Weltkirche

„Ich hoffe, dass die Leute beim Anschauen das Denken nicht einstellen.“

Wolfgang-Christian Bayer am 01.11.2019

191101_Interview-Haringer

Schon nach der Weltpremiere im Mai war klar: Der Film „Verteidiger des Glaubens“ wird für Kontroversen sorgen. Nun kommt die Dokumentation über Joseph Ratzinger ins Kino. Der Chefredakteur des Passauer Bistumsblatts Wolfgang Krinninger sprach mit dem Leiter des Papst-Geburtshauses, Dr. Franz Haringer, über den Film.

Der bri­tisch-deut­sche Regis­seur Chris­toph Röhl hat einen Doku­men­tar­film gedreht über das Leben und Den­ken des deut­schen Theo­lo­gen Joseph Ratz­in­ger, der als Chef der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und spä­ter als Papst Bene­dikt XVI. drei Jahr­zehn­te lang den Kurs der katho­li­schen Kir­che bestimm­te. Der Regis­seur hat in fünf­jäh­ri­ger Arbeit eine weit aus­grei­fen­de Erzäh­lung geschmie­det. Haupt­the­se: Als eines der letz­ten abso­lut mon­ar­chisch ver­fass­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Gebil­de die­ses Pla­ne­ten ist die katho­li­sche Kir­che an ihr Ende gekom­men, zumin­dest in ihrer bis­he­ri­gen Gestalt. Im inner­kirch­li­chen Rich­tungs­streit ergreift der athe­is­tisch erzo­ge­ne 52-jäh­ri­ge Regis­seur Par­tei für die Refor­mer. Sein stärks­tes Argu­ment ist der Anspruch der Miss­brauchs­op­fer auf Wahr­heit und Gerech­tig­keit. Joseph Ratz­in­ger zeich­net Chris­toph Röhl als tra­gi­sche Figur.

Das Bis­tums­blatt sprach mit Pfar­rer Dr. Franz Harin­ger über den Film. Der Lei­ter des Papst­ge­burts­hau­ses in Marktl hat­te vor dem offi­zi­el­len Start Gele­gen­heit, Ver­tei­di­ger des Glau­bens“ zu sehen.

Herr Dr. Harin­ger, wie gut ken­nen Sie Papst em. Bene­dikt XVI.?

Harin­ger: Ich ken­ne sehr viel von sei­nen Tex­ten, habe sehr viel von ihm und über ihn gele­sen. Ich bil­de mir schon ein, dass ich sei­ne Theo­lo­gie und sein Wir­ken gut kenne.

Wie haben Sie den Film Ver­tei­di­ger des Glau­bens“ wahr­ge­nom­men?

Harin­ger: Zwie­späl­tig. Da ist zum einen der lan­ge Mit­tel­teil, wo der Film das Pro­blem Miss­brauch auf­greift. Was war in den USA, bei den Dom­spat­zen, bei den Legio­nä­ren Chris­ti? Das sind bit­te­re Geschich­ten aus den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten. Das wird dar­ge­stellt, auch mit Inter­views. Das The­ma darf man nicht ver­ges­sen, das muss man anpa­cken. Aber was aus mei­ner Sicht wirk­lich unfair ist: Das Gan­ze wird gerahmt mit bio­gra­phi­schen Erzäh­lun­gen über die Kind­heit, Jugend und das Wir­ken Joseph Ratz­in­gers. Und am Schluss kommt dann her­aus: Ja, da glaubt halt einer ganz fest und da hat einer im Glau­ben Gebor­gen­heit gefun­den – und so jemand wird auto­ma­tisch wirk­lich­keits­fremd; jemand, der einen fes­ten Glau­ben hat, wird immer den Schutz der Insti­tu­ti­on Kir­che höher hal­ten als den Schutz der Opfer. Und das ist für mich wirk­lich dreist als Schluss­fol­ge­rung. Der Regis­seur sagt sel­ber, er sei Athe­ist. Er sagt sel­ber, er hät­te das The­ma Miss­brauch in der Kir­che viel wei­ter fas­sen kön­nen, aber er hat sich ganz bewusst die­sen einen Mann her­aus­ge­nom­men. Der habe die Kir­che in die größ­te Kri­se geführt. Das ist ein tra­gi­scher Held. Mit der Ein­stel­lung geht er an das The­ma her­an. Da merkt man die Absicht.

Bene­dikt-Bio­graph Peter See­wald kri­ti­sier­te, der Film sei mani­pu­la­tiv“. Haben Sie das auch so emp­fun­den?

Harin­ger: Da gibt es schon Schnit­te, die ein­fach böse sind. Oder mani­pu­la­tiv.

Ein ande­rer Kri­tik­punkt ist, dass die posi­ti­ven Sei­ten, die klu­gen Tex­te, alles was Ratz­in­ger als Theo­lo­ge geleis­tet hat, über­haupt kei­nen Ein­zug in den Film gefun­den haben?

Harin­ger: Das stimmt. Es geht über­haupt nicht um das Den­ken von Joseph Ratz­in­ger, um sei­ne Theo­lo­gie, um das, was er an wert­vol­len, blei­ben­den Sachen hin­ter­las­sen hat. Er wird redu­ziert auf den Unfä­hi­gen beim The­ma Miss­brauch. Es ist kei­ne Bio­gra­phie eines Theo­lo­gen oder Paps­tes. Da wird man der Lebens­leis­tung nicht gerecht.

Hat Ihnen etwas am Film gefal­len?

Harin­ger: Dass das The­ma Miss­brauch über­haupt behan­delt wird und dass Opfer zu Wort kom­men. Das ist wich­tig und darf nie zu kurz kom­men. Auch muss man dem Regis­seur zu Gute hal­ten, dass er welt­weit recher­chiert hat. Der Film ver­mit­telt schon: Glau­be stif­tet Gebor­gen­heit und Sinn. Aber die Schluss­fol­ge­rung ist halt: Wer so im Glau­ben gebor­gen ist, ist unfä­hig die Wirk­lich­keit zu erken­nen. Und das ist unse­ri­ös.

Wel­che Wir­kung wird der Film in der Öffent­lich­keit haben?

Harin­ger: Er läuft zunächst vor allem in Pro­gramm­ki­nos. Aber nach­dem er von ZDF und 3SAT geför­dert wur­de, wird er auch irgend­wann im Fern­se­hen lau­fen. Wer sein Bild schon hat, von der Kir­che, vom Glau­ben, von Joseph Ratz­in­ger, der wird bestä­tigt.
Ande­rer­seits: Wer mit offe­nen Augen hin­schaut und eine gewis­se jour­na­lis­ti­sche Fair­ness mit­bringt, der wird schon mer­ken, dass hier von Anfang an klar war, dass da einer als Allein­ver­ant­wort­li­cher hin­ge­stellt wer­den soll­te. Und so ist es sicher nicht, dass ein ein­zel­ner Mensch für den gan­zen Schla­mas­sel der Kir­che ver­ant­wort­lich ist. Ich hof­fe ein­fach, dass die Leu­te beim Anschau­en das Den­ken nicht ein­stel­len.

Das Inter­view führ­te Wolf­gang Krin­nin­ger, Chef­re­dak­teur des Pas­sau­er Bistumsblatts.