas reser­viert – aus Respekt, wie er mir dann erklär­te. Er ist ein sehr gläu­bi­ger Mensch und ist sehr trau­rig dar­über, dass sei­ne grie­chisch-ortho­do­xe Kir­che so ableh­nend gegen die Flücht­lin­ge agiert und jede Hil­fe ver­wei­gert. Umso mehr enga­giert er sich, jeden Tag, 7 Tage die Woche fährt er mit dem Van ins Camp, oft 23 Mal pro Tag und lie­fert Essen, Klei­dung und ande­re Bedarfsgüter.

Immer wenn ich mit ihm ins Camp fah­re, hören wir gemein­sam grie­chi­sche lit­ur­gi­sche Musik und Gesän­ge und er erklärt mir in sei­nem bes­ten Eng­lisch, was hier gesun­gen wird und wann. Es ist ein­fach nur schön mit ihm.

Wir fah­ren noch an unse­rem Lager­haus vor­bei und laden Ruck­sä­cke und einen neu­en Kin­der­wa­gen ein. Im Camp haben ges­tern ein paar Flücht­lin­ge gefragt, ob wir so was brin­gen können.

210622 Jaeger Lesbos 6 info-icon-20px Foto: Günther Jäger

Gegen 15:00 h sind wir im Camp. Erst geht’s zur Qua­ran­tä­ne. Dort tra­gen wir die schwe­re Thermo­box mit dem Essen durch schma­le Wege zum Ver­tei­lungs­zelt. Natür­lich tra­gen wir FFP2-Mas­ken und des­in­fi­zie­ren uns immer wie­der die Hän­de. Ich bin echt froh, den vol­len Impf­schutz zu haben.

Am Ver­teil­platz in der Mit­te des Camps wird der Van wie jeden Tag erwar­tet. Ein gro­ßes Hal­lo, als mich die Hel­pers“ wie­der­se­hen. Man kennt sich mitt­ler­wei­le und es ist schön, wenn man so emp­fan­gen wird.

Heut ist es ziem­lich hek­tisch. Schon bei der Ein­fahrt ins Camp haben wir den Camp­di­rek­tor mit einer Dele­ga­ti­on gese­hen, ca. 6 – 7 Leu­te. Die kamen jetzt auch zu uns. Der Camp­chef kennt ja den Panayo­tis. Wir wur­den vor­ge­stellt. Es ist eine Regie­rungs­de­le­ga­ti­on aus Hol­land. Sie besich­ti­gen heu­te das Camp. Eine Frau aus einem Minis­te­ri­um – ich hab nicht ver­stan­den, wel­ches – hat mich gefragt, wo ich her­kom­me und wie mein Ein­druck ist von Kara Tepe. Ich hab ihr gesagt, was ich erle­be und den­ke – Posi­ti­ves und auch Nega­ti­ves. Sie war anschei­nend sehr über­rascht, weil sie nur posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen gehört hat. 

Tja… man soll­te halt die fra­gen, die hier leben oder die hier hel­fen, nicht die offi­zi­el­len Ver­tre­ter der grie­chi­schen Regie­rung. 15 min spä­ter sehe ich dann zwei Damen der Hol­län­di­schen Dele­ga­ti­on hin­ter dem Gemü­se­stand im Camp medi­en­wirk­sam Toma­ten und Gur­ken in Tüten legen und eini­gen Flücht­lin­gen schen­ken“. Das darf natür­lich gefilmt und foto­gra­fiert wer­den – aber danach sofort Kame­ra aus…

Ich werd etwas zor­nig… typisch Poli­ti­ker… sind viel­leicht 1 Stun­de hier im dre­cki­gen Camp, posi­tio­nie­ren sich für ein Image­fo­to und sind dann wie­der weg. Zu Hau­se wird dann groß berich­tet, was sie alles erlebt haben und für die Flücht­lin­ge tun werden.

Ich kann mit sol­chen Leu­ten ein­fach nix anfan­gen…. Maulhelden!!!

Nach der Essen­aus­ga­be an die Hel­pers kommt eine Frau mit 3 Kin­dern zu unse­rem Van. Hey, Panayo­tis“ sag ich, this mom will get the baby strol­ler. What do you think?“ Sofort ist er ein­ver­stan­den. Die Freu­de der Mut­ter ist rie­sig. Die Hel­pers brin­gen den ver­pack­ten Kin­der­wa­gen über schma­le Tram­pel­pfa­de zum Zelt Nr. 459. Ich wer­de ein­ge­la­den, mit­zu­kom­men zur Über­ga­be. Es ist so schön die Freu­de der Mut­ter und der Kin­der zu spü­ren. Das sind Momen­te, die einem sehr viel Kraft geben und auch gro­ße inne­re Freu­de. Wie schön ist es, hel­fen zu kön­nen und zu dür­fen, wie schön ist es für mich Dia­kon zu sein.

Zurück am Van neh­me ich noch Wün­sche von ande­ren Flücht­lin­gen auf und notie­re mir alles: Elek­tro­ko­cher, Damen­un­ter­wä­sche, Monats­bin­den, Kopf­tü­cher für 1 Mut­ter und 3 Töch­ter, 2 Paar Schu­he für Vater und Toch­ter und Öl, Mehl und Nudeln für eine klei­ne Fami­lie. Ok, mor­gen vor der Tour ins Camp ins Lager fah­ren, ein­la­den und mit­neh­men. Men­schen mit klei­nen Din­gen ein klein wenig glück­lich machen… das baut auf…. des­halb machen wir das.

Nach der Camp­tour geht‘s mit grie­chisch-ortho­do­xen Gesän­gen im Van zurück zur Küche. Nach­dem die DVD zu Ende ist, gibt‘s grie­chi­sche Musik, natür­lich laut und bei offe­nem Fens­ter. Pana fängt an mit­zu­sin­gen und wippt wäh­rend der Fahrt auf und ab… Nor­mal­ly we drink Uzo and dance with such music. Hey my Ger­man friend, it was a gre­at after­noon today…..“ Ja, das war es wirk­lich, lie­ber Pana…
Um ca. 17:30 h kom­me ich zurück in mein Apart­ment in Myti­li­ni. Ich schreib dem Ziwir Safi, ob er zuhau­se ist, weil ich noch bei ihm vor­bei­kom­men will. Ich habe Doku­men­te für ihn bzgl. sei­nem Asyl­an­trag und will ihm auch sein wöchent­li­ches Ver­sor­gungs­pa­ket bringen.

Um ca. 18:15 h bin ich bei ihm. Ich war mit Doro ja schon am Mon­tag nach mei­ner Ankunft bei ihm und weiß, wo er wohnt. Ein paar Tage spä­ter, am 3. Juni, hab ich ihm auch die ver­spro­che­nen Schu­he gebracht. Die Fami­lie hat schon an der Tür ihrer sehr klei­nen Woh­nung, in einer Sei­ten­gas­se in Myti­ni­ne, gewar­tet. Ich wur­de wie­der sehr freu­dig begrüßt und bekam von Safis Frau eine küh­le selbst­ge­macht Zitro­nen­li­mo­na­de. Ich hab gar nicht über­legt, ob ich das trin­ken soll wegen mög­li­cher­wei­se pro­ble­ma­ti­schem Trink­was­ser hier. Es hat herr­lich geschmeckt und echt erfrischt. Sie haben wirk­lich kein Geld, aber die Gast­freund­schaft wird trotz­dem groß geschrie­ben. Mit ihren mehr als beschei­de­nen Mit­tel begrü­ßen sie ihren Besuch und wah­ren so ihre Ehre… groß­ar­ti­ge Menschen.

Ich habe Safi gebe­ten, mit­zu­kom­men zum Ein­kau­fen, um mir tra­gen zu hel­fen. Wie immer, dach­te ich mir, wer­den wir Mehl, Milch, Eier, Nudeln, Öl, Was­ser und Brot kau­fen. Wir sind zum nahen Super­markt gegan­gen. Ich war mehr als über­rascht. Als ich zum Mehl griff sag­te Safi: No, not this, it is too expen­si­ve. I take the next one.“ Es waren 33 Cent pro Packung Unterschied….

Er nahm dann noch 3 l Milch (die bil­ligs­te), 2 Packun­gen Lin­sen und 2 Packun­gen stil­les Was­ser. Das war alles was er brauch­te. Das ande­re hat er alles noch daheim, er woll­te nicht mehr. Ich muss­te ihn förm­lich dazu drän­gen, dass er für die Kin­der noch ein paar Süßig­kei­ten aus­sucht. Erst etwas scheu, hat er dann doch 2 Packun­gen Chips und eine Packung Cra­cker mit­ge­nom­men. Er woll­te nur das haben, was die Fami­lie unbe­dingt brauch­te. Brot ist zu teu­er, sag­te er mir beim Heim­ge­hen. Mei­ne Frau macht des­halb aus Mehl und Öl daheim Fla­den­brot. Das sind wir gewohnt und es ist billig.

You know, Gun­ther, your orga­ni­sa­ti­on does so much for us and hel­ps my fami­ly to hope­ful­ly get Asyl­um. All the money you spend for us comes from your donors. Thats why we are so gra­te­ful and it is our duty to keep our needs as low as possible“.

Was für eine Ein­stel­lung. Da könn­te sich man­cher bei uns daheim ein Bei­spiel nehmen.

Auf dem Heim­weg zu sei­ner Woh­nung durf­te ich ihm nicht tra­gen hel­fen. Er hat alles sel­ber nach Hau­se getragen…wieder eine Sache der Ehre für ihn. Trä­nen in den Augen bei ihm und sei­ner Frau, als ich mich ver­ab­schie­de­te, und die Kin­der haben mei­ne Bei­ne festgehalten….

Bis nächs­te Woche, ihr Lie­ben…. Ich ging den Weg zurück in mei­ne Woh­nung… freu­dig und bewegt…
Ich hab die Ves­per gebe­tet, wie immer, die­se Zei­len geschrie­ben und dann nach der Kom­plet ins Bett gegan­gen….. ein guter Tag…

Samstag, 12. Juni, Tag 14 von 76

Wie jeden Tag war ich auch heut schon um 6 Uhr wach. Noch ein biss­chen hin und her gedreht und dann doch aufgestanden.

Duschen, Lau­des, Kat­zen füt­tern und dann noch etwas Ruhe vor der Abfahrt. Ich hab ver­ges­sen, dass wir uns erst um 10 Uhr in Wareh­ouse tref­fen woll­ten. Ich war also schon um 8 Uhr im Restau­rant“. Es war noch nie­mand da also bin ich um die Ecke zu Nikos gegan­gen, der mit Panayo­tis um die Zeit schon immer in sei­nem Fisch­la­den sitzt.

Wir haben etwas geplau­dert und über die Kir­che und den Glau­ben gespro­chen. Wir tun dies sehr oft. Bei­de sind sehr inter­es­siert, was in der katho­li­schen Kir­che anders ist als in der ortho­do­xen. Sie erzähl­ten wir – wie so oft – wie wich­tig der Glau­be für sie ist und wie ent­täuscht sie sind, wie sich die ortho­do­xe Kir­che hier in Grie­chen­land zu den Flücht­lin­gen verhält.

Sie respek­tie­ren mich so sehr, dass es mir wirk­lich pein­lich ist. Aber immer wie­der höre ich von ihnen, wie sehr sie es schät­zen, dass jemand von der Kir­che hier an der Basis mit­ar­bei­tet. Sie sagen: Du bist da, wo es weh tut und scheust Dich nicht, auch die nied­rigs­ten Arbei­ten zu machen“.

Hmmm… ist das nicht die Auf­ga­be eines Chris­ten…. Hat uns Jesus das nicht gesagt? Es ist die­ser Auf­trag Chris­ti, der mich täg­lich anspornt. Lei­der muss­te ich 65 Jah­re alt wer­den um dies auch wirk­lich umzusetzen……oder zumin­dest ver­such ich es.

Um 10:00 Uhr waren wir dann im Wareh­ouse, Asha, Kris, Kate­ri­na und ich. 1100 Flücht­lin­ge, vor­ran­gig Fami­li­en, wol­len wir mor­gen ver­sor­gen mit Flüs­sigs­ei­fe, Kin­dersham­poo und einem Sei­fen­spen­der. Alles wur­de zusam­men­ge­stellt und auf Palet­ten für die Ver­la­dung in den Van bereit­ge­stellt. 3 Stun­den haben wir dafür gebraucht. Ok, für mor­gen somit alles klar.

Um kurz nach 13 Uhr sind wir zurück zum Restau­rant“ (so nen­nen wir unse­ren Stütz­punkt, in dem auch unse­re Küche ist – war frü­her eine Taver­ne bevor der Besit­zer die Flücht­lings­hil­fe begon­nen hat) ange­fah­ren.

Ich war echt scho­ckiert, als ich sah, dass das zu lie­fern­de Essen bei wei­tem noch nicht fer­tig war. In der Küche ist tüch­tig was schief gelau­fen, was, weiß ich nicht. Es war schon fast 14:00 h aber es fehl­ten noch ca. 350 Por­tio­nen. Ich hab auch deut­lich zu erken­nen gege­ben, dass wir dar­auf ach­ten müs­sen, die Zei­ten ein­zu­hal­ten. Die Leu­te waren nicht gut ein­ge­teilt, zu vie­le waren ander­wei­tig beschäf­tigt und zu weni­ge in der Küche.

Ton und ich sind mit dem fer­ti­gen Essen schon mal vor­aus ins Camp gefah­ren um zumin­dest die Leu­te in Qua­ran­tä­ne zu ver­sor­gen. Es ist schlimm, die Men­schen war­ten zu las­sen, zumin­dest für uns Vol­un­te­ers, die Grie­chen sehen das evtl. ert­was anders.

Bei der Rück­fahrt vom Camp sind Ton und ich über Moria gefah­ren und waren kurz an dem Platz, an dem das frü­he­re Lager Moria war, das im Sep­tem­ber 2020 abge­brannt ist. Es wie­der ein Ort, an dem ich ganz still gewor­den bin. Die ver­kohl­ten Oli­ven­bäu­me, soweit das Auge reicht. 25.000 Flücht­lin­ge waren dort…unvorstellbare Aus­ma­ße muss die­ses Lager gehabt haben. Wir sehen noch den Müll, der her­um­liegt, ver­brann­te Kin­der­schu­he und Spiel­zeug lie­gen am Weg, der vol­ler Scher­ben und schwar­zer Stei­ne ist. Wel­che Dra­men haben sich hier wohl abgespielt…

Ich spre­che ein kur­zes lei­ses Gebet und ver­las­se den Ort schwei­gend und vol­ler Wehmut.

Für heu­te reichts mir. Ich fah­re zurück zur Woh­nung und geh nach dem Vesper­ge­bet schon um 8 Uhr ins Bett. Ich bin müde, müde von den vie­len Ein­drü­cken, über die ich viel nachdenke.

Sonntag, 13. Juni, Tag 15 von 76

Um 6:45 h bin ich heut auf­ge­stan­den. Ich hab fast 10 Stun­den geschlafen…das hat so rich­tig gut getan. Ich hab dann am Han­dy gese­hen, dass mei­ne Cou­si­ne ange­ru­fen hat. Das war um 6:30 h mei­ner Zeit, d.h. 05:30 in Deutsch­land. Ich hab mir echt gedacht, das war ein Ver­se­hen, da kei­ne Nach­richt auf Whats App bzw. Signal zu sehen war.

Ich weiß, mei­ne Tan­te ist seit ein paar Tagen im Kran­ken­haus. Ich hab vor­ges­tern mit ihr tele­fo­niert und sie hat sich gefreut, mich zu hören. Wir konn­ten aber lei­der nur kurz spre­chen, weil sie gera­de von einer Schwes­ter neu­en Sauer­stoff bekam.

Ich hab dann nicht wei­ter nach­ge­dacht über den Anruf mei­ner Cousine.

Ich bin um kurz vor 8, nach der Lau­des und dem mor­gent­li­chen Füt­tern der Kat­zen, los­ge­fah­ren. Wir wol­len uns heut um 8:30 h am Restau­rant tref­fen, um dann zusam­men zum Wareh­ouse zu fahren. 

War­um ich gleich zum Wareh­ouse gefah­ren bin kann ich gar nicht sagen. Ich war mit den Gedan­ken ganz wo anders, eben doch bei dem Anruf mei­ner Cou­si­ne. Am Wareh­ouse ange­kom­men hab ich sie ange­ru­fen. Ich merk­te sofort, dass es wohl eine trau­ri­ge Nach­richt gibt. Mei­ne Cou­si­ne sag­te mir, dass die Mut­ter ges­tern spät nach­mit­tags von der Ärz­tin wohl die Nach­richt bekom­men hat, dass es für sie nicht mehr lan­ge dau­ert…. Dar­auf­hin ist sie wohl eigen­stän­dig und ohne jeman­den zu infor­mie­ren aus dem Kran­ken­haus ver­schwun­den und wird seit­dem ver­misst. Die nächt­li­che Such­ak­ti­on wur­de abge­bro­chen und heu­te um 7 h mor­gens wie­der auf­ge­nom­men. Mit brü­chi­ger Stim­me und unter vie­len Trä­nen hat mir mei­ne Cou­si­ne das und noch vie­les mehr berich­tet. Ich hab auch noch mit mei­nem Onkel gespro­chen, der sehr lei­se und mit zitt­ri­ger Stim­me gespro­chen hat.

…..und ich bin hier auf Les­bos und nicht zu Hau­se bei mei­ne lie­ben Ver­wand­ten, die für mich so wich­tig und wirk­lich Fami­lie gewor­den sind…. Ich konn­te nicht mal weinen…

War­um jetzt auch das noch…meine ande­re Tan­te hat Krebs im End­sta­di­um und wird wohl auch in den nächs­ten Mona­ten sterben….dann all das Leid hier im Lager….was mach ich nur…

15 Minu­ten Ruhe… still beten… den Herrn um Kraft bit­ten … kann ich nicht richtig….zu vie­le Fra­gen an ihn…zu vie­le Vor­wür­fe werf ich ihm hin…meinem Gott….

Ich muss wei­ter­ma­chen, hilft nix, ich werd das schaf­fen… wie, weiß ich in dem Moment noch nicht. Ich fah­re zum Restau­rant“ und hol die andern ab und wie­der zurück zum Warehaus.

210622 Jaeger Lesbos 10 info-icon-20px Foto: Günther Jäger

Den Van bela­den wir mit dem bereit­ge­stell­ten Pfle­ge­mit­teln und los ins Camp. Die Kol­le­gen haben mir wohl ange­merkt, dass etwas nicht stimmt mit mir. Ich hab‘s ihnen dann erzählt. Sie haben mir echt Trost gege­ben, mich umarmt und mir gesagt, dass wir eine Fami­lie sind hier und sie mich grad jetzt nicht allein las­sen. Eine groß­ar­ti­ge Gemein­schaft sind wir, das merk ich immer wie­der und gera­de jetzt tut das so gut.

Im Camp ange­kom­men begin­nen wir mit dem Ver­tei­len der Kör­per­pfle­ge­mit­tel. Die Hel­pers sind flei­ßig und vol­ler Hilfs­be­reit­schaft. Ich gehe mit einem Team in die Sek­ti­on der Syrer und Afgha­nen. Die Hit­ze und die Enge zwi­schen den Zel­ten machen die Ver­tei­lung nicht ein­fach. Jedem Emp­fän­ger wird erklärt, wie er den Sei­fen­spen­der zu befül­len und zu bedie­nen hat: Die schwar­ze Fla­sche ist nur zum Hän­de waschen und nicht fürs Gesicht. Den Spen­der mit halb Was­ser und halb Flüs­sigs­ei­fe befül­len, dann gibt es den benö­tig­ten Schaum. Beson­ders die älte­ren Leu­te brau­chen etwas län­ger um das zu ver­ste­hen. Aber in jedem Gesicht sehe ich Dank­bar­keit und Freu­de über die­se Hilfe.

Was für mich wirk­lich schlimm ist, ist der Gestank hier. Zwi­schen den Zel­ten sind Abwas­ser­grä­ben, die von oben nach unten durchs Lager füh­ren. Es stinkt teil­wei­se fürch­ter­lich – grad auch wegen der Hit­ze. Hier leben Men­schen und spie­len Kin­der teil­wei­se wirk­lich im Dreck. Es ist unbe­greif­lich, wie das teil­wei­se aus­sieht. Ich bin echt erschrocken.

Ich möch­te, dass unse­re Poli­ti­ker sich das hier mal anse­hen. Dann wür­den sie viel­leicht doch mal dafür kämp­fen was zu ver­än­dern. Aber wenn Ver­tre­ter von Regie­run­gen hier erschei­nen, wer­den sie an den Haupt­stra­ßen ent­lang geführt und es wird ihnen erzählt, wie gut hier alles ist und wel­che gro­ßen Fort­schrit­te man hier schon gemacht hat und wei­ter macht. Für mich alles bla bla bla.

Für die Poli­ti­ker ist es dann aber wich­tig schö­ne Bil­der zu machen, wie sie viel­leicht ein Kind strei­cheln oder, wie die hol­län­di­sche Dele­ga­ti­on, die kürz­lich im Camp war, kame­rage­recht Lebens­mit­tel ver­tei­len. Nach 30 Minu­ten sind sie in der Regel wie­der ver­schwun­den und berich­ten dann daheim, wie sie sich für die Men­schen hier ein­set­zen. Maul­hel­den, kann ich nur sagen, Maul­hel­den, sonst nichts.

Wir sind mit unse­rer Arbeit um halb 2 fer­tig und fah­ren etwas müde aber zufrie­den zurück zum Restau­rant. Ton und ich freu­en uns auf ein küh­les Bier, das ich sofort nach Ankunft im benach­bar­ten Laden kau­fe. Und die lie­be Kate­ri­na hat für uns eine Über­ra­schung. Sie bringt uns aus der Küche fri­sche gebra­te­ne Sar­di­nen auf Toma­ten­ra­gout und dazu einen fei­nen grie­chi­schen Salat…ein Festessen …

Mau­ri­zio kommt noch kurz vor­bei um sich zu ver­ab­schie­den. Er fährt heu­te auf die Insel Pat­mos und nach ein paar Tagen dort zurück nach Mai­land. Er war etwas über 4 Wochen hier. Ich durf­te mit ihm noch 2 Wochen zusam­men­ar­bei­ten. Es ist ein groß­ar­ti­ger Mensch, vol­ler Humor und Herzlichkeit…und ehr­lich gesagt, er sieht ver­dammt gut aus. Alle mögen ihn und wir bedau­ern es sehr, dass er abreist. Auch ich bin etwas trau­rig drüber…passt voll zu dem heu­ti­gen Tag …„Mach‘s gut, lie­ber Mau­ri­zio, wirst mir fehlen“.

Um halb 3 kommt die Fra­ge auf, wer mit Panayo­tis jetzt ins Camp fährt zum Essen ver­tei­len. Alle sind heut etwas müde vom Vor­mit­tag… ok…ich fahr mit. Ich bin doch des­we­gen hier…

Wir sind um 3 im Camp, das Essen ist inner­halb 1,5 Stun­den ver­teilt. Immer wie­der kom­men Flücht­lin­ge zu uns mit Fra­gen und Wün­schen. Heu­te wie­der eine jun­ge Mut­ter mit einem 5 Wochen alten Kind. Ok, Kin­der­wa­gen wird notiert. Ein jun­ger Afgha­ne braucht drin­gend Schu­he, Grö­ße 42. Ich sehe sei­ne zer­schlis­se­nen Sandalen…ok, notiert. Ein ande­rer bit­tet mich, ihm zu hel­fen, er hat sei­ne Doku­men­te bekom­men und war­tet nur noch auf sei­nen Pass, den er inner­halb der nächs­ten 4 Wochen bekom­men soll. Er will nach Mün­chen zu sei­nen Ver­wand­ten. Als er hört, dass ich aus Bay­ern kom­me, bit­tet er mich um Hil­fe. Ich ver­su­che es, wir blei­ben in Ver­bin­dung. Viel­leicht kann mir Mah­di, unser Fami­li­en­freund aus Mühl­dorf, dabei helfen.

Ok, für heu­te reicht‘s. Um kurz vor 5 ver­las­sen wir das Camp und fah­ren zurück. Zunächst noch zum Wareh­ouse um nach pas­sen­den Schu­hen zu suchen. Wir haben kei­ne in Grö­ße 42 gefun­den. Ich wer­de also mor­gen in Myti­li­ni wel­che kau­fen müs­sen. Dafür hab ich ja auch Geld von Spen­dern bekom­men, um es für sol­che Not­fäl­le zu verwenden.

Um kurz nach 6 bin ich dann end­lich zu Hau­se. Blu­men gie­ßen, Kat­zen füt­tern, duschen, etwas essen und die Ves­per beten, so geht auch die­ser Sonn­tag zu Ende.

Ich hab noch kurz mit mei­ner Frau tele­fo­niert ob‘s was Neu­es gibt von mei­ner Tante…leider nicht. Sie ist immer noch vermisst…

Es ist schrecklich…ich werd jetzt auch mein Han­dy abschal­ten… ich brauch Ruhe, nach­dem ich die­sen Bericht geschrie­ben habe… es hat aller­dings auch gut­ge­tan, das alles zu schrei­ben… es geht ein klein­we­nig bes­ser jetzt…

Montag, 14 Juni, Tag 16 von 76

Die gan­ze Nacht hat‘s gereg­net. End­lich, die Luft ist wie­der kla­rer und fri­scher. Der Him­mel ist immer noch bewölkt als ich weg­fah­re zum Stütz­punkt. Es ist kurz vor 8. Wir haben ver­ein­bart, dass wir heu­te gleich in der Früh den Platz vor der Küche wie­der mal rich­tig sau­ber machen. Die Lebens­mit­tel­kon­trol­le kommt immer wie­der mal vor­bei und wir müs­sen ver­mei­den, dass wir auch nur einen klei­nen Anstoß geben zu Beschwer­den. Es sind sowie­so vie­le dage­gen, was der Nico mit sei­ner ehe­ma­li­gen Taver­ne macht. Er hat immer wie­der Schwie­rig­kei­ten. Wer den Flücht­lin­gen hilft, ist hier nicht immer gut ange­se­hen, schon gar nicht bei den loka­len Behörden.

Ich bin wie jeden Tag als Ers­ter da. Ich lee­re die Müll­ton­nen und den gro­ßen, offe­nen Müll­be­häl­ter in die nahe­ge­le­ge­nen gro­ßen Müll­mul­den. Müll­tren­nung gibt’s hier nicht. Alles rein, egal ob Plas­tik, Pap­pe oder Spei­se­res­te…. Danach mach ich mit Besen und Schlauch den Vor­platz sau­ber. Jetzt ist alles wie­der ok. Nun kommt die mor­gend­li­che Routine…Thermoboxen und Tra­ge­ta­schen säu­bern und trock­nen. Heut ist’s bewölkt, heut trocknet‘s lei­der nicht die Sonne…

Ich tele­fo­nie­re mit mei­ner Cou­si­ne und dann mit mei­nem Onkel. Bei­de sind sehr gefasst und ruhig. Sie haben sich anschei­nend damit abge­fun­den, dass mei­ne Tan­te ihren letz­ten Weg selbst gewählt hat. Wir haben lan­ge gespro­chen und es hat ihnen und auch mir gut getan, so schlimm die Situa­ti­on auch ist…

Um kurz vor 9 sind dann alle da und los geht’s in der Küche. Heut gibt’s Hähn­chen­keu­len mit Reis oder Boh­nen und Nudeln mit einer fei­nen Toma­ten-Zwie­bel­so­ße. Für die Kran­ken gibt’s gedüns­te­te Kar­tof­feln und Zuc­chi­ni mit Ore­ga­no. Es gilt u.a. ca. 25 kg Zwie­beln zu schä­len. Nach­dem alle sag­ten, dass sie das nicht schaf­fen, weil sie das in den Augen nicht ver­tra­gen, mach ich es halt. Von 9 bis kurz nach 10 hab ich halt Zwie­beln geschält.

Um kurz vor 11 bin ich mit den Essens­ra­tio­nen los zur Außen­tour: ins Gefäng­nis, zu den bei­den Behin­der­ten­ein­rich­tun­gen und zu Ele­ni, der allein­ste­hen­den Mut­ter mit 3 Kin­dern, die nur sehr wenig Unter­stüt­zung erhält.

Den Behin­der­ten hab ich heut zusätz­lich Bana­nen mit­ge­bracht die sie sich so sehr gewünscht haben. Ent­spre­chend groß war der Emp­fang für mich. Ich wur­de noch gebe­ten, mor­gen 10 Sei­fen­spen­der, Flüs­sigs­ei­fe und, sofern mög­lich, Mine­ral­was­ser mit Melo­nen­ge­schmack mit­zu­brin­gen…. natür­lich werd ich das mor­gen mit­brin­gen. Ist alles in unse­rem Wareh­ouse und alles aus Spen­den finanziert.

Bei der Rück­fahrt zur Küche kau­fe ich noch Turn­schu­he. Um die hat mich ges­tern im Camp ein jun­ger Afgha­ne gebe­ten, der hof­fent­lich dem­nächst sei­nen Pass bekommt und nach Deutsch­land will. Den Kin­der­wa­gen für die jun­ge Mut­ter, die ges­tern im Camp bei uns am Auto war, kön­nen wir lei­der erst am Diens­tag früh bekommen. 

Nach der Rück­kehr zur Küche hel­fe ich gleich beim Auf­tei­len und Ver­stau­en der Essen. Wir müs­sen um halb 3 spä­tes­tens los zur Ver­tei­lung im Camp. Es klappt auch gut. Wir sind pünkt­lich am Treff­punkt im Camp. Die Hel­fer sind zur Stel­le und ver­tei­len die 1100 Essen­ra­tio­nen in die Zel­te. Ich bleib beim Fahr­zeug heut.

Groß ist die Freu­de bei dem jun­gen Mann, der mich um die die Schu­he gebe­ten hat, als er mich sieht. Hal­lo; wie geht es Ihnen“ sagt er auf Deutsch. Ich bin überrascht…

You know, I try to learn Ger­man, and I try it hard, every day. Ich mocht gern zu Deutsch­land kom­men und muss ler­nen deutsch spre­chen mit internet“.

Dann sieht er die Schu­he… Oh my dear friend, you did not for­get me. Oh…..“ Ich gebe sie ihm, ein neu­es Paar Nike Sport­schu­he. Er ist den Trä­nen nahe….

Auch die Frau, der ich einen Elek­tro­koch­topf gebe ist über­glück­lich. So ein­fach ist es, Men­schen glück­lich zu machen…

Um kurz vor 17:00 h fah­ren wir wie­der ab. Zurück zur Küche, Van aus­la­den und dann heim“ in die Woh­nung. Ich hab Hun­ger und Durst. Hat­te heut fast nix getrun­ken und nur sehr wenig gegessen….keine Zeit…

Trotz­dem war’s heut ein guter Tag…