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Kirche vor Ort

Lebens- und Lei­dens­ge­schich­ten von Frau­en

Tamina Friedl am 17.03.2021

Mittel Frauenseelsorge 2018 info-icon-20px Foto: Simona Kehl / pbp

„Man ist in einem absoluten Schockzustand. Man ist absolut leer. In einer Ohnmacht gefangen. Unfähig, irgendeinen Gedanken zu fassen.“ So beschreibt Birgit Seidler das Gefühl, nachdem ihr Sohn tot zur Welt gekommen ist. Nach einer Schwangerschaft ohne Komplikationen war alles bereit für die Geburt, als die Ärzte ihr und ihrem Mann mitteilten, man könne keine Herztöne mehr feststellen. In diesem Moment stellte sich ihre Welt auf den Kopf.

Schick­sa­le wie die­ses will die Frau­en­seel­sor­ge zusam­men mit dem KDFB Diö­ze­san­ver­band Pas­sau von 22. März bis 11. April im Rah­men ihres Heils- und Lei­dens­wegs für Frau­en“ an die Men­schen her­an­tra­gen. Die offi­zi­el­le Eröff­nung des Kreuz­wegs fin­det am 26. März in Form einer lit­ur­gi­schen Fei­er statt. An sie­ben frei zugäng­li­chen Kreuz­weg-Sta­tio­nen in der Kir­che in Nie­dern­burg sol­len mit Fotos von Kunst­in­stal­la­tio­nen der Künst­le­rin Moni­ka Bren­ner und pas­sen­den Tex­ten Lebens- und Lei­dens­ge­schich­ten von Frau­en erzählt wer­den. Behan­delt wer­den dabei The­men wie Ein­sam­keit, Brust­krebs, häus­li­che Gewalt und Verlusterfahrungen.

Bir­git Seid­lers Ver­lust beein­flusst sämt­li­che Berei­che ihres Lebens. Auch heu­te noch, 18 Jah­re nach der Tot­ge­burt. Sie selbst hat­te beson­ders anfangs mit der Fra­ge nach dem War­um zu kämp­fen: War­um pas­siert das uns? War­um pas­siert das mei­nem Kind?“ Als Frau und Mut­ter gab sie sich zudem selbst die Schuld. Sie hat­te das Gefühl, geschei­tert zu sein. Mein Kind ist in mir gestor­ben und ich habe es nicht gemerkt. Ich habe ver­sagt als Mut­ter“, so ihre Gedan­ken. Nicht nur ihr allein, auch ihrer Ehe ver­langt der Schick­sals­schlag eini­ges ab. Wir wer­den immer noch auf die Pro­be gestellt“, betont Seid­ler. Gera­de in der Zeit direkt nach der Geburt muss­ten sowohl sie als auch ihr Mann ler­nen und akzep­tie­ren, dass Men­schen unter­schied­lich trau­ern. Natür­lich habe sie als Frau es in sich anders erlebt als ihr Mann, erklärt sie. Wich­tig sei es jedoch, viel dar­über zu reden und den ande­ren reden und den­ken zu lassen. 

Leidensweg1 info-icon-20px Foto: Tamina Friedl
Kann heute offen über ihre Totgeburt sprechen: Birgit Seidler.

Wie unter­schied­lich Men­schen und beson­ders Frau­en mit schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen umge­hen, erlebt auch Bir­git Czip­pek, Lei­te­rin des Besuchs­diens­tes des Frau­en­bun­des, bei Besu­chen in Senio­ren- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen. Die Men­schen, die den Besuchs­dienst in Anspruch neh­men, haben im Moment beson­ders mit den Aus­wir­kun­gen der Coro­na­pan­de­mie zu kämp­fen. Die Besuchs­dienst­leis­ten­den kön­nen ihnen jedoch aktu­ell nur ein­ge­schränkt hel­fen und ihnen per Tele­fon oder mit Brie­fen Gesell­schaft leis­ten. Bir­git Czip­pek erklärt, die Bewoh­ner der Ein­rich­tun­gen sei­en meist Teil der Kriegs­ge­nera­ti­on. In ihnen kom­me in der aktu­el­len Situa­ti­on die Angst, die sie frü­her schon ein­mal gespürt haben, wie­der an die Ober­flä­che. Hin­zu kommt die Ein­sam­keit, die vie­le mit­un­ter wegen des aus­blei­ben­den per­sön­li­chen Kon­takts und der feh­len­den Berüh­run­gen spü­ren. Doch auch hier kom­men die einen bes­ser, die ande­ren schlech­ter mit der Situa­ti­on zurecht. Man­che Frau­en in die­ser Genera­ti­on sind heu­te auch ganz hart gewor­den“, erklärt Czippek. 

Hier der Radiobeitrag zum Thema:

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Leidensweg2 info-icon-20px Foto: Tamina Friedl
Birgit Czippek erlebt Einsamkeit bei Besuchen in Senioren- und Pflegeeinrichtungen.

Bir­git Seid­ler hat nach ihrem Schick­sals­schlag beson­ders der Aus­tausch dar­über gehol­fen. Und auch Bir­git Czip­pek kann bestä­ti­gen, dass in einer schwe­ren Situa­ti­on das Gespräch mit ande­ren heil­sam sein kann. In der Gesell­schaft sind Lei­dens­we­ge von Frau­en wie etwa Ein­sam­keit oder Tot­ge­bur­ten jedoch nach wie vor tabui­siert. Seid­ler hat in ihrem Umfeld gemisch­te Reak­tio­nen erlebt. Wäh­rend sie viel Zuspruch erhielt und mit­un­ter sogar neue Freund­schaf­ten ent­stan­den, gin­gen ande­re Bezie­hun­gen zu Ende. Eini­ge Reak­tio­nen ver­letz­ten sie. Wenn Men­schen die Stra­ßen­sei­te wech­sel­ten, um einem Gespräch mit ihr aus dem Weg zu gehen, fühl­te sie sich als wür­de es mir auf der Stirn ste­hen: Ach­tung Tot­ge­burt!“. Man­che sag­ten ihr, das wäre alles gleich wie­der vor­bei. Der Bauch ist weg, das Kind ist nicht da. Es ist, als wäre nichts gewe­sen“, erzählt Seid­ler von den Auf­fas­sun­gen anderer.

Der Heils- und Lei­dens­weg für Frau­en“ kann nun, beson­ders für die Betrof­fe­nen, eine Mög­lich­keit sein, das Tabu zu bre­chen. Indem Lei­dens­we­ge zugäng­lich gemacht wer­den und es den Besu­chern des Kreuz­wegs ermög­licht wird, die Geschich­ten in ihren All­tag mit­zu­neh­men, zeigt sich, was auch Bir­git Seid­ler irgend­wann bewusst wur­de: Es kann jeder Frau pas­sie­ren.“ Bir­git Czip­pek glaubt und hofft, die ver­schie­de­nen Sta­tio­nen wer­den Betrof­fen­heit her­vor­ru­fen und zum Nach­den­ken anre­gen, auch über eige­ne Erleb­nis­se. Soli­da­ri­tät unter Frau­en sei es, was gebraucht wird, so Seidler. 

Egal wel­ches Leid Frau­en erlebt haben, eines konn­te Bir­git Czip­pek fest­stel­len: Sie sind nicht geschei­tert an ihren Schick­sa­len.“ Und auch Bir­git Seid­ler war es von Anfang an wich­tig, nicht ver­bit­tert zu wer­den. Sie will ande­ren Betrof­fe­nen hel­fen und ihnen sagen, dass sie den Ein­schnitt in ihrem Leben über­ste­hen kön­nen. Wenn einem auch die Unbe­schwert­heit ein Stück weit genom­men wird: Man kann’s über­le­ben. Und man lebt auch gut wei­ter. Man ist wie­der glücklich.“