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Weltkirche

Zerstörte Lebenspläne, Kinder auf der Straße und Mütter in der Prostitution

Wolfgang-Christian Bayer am 22.02.2019

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Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS), ein Projektpartner des Kindermissionswerks ‚Die Sternsinger’, hilft, den Massenexodus aus Venezuela aufzufangen. Interview mit Oscar Calderon (35), Projektkoordinator des Flüchtlingsprogramms des JRS im kolumbianischen Bundesstaat Norte de Santander mit Sitz in Cúcuta.

Wie ist die Situa­ti­on an der kolum­bia­nisch-vene­zo­la­ni­schen Grenze?

Jeden Tag kom­men laut der Regie­rung bis zu 50.000 Vene­zo­la­ner über die Gren­ze, Durch­rei­sen­de, Migran­ten oder Tages­pend­ler. Das ist allei­ne zah­len­mä­ßig gewal­tig. Vie­le von ihnen sind krank, arm, unter­ernährt, haben kei­ne Aus­weis-Papie­re und oft kei­ne Aus­bil­dung. Sie kom­men in eine Regi­on in Kolum­bi­en, die stark von Gewalt im Bür­ger­krieg gebeu­telt wur­de, und in der 40 Pro­zent Armut und 16 Pro­zent Arbeits­lo­sig­keit herr­schen. Das ist mehr als im Rest Kolum­bi­ens. All das zusam­men ergibt einen explo­si­ven Cock­tail, denn die Ärms­ten in Kolum­bi­en tra­gen einen Groß­teil der zusätz­li­chen Belas­tung durch die Migra­ti­on. Das schürt Spannungen.

Wie arbei­tet der JRS in die­sem Kontext?

Wir kon­zen­trie­ren uns auf die Aller­schwächs­ten, also Indi­genas, chro­nisch Kran­ke, Schwan­ge­re und Kin­der sowie Obdach­lo­se. Wir sprin­gen in einer zwei­ten Pha­se ein, also nach den ers­ten Wochen der Ankunft, um der Fami­lie dabei zu hel­fen, sich neu zu ori­en­tie­ren. Vie­le muss­ten vor Repres­si­on flie­hen und konn­ten fast nichts mit­neh­men. Sie müs­sen hier kom­plett neu anfan­gen. Wir ori­en­tie­ren sie im Umgang mit Behör­den, auf dem Arbeits­markt oder besor­gen ihnen Über­gangs­woh­nun­gen. Man­che Fami­li­en unter­stüt­zen wir auch mit Medi­ka­men­ten und Nah­rungs­mit­teln oder Haushaltsgeräten.

Kön­nen die Flücht­lin­ge sonst mit Unter­stüt­zung rech­nen, bei­spiels­wei­se durch den Staat?

Die staat­li­che Infra­struk­tur ist über­haupt nicht auf so einen Ansturm vor­be­rei­tet. Das Gesund­heits- und das Bil­dungs­sys­tem waren schon vor­her unter­fi­nan­ziert. Der Staat hat daher nur sehr pre­kä­re Ant­wor­ten und stellt den Flücht­lin­gen hau­fen­wei­se büro­kra­ti­sche Hin­der­nis­se in den Weg, etwa beim Schul­be­such der Kin­der oder der Gesund­heits­für­sor­ge und der Job­su­che. Für alles braucht man apos­til­lier­te Doku­men­te, und die sind prak­tisch nicht zu krie­gen in Vene­zue­la. Inter­na­tio­na­le Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und die Kir­che sind beson­ders in der Not­hil­fe aktiv. Es gibt eine Not­un­ter­kunft für 130 Flücht­lin­ge und eine Sup­pen­kü­che als ers­te Anlauf­stel­len. Auch die Bevöl­ke­rung ist soli­da­risch. Dabei hilft es, dass Vene­zue­la und Kolum­bi­en kul­tu­rell sehr ähn­lich sind und vie­le Fami­li­en Ver­wandt­schaft bei­der­seits der Gren­ze haben. 

Was ist das Schwie­rigs­te für die Migranten?

Die Ent­wur­ze­lung. Lebens­plä­ne wer­den plötz­lich zer­stört, Kar­rie­ren unter­bro­chen. Wir haben hier Aka­de­mi­ker, die Taxi fah­ren, Ärz­te, die Kin­der betreu­en und Müt­ter, die sich pro­sti­tu­ie­ren. Selbst­mor­de haben zuge­nom­men. Des­halb brau­chen die Migran­ten oft auch psy­cho­lo­gi­sche Hilfe.

Vor wel­chen wei­te­ren Her­aus­for­de­run­gen steht der JRS sonst noch?

Die Wie­der­ver­ei­ni­gung von Fami­li­en ist mit­tel­fris­tig ein gro­ßes Pro­blem. Durch die Migra­ti­on wur­den vie­le Fami­li­en aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Ein Eltern­teil ist in Peru mit einem Kind und ver­sucht dort sein Glück. Einer ist hier mit einem zwei­ten, und wei­te­re Kin­der sind noch in Vene­zue­la bei Ver­wand­ten geblieben.

Wel­che Bedeu­tung hat die Unter­stüt­zung der Sternsinger?

Dank der Hil­fe der Stern­sin­ger haben wir eine Stra­te­gie erstellt, die kom­ple­men­tär zum Staat ist. Der­zeit unter­stüt­zen wir von dem Geld 23 beson­ders bedürf­ti­ge Fami­li­en direkt. Mit juris­ti­schen Aktio­nen haben wir außer­dem erreicht, dass der Staat sein Gesund­heits­sys­tem für Migran­ten öff­net. Das ist ein gro­ßer Schritt, denn die Not­hil­fe funk­tio­niert nicht ewig, und der Staat muss mit­tel­fris­tig die Ver­ant­wor­tung für die Inte­gra­ti­on übernehmen.

Quel­le: PM Die Stern­sin­ger” (Das Inter­view führ­te San­dra Weiss.)