Bistum

Frühjahrs-Vollversammlung des Passauer Diözesanrats

Stefanie Hintermayr am 25.03.2019

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"Europas Zukunft ist unsere Zukunft - Umbrüche und Aufbrüche in Europa" - Rund 80 Teilnehmer setzen sich am 22./23. März in der LVHS Niederalteich mit dem zentralen Thema Europapolitik/Europawahl auseinander.

Die gro­ßen The­men aus Kirche/​Weltkirche und Poli­tik stan­den auf der Agen­da des ers­ten Tags in Nie­der­al­teich: Früh­jahrs-Voll­ver­samm­lung des Diö­ze­san­rats Pas­sau mit Bischof Ste­fan Oster. Es ging zen­tral um die bevor­ste­hen­de Euro­pa­wahl, den pas­to­ral-struk­tu­rel­len Erneue­rungs­pro­zess, die MHG-Stu­die mit ihren Kon­se­quen­zen, die Jugend­syn­ode 2018 in Rom (Ergeb­nis­se) und die sog. Gemein­wohl­öko­no­mie (als Teil der Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie im Bis­tum). Hier ein klei­ner Ein­blick in den span­nen­den Auf­takt der Voll­ver­samm­lung in Nie­der­al­teich von Ste­fa­nie Hintermayr:

Euro­pas Zukunft ist unse­re Zukunft – Umbrü­che und Auf­brü­che in Euro­pa!“ – unter die­sem Leit­ge­dan­ken stand die dies­jäh­ri­ge Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung des Diö­ze­san­rats in der Land­volks­hoch­schu­le St. Gun­ther in Nie­der­al­teich am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Wir erhof­fen uns, dass die­se Ver­samm­lung die euro­päi­schen The­men in Erin­ne­rung ruft, sich vie­le Men­schen damit befas­sen und dann auch zur Wahl gehen“, sag­te Diö­ze­san­rats­vor­sit­zen­der Mar­kus Biber. Das Tagungs­pro­gramm bot den Teil­neh­mern die Chan­ce, sich umfang­reich unter ver­schie­de­nen Aspek­ten und in unter­schied­li­chen Vari­an­ten mit Euro­pa aus­ein­an­der­zu­set­zen. Zunächst aber stand der Kon­fe­renz­teil auf dem Pro­gramm. Die wich­tigs­ten The­men und Ent­wick­lun­gen im Bis­tum Pas­sau und in der Welt­kir­che wur­den ange­spro­chen. Nach dem Bericht des Vor­sit­zen­den Biber gab Gene­ral­vi­kar Dr. Klaus Metzl einen Über­blick zum aktu­el­len Stand beim pas­to­ral-struk­tu­rel­len Erneue­rungs­pro­zess, und hier spe­zi­ell zu den Ver­wal­tungs­zen­tren. Die BDKJ-Diö­ze­san­vor­sit­zen­de Johan­na Hasl­böck berich­te­te über die Ergeb­nis­se der Jugend­syn­ode 2018 in Rom. Und schließ­lich das Wort des Bischofs Dr. Ste­fan Oster SDB. Er erzähl­te von den Visi­ta­tio­nen, die vor Kur­zem gestar­tet sind und bis­her gut lau­fen wür­den. Zur MHG-Stu­die erklär­te er, wie und mit wel­chen Maß­nah­men es jetzt kon­kret wei­ter­geht. Ins­be­son­de­re auf die Beschlüs­se der Bischofs­kon­fe­renz, die kürz­lich in Lin­gen getagt hat­te, ging Oster ein, er sprach aber eben­so über den auf­ge­stell­ten Ver­hal­tens­ko­dex des Bis­tums Pas­sau. Es folg­te eine kur­ze Dis­kus­si­ons­run­de, bevor ab dem Abend das Tagungs­the­ma Euro­pa“ in den Mit­tel­punkt rückte.

Der ers­te Stu­di­en­teil bestand aus einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit drei Poli­ti­kern. Die Dis­ku­tan­ten: Bernd Pos­selt von der CSU, der 20 Jah­re lang Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ter war, vor fünf Jah­ren den Wie­der­ein­zug ins Euro­päi­sche Par­la­ment knapp ver­passt hat­te und nun erneut kan­di­diert, die nie­der­baye­ri­sche Grü­nen-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Rosi Stein­ber­ger sowie SPD-Euro­pa­kan­di­dat Maxi­mi­li­an Dit­mer aus Eching nahe Lands­hut. Ange­lei­tet von Mode­ra­tor Ste­fan Gabri­el, Regio­nal­lei­ter Deg­gen­dorf der Donau-Isar-Bay­er­wald-Pres­se-GmbH, wid­me­ten sie sich ver­schie­de­nen Schwer­punkt­fra­gen. Die ers­te: Wie kann popu­lis­ti­scher, natio­na­lis­ti­scher Mei­nungs­bil­dung ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den? Pos­selt zeig­te sich davon über­zeugt, dass das Erzäh­len von Euro­pa und ein emo­tio­na­les Ver­mit­teln der euro­päi­schen Idee sehr wich­tig sei­en. Man darf aber nicht nur erklä­ren. Es darf nicht nur eine Sache des Ver­stan­des sein, Euro­pa muss auch eine Sache des Her­zens sein.“ In Schu­len kön­ne man so sehr gut jun­ge Men­schen errei­chen. Zudem sprach er sich dafür aus, Natio­na­lis­mus und Natio­nal­po­pu­lis­mus offen­siv zu stel­len. Mit die­sen Kräf­ten darf man abso­lut nichts zu tun haben, man muss sie ent­lar­ven. Wir haben es mit einem pro­fes­sio­nel­len Kampf gegen Euro­pa zu tun. Den müs­sen alle demo­kra­ti­schen Par­tei­en gemein­sam auf­neh­men.“ Auch Rosi Stein­ber­ger mach­te sich dafür stark, ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen mehr mit­zu­neh­men und bei­spiels­wei­se Pro­gram­me zum inter­na­tio­na­len Jugend­aus­tausch ver­stärkt zu för­dern. Maxi­mi­li­an Dit­mer appel­lier­te dage­gen an jeden ein­zel­nen. Jeder von uns ist als Demo­krat und Christ ver­pflich­tet, gegen die­se Strö­mun­gen auf­zu­ste­hen.“ Bei der Fra­ge, wie Euro­pa sozia­ler und gerech­ter wer­den kön­ne, waren sich die Dis­ku­tan­ten einig, dass es der­zeit gro­ße Unge­rech­tig­kei­ten inner­halb Euro­pas gebe, und zwar gera­de in Bezug auf das Ein­kom­men oder Arbeit­neh­mer­rech­te. Es ist ein gro­ßer Auf­trag für Euro­pa, da einen Aus­gleich zu schaf­fen“, sag­te Stein­ber­ger. Sie sprach sich – unter Zustim­mung der ande­ren bei­den Poli­ti­ker – unter ande­rem für die Ein­füh­rung euro­pa­wei­ter Min­dest­löh­ne aus. Pos­selt führ­te bei die­ser Fra­ge zudem das The­ma der Jugend­ar­beits­lo­sig­keit an, die in eini­gen Län­dern der EU immer noch nicht zufrie­den­stel­lend bekämpft wor­den sei. Wir müs­sen die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in den Län­dern selbst bekämp­fen und inner­halb Euro­pas ver­su­chen, jun­gen Euro­pä­ern eine Per­spek­ti­ve zu geben“, so Pos­selt. Vor der Illu­si­on“, in abseh­ba­rer Zeit in ganz Euro­pa gleich­ar­ti­ge Lebens­ver­hält­nis­se zu haben, warn­te er ausdrücklich. 

Nach der Podi­ums­dis­kus­si­on am Frei­tag­abend wur­de die Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung am Sams­tag­vor­mit­tag mit dem zwei­ten Stu­di­en­teil fort­ge­setzt. Zunächst stand ein Impuls­vor­trag von Prof. Dr. Inge­borg Gabri­el, Pro­fes­so­rin für Christ­li­che Gesell­schafts­leh­re und Sozi­al­ethik an der Katho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Wien, auf dem Pro­gramm. Es geht mir dar­um, Ihnen Impul­se zu geben, die mei­nem gegen­wär­ti­gen Wis­sen ent­spre­chen. Obwohl ich mich näm­lich ziem­lich viel mit den The­men beschäf­ti­ge, wür­de ich nicht sagen, dass ich end­gül­ti­ge Ant­wor­ten habe. Und das ist gleich eine Kri­tik an gewis­sen Dis­kur­sen, die gegen­wär­tig in Euro­pa lau­fen und die immer mit ganz fer­ti­gen Ant­wor­ten ope­rie­ren. Die las­sen sich ange­sichts der rasan­ten Umbrü­che, in denen wir ste­hen, und die eine poli­ti­sche und ethi­sche Ori­en­tie­rung ein­deu­tig erschwe­ren, so nicht geben“, beschrieb sie ihr Anlie­gen. Vor dem Hin­ter­grund der Prin­zi­pi­en der katho­li­schen Sozi­al­ethik, dem Soli­da­ri­täts- und Gemein­wohl­prin­zip, beleuch­te­te sie die Situa­ti­on in Euro­pa, stell­te dabei fest, dass ihrer Ein­schät­zung nach eine Ori­en­tie­rungs­kri­se vor­lie­ge, und nahm die Kir­che in die Pflicht. Wir müs­sen Euro­pa noch ein­mal tie­fer begrün­den. Zu glau­ben, dass die Aus­söh­nung ein für alle Mal geleis­tet ist, wäre ein Feh­ler. Gera­de hier kön­nen die Kir­chen sehr viel bei­tra­gen. Den Kir­chen ist das Evan­ge­li­um von der Ver­söh­nung auf­ge­tra­gen und es ist die Fra­ge, was das heu­te bedeu­tet“, so die Pro­fes­so­rin. Sie stell­te zudem her­aus, dass sich Natio­na­lis­mus und das christ­li­che Evan­ge­li­um fun­da­men­tal wider­spre­chen wür­den. Das ist auch in man­chen katho­li­schen Kir­chen nicht so leicht zu sagen, zum Bei­spiel in der kroa­ti­schen“, so Gabri­el. Ihre Fol­ge­rung: Wir brau­chen heu­te vie­le Frie­dens­in­itia­ti­ven unter dem Vor­zei­chen der Ver­söh­nung, die sich gegen natio­na­lis­ti­sche Ten­den­zen stel­len und Brü­cken in die­se Regio­nen hin­ein bau­en. Wenn es stimmt, dass wir es mit einer Ori­en­tie­rungs­kri­se zu tun haben, wäre das eigent­lich der Kai­ros der Kir­chen, ins­be­son­de­re der katho­li­schen Kir­che. Es ist wirk­lich zu über­le­gen, wie wir Ori­en­tie­rung geben kön­nen und der unter­schwel­li­gen Hoff­nungs­lo­sig­keit und Resi­gna­ti­on ent­ge­gen­tre­ten kön­nen. Denn das, was wir heu­te spü­ren, ist ein Man­gel an Hoff­nung.“ Das alles sei­en natür­lich hohe Anfor­de­run­gen – aber ich mei­ne, dass das Chris­ten­tum hier eini­ges an Poten­ti­al hat.“

Der­art ein­ge­stimmt ging es für die Teil­neh­mer der Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung in den drit­ten Stu­di­en­teil. In Grup­pen wur­den im Bei­sein von Exper­ten vier The­men dis­ku­tiert. Bei­spiels­wei­se wur­de die Fra­ge, wohin sich Euro­pa ent­wi­ckelt, erneut auf­ge­grif­fen und um den Gedan­ken ergänzt, was Räte und Ver­bän­de tun kön­nen, um demo­kra­ti­sche Grund­wer­te zu stär­ken. Die zen­tra­len Ergeb­nis­se der Grup­pe wur­den mit Das Frie­dens­pro­jekt Euro­pa ret­ten und die Debat­te nicht scheu­en“ sowie Nicht auf Euro­pa war­ten, son­dern hin­ge­hen“ zusam­men­ge­fasst. Eine zwei­te Grup­pe beschäf­tig­te sich mit der Fra­ge, wie ein nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten in Euro­pa geför­dert wer­den kann, das die Schöp­fung im Sin­ne von Lau­da­to si bewahrt und dem Gemein­wohl dient. Auch den Fra­gen Wie kön­nen wir uns ein­set­zen für ein sozia­les und gerech­tes Euro­pa? Wel­che Schrit­te und gesetz­li­chen Rege­lun­gen erach­ten wir als not­wen­dig? Wie kön­nen wir dazu den inhalt­li­chen Aus­tausch und die Zusam­men­ar­beit mit Part­nern in Nach­bar­län­dern aus­bau­en und för­dern?“ gin­gen die Teil­neh­mer gemein­sam auf die Spur. Die vier­te Grup­pe beschäf­tig­te sich mit den Zivil­ge­sell­schaf­ten, deren Stär­kung in den euro­päi­schen Län­dern eine wich­ti­ge Basis für Demo­kra­tie und Soli­da­ri­tät ist. Auf Basis der erar­bei­te­ten The­men wur­de schließ­lich ein­stim­mig die Annah­me eine Erklä­rung des Diö­ze­san­rats unter dem Mot­to Euro­pas Zukunft ist unse­re Zukunft“ beschlos­sen. Dar­in ruft der Diö­ze­san­rat zur Betei­li­gung an der Euro­pa­wahl auf. Die Erklä­rung endet mit den Wor­ten: Der Aus­gang der Wahl wird Aus­wir­kun­gen auf die Bedin­gun­gen des zukünf­ti­gen Zusam­men­le­bens der Men­schen in Euro­pa und die poli­ti­sche Aus­rich­tung Euro­pas in der Welt haben. Sen­den wir mit unse­rer Stim­me ein kla­res Signal für ein demo­kra­ti­sches, welt­of­fe­nes und soli­da­ri­sches Europa.“

Text: Mare­en Mai­er
Fotos: Ste­fa­nie Hintermayr/​Mare­en Maier