Soziales

Trauer nach Suizid: „Alle Gefühle sind verstärkt“

Wolfgang-Christian Bayer am 06.09.2019

September19_trauernachsuizid2 info-icon-20px Foto: Mareen Maier
Nach einem Suizid kämpfen die Hinterbliebenen mit widersprüchlichen Gefühlen, die zur Trauer hinzukommen. In einem offenen Gesprächskreis, der speziell für Trauende nach Suizid angeboten wird, können sie sich mit anderen Betroffenen austauschen. Geleitet wird er von den KDFB-Trauerbegleiterinnen Ulrike König (links) und Birgit Czippek.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gerät das Leben der Trauernden immer ins Wanken. Hat sich dieser Mensch dazu entschieden, freiwillig zu gehen, wird das Leben der Hinterbliebenen aber so extrem und grundlegend verändert, dass viele auf Unterstützungsangebote angewiesen sind, um mit dem Schmerz des Verlustes und vielen weiteren, teils auch widersprüchlichen Gefühlen, umgehen zu können. Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) in der Diözese Passau bietet ab Oktober für Trauernde nach Suizid einen offenen Gesprächskreis an.

War­um? Um die­se zer­mür­ben­de Fra­ge krei­sen die Gedan­ken. Doch es ist eine Fra­ge, auf die die Hin­ter­blie­be­nen meist kei­ne Ant­wort mehr fin­den. War­um hat die Per­son es getan? War­um wur­de kein Abschieds­brief hin­ter­las­sen? War­um habe ich zuvor nichts bemerkt? War­um hat der gelieb­te Mensch nicht mit mir über die Pro­ble­me gespro­chen? Bin ich es nicht wert, geliebt zu wer­den? – damit beschäf­ti­gen sich die Trau­ern­den immer und immer wie­der“, weiß Ulri­ke König, lang­jäh­ri­ge KDFB-Trau­er­be­glei­te­rin. Gemein­sam mit ihrer Kol­le­gin Bir­git Czip­pek wird sie den neu­en Gesprächs­kreis lei­ten. Bei­de möch­ten damit Eltern, Kin­dern, Part­nern oder Freun­den, die oft fas­sungs­los, rat­los und sehr allei­ne zurück­blei­ben, eine Stüt­ze bie­ten. Trau­er nach einem Sui­zid ist eine erschwer­te Art der Trau­er. Alle Gefüh­le sind ver­stärkt und es kommt viel dazu. Schuld- und Scham­ge­füh­le, eige­nes Ver­sa­gen, Zukunfts­ängs­te, auch Wut und Ärger auf den Sui­zi­d­en­ten, ein Ein­bruch des Selbst­werts, gesell­schaft­li­che Stig­ma­ti­sie­rung“, so Czip­pek. Doch all die­se Reak­tio­nen und Emp­fin­dun­gen sei­en wert­voll. Es ist wich­tig, alles anzu­neh­men. Wir mei­nen zum Bei­spiel oft, Wut ist nega­tiv. Aber Wut ist ein mensch­li­ches Gefühl, das wir in ange­mes­se­nem Rah­men zulas­sen soll­ten. Sol­che Gefüh­le dür­fen nicht ver­drängt wer­den“, so Czip­pek weiter. 

Wenn Trau­er nicht den Weg nach außen fin­det, kann sie kör­per­lich und psy­chisch krank machen.”

Ulrike König

Die Trau­er nach außen brin­gen, sie nicht ver­in­ner­li­chen – das wird ein zen­tra­ler Punkt im Gesprächs­kreis sein. Unser Ziel ist immer, den Trau­ern­den zu zei­gen, dass das all­ge­mei­ne Gefühls­cha­os und jedes Gefühl, das gera­de jetzt hoch­kommt, erlaubt und eine gewis­se Zeit lang ganz nor­mal sind. Wenn Trau­er nicht den Weg nach außen fin­det, kann sie kör­per­lich und psy­chisch krank machen“, sagt König. Gemein­sam mit ande­ren Men­schen, die den eige­nen Schmerz tei­len, kann das leich­ter gelin­gen. Im geschütz­ten Rah­men kön­nen Betrof­fe­ne all ihre Gefüh­le in dem Wis­sen, ver­stan­den und nicht ver­ur­teilt zu wer­den, raus­las­sen. Jede und jeder wird wer­tungs­frei ange­nom­men. Natür­lich braucht es trotz­dem viel Mut und Kraft, um zu einer zunächst frem­den Grup­pe zu gehen und sich zu öff­nen. Doch die Trau­er­be­glei­te­rin­nen hof­fen dar­auf, dass vie­le Men­schen das Ange­bot anneh­men, da in der Grup­pe gemein­sam auch neue Sicht­wei­sen auf das Leben, das sich ja grund­le­gend ver­än­dert und nie mehr so sein wird wie frü­her, gefun­den wer­den kön­nen. Gera­de bei Trau­en­den nach einem Sui­zid gibt es eine schar­fe Tren­nung zwi­schen dem davor‘ und dem danach‘. Das gan­ze bis­he­ri­ge Leben wird in Fra­ge gestellt. Zum Bei­spiel: War mein Part­ner in der Ehe oder mein Kind in sei­nem Her­an­wach­sen über­haupt jemals glück­lich?“, beschreibt Czip­pek. Auch die trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen – oft fin­den ja gera­de die Ange­hö­ri­gen ihren gelieb­ten Men­schen, der frei­wil­lig gegan­gen ist, und wer­den dann zunächst mit poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen kon­fron­tiert – kön­nen gemein­sam bes­ser ver­ar­bei­tet wer­den.

Der offe­ne Gesprächs­kreis für Trau­ern­de nach einem Sui­zid wird ab dem 3. Okto­ber 2019 jeden ers­ten Mitt­woch im Monat (aus­ge­nom­men August) von 15 bis 16.30 Uhr im Pfarr­saal unter der Pfarr­kir­che St. Kon­rad Pas­sau-Hack­lberg ange­bo­ten. Die Teil­nah­me ist kos­ten­los, eine Anmel­dung ist nicht erforderlich. 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es direkt bei den bei­den Trau­er­be­glei­te­rin­nen Ulri­ke König (Tele­fon 08501/914422 oder E-Mail koenig-​ulrike@​gmx.​de) und Bir­git Czip­pek (Tele­fon 0851/9520302 oder E-Mail Birgit.​Czippek@​t-​online.​de).

Foto und Text: Mare­en Maier

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Info:

Am 24. Sep­tem­ber 2019 beginnt zudem eine neue fes­te Trau­er­grup­pe des KDFB, die sich an ins­ge­samt acht Aben­den immer diens­tags von 17 bis 19 Uhr im KDFB-Büro am Lud­wigs­platz 4 in Pas­sau trifft. Die Teil­nah­me­ge­bühr beträgt 50 Euro, eine Anmel­dung ist unter Tele­fon 0851/36361 nötig.