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Weltkirche

Dem Hunger entflohen

Wolfgang-Christian Bayer am 27.02.2019

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Tausende Venezolaner suchen Zuflucht im Nachbarland Kolumbien. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, ein Projektpartner des Kindermissionswerks ‚Die Sternsinger’, bietet den oftmals traumatisierten und unterernährten Menschen Hilfe an.

Hoch, immer höher lässt Isma­el die Schau­kel flie­gen. Es ist fast Mit­tag, die Son­ne brennt vom Him­mel, doch das stört ihn wenig. Nur sel­ten hat der Elf­jäh­ri­ge Gele­gen­heit, auf einem Spiel­platz zu sein. In sei­nem Wohn­vier­tel gibt es kei­nen. Weh­mü­tig denkt er an die end­lo­se Wei­te der Tief­lands­tep­pe von Bari­nas in Vene­zue­la. Dort war sei­ne Hei­mat – bis vor einem hal­ben Jahr. Seit­her lebt Isma­el mit sei­nen Eltern und fünf Geschwis­tern in Kolum­bi­en, in Cúcu­ta, einer Grenz­stadt am Fuße der Anden. Manch­mal las­sen ihn die ande­ren Kin­der spü­ren, dass er nicht von hier ist. Aus­län­der“, sagen sie dann, und lachen über sei­nen Akzent. Aber den­noch ist Vie­les in Kolum­bi­en bes­ser als in Isma­els kri­sen­ge­schüt­tel­ter Heimat.

Wir hat­ten in Vene­zue­la weni­ger Schul­fä­cher, und es gab auch kei­ne Noten, weil die Regie­rung ver­bo­ten hat, dass jemand sit­zen­bleibt. Dar­um haben nur die Stre­ber gelernt“, erzählt Isma­el. Er war kein Stre­ber. Er spiel­te ger­ne Fuß­ball, half sei­nen Eltern am Markt­stand, sang Sal­sa und Reg­gae­ton. Schu­le war nicht so wich­tig und wur­de es immer weni­ger. Die Leh­rer kamen immer sel­te­ner zum Unter­richt, weil sie einen Arzt­ter­min hat­ten, auf eine poli­ti­sche Ver­an­stal­tung muss­ten oder ewig Schlan­ge stan­den, wenn die Regie­rung Lebens­mit­tel­pa­ke­te aus­gab. Es wur­den immer weni­ger Leh­rer, und auch die Schul­spei­sung redu­zier­te sich auf Reis mit Boh­nen. Irgend­wann gab es nichts mehr.

Vene­zue­la, einst ein rei­cher Erd­öl­staat, rutsch­te durch Kor­rup­ti­on, Hyper­in­fla­ti­on und Miss­wirt­schaft der sozia­lis­ti­schen Regie­rung in die Kri­se. Die Impor­te kamen ins Sto­cken, Land­wirt­schaft und Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie gin­gen durch Ent­eig­nung und Preis­kon­trol­len bank­rott. Das Essen wur­de knap­per und teu­rer, die Men­schen hat­ten kein Bar­geld mehr, und Isma­els Eltern muss­ten ihren Obst­stand auf­ge­ben. Zuerst ver­rin­ger­ten wir die Essen­spor­tio­nen, dann haben wir Eltern eine Mahl­zeit über­sprun­gen, aber zuletzt reich­te es für alle nur noch zu einer Mahl­zeit am Tag“, erzählt Mut­ter Maria Sosa. Sie mager­te ab, wog nur noch 47 Kilo­gramm bei einer Grö­ße von 1,63 Metern, und konn­te auch ihre jüngs­te Toch­ter Yan­no­vis kaum mehr stillen.

Ohne Essen ins Bett zu gehen, ist doof, weil du vor lau­ter Hun­ger nicht ein­schla­fen kannst“, erin­nert sich Isma­el. Er und sein älte­rer Bru­der Manu­el (13) beka­men mit, wenn die Mut­ter vor Ver­zweif­lung vor dem lee­ren Kühl­schrank wein­te. Sie gin­gen dann heim­lich bet­teln oder wühl­ten im Müll. Die Mut­ter schick­te die Jungs los, wenn wie­der das Gerücht umging, die Regie­rung tei­le Nah­rungs­mit­tel­pa­ke­te aus. Aber die reich­ten nie für alle, und manch­mal kamen die bei­den nach vie­len Stun­den War­tens mit lee­ren Hän­den nach Hau­se. Auf dem Markt schenk­ten mit­lei­di­ge Händ­ler Isma­el ab und zu ver­welk­tes Gemü­se. Isma­el muss­te es in einer Tasche oder unter sei­nem T‑Shirt ver­ste­cken, sonst hät­ten grö­ße­re Jugend­li­che es ihm abge­nom­men. Eini­ge Male stahl Isma­el Bana­nen von einer Plan­ta­ge. Das brach­te ihm einen Rüf­fel von sei­nem Vater ein, aber geges­sen haben sie die Bana­nen trotz­dem. Dann war die Plan­ta­ge abge­ern­tet, und die jün­ge­ren Geschwis­ter wein­ten so lan­ge, dass die Eltern sag­ten, es rei­che. Am nächs­ten Tag brach­ten sie die sechs Kin­der zu den Groß­el­tern und ver­schwan­den über die Gren­ze nach Kolum­bi­en. Drei Mona­te spä­ter kamen sie zurück und hol­ten die Kin­der nach. 

Das war gera­de noch recht­zei­tig“, sagt Sozi­al­ar­bei­te­rin Fer­nan­da Zam­bra­no vom Jesui­ten-Flücht­lings­dienst in Cúcu­ta, einem Pro­jekt­part­ner des Kin­der­mis­si­ons­werks Die Stern­sin­ger’. Die zwei­jäh­ri­ge Yan­no­vis litt unter hoch­gra­di­ger Anämie. Die Fami­lie leb­te zunächst in einer behelfs­mä­ßi­gen Well­blech­hüt­te, die bei jedem Regen­guss unter Was­ser stand. Sie koch­ten über einem Lager­feu­er, die ein­zi­ge Licht­quel­le waren Ker­zen. Doch für etwas Bes­se­res reich­ten die Ein­nah­men der Eltern nicht, die sich als Stra­ßen­händ­ler durchschlugen. 

Täg­lich über­que­ren tau­sen­de Vene­zo­la­ner die Grenz­brü­cke nach Kolum­bi­en. Vie­le sind auf der Durch­rei­se, ande­re blei­ben und ver­su­chen, sich mit Aus­hilfs­jobs über Was­ser zu hal­ten, wei­te­re essen bei einer kirch­li­chen Armen­spei­sung oder besor­gen Medi­ka­men­te, die es in Vene­zue­la nicht mehr gibt. Die Situa­ti­on für Flücht­lin­ge in Kolum­bi­en ist kri­tisch. Schon jetzt beher­ber­gen wir über eine Mil­li­on Vene­zo­la­ner. Cúcu­ta leb­te frü­her vom Han­del mit Vene­zue­la und lei­det nun auch unter der Wirt­schafts­kri­se im Nach­bar­land“, so Zambrano.

Der Jesui­ten-Flücht­lings­dienst – ein erfah­re­ner Pro­jekt­part­ner des Kin­der­mis­si­ons­werks Die Stern­sin­ger’ in Cúcu­ta, Kolumbien

Der Jesui­ten-Flücht­lings­dienst (JRS), der in mehr als 50 Län­dern mit Ver­trie­be­nen arbei­tet, hat auch in Cúcu­ta ein Not­hil­fe­pro­gramm gestar­tet. Vie­le vene­zo­la­ni­sche Flücht­lin­ge, die über die Grenz­brü­cke nach Kolum­bi­en kom­men, sind krank, trau­ma­ti­siert und unter­ernährt. Sie brau­chen drin­gend Unter­stüt­zung. Die Mit­ar­bei­ter des Jesui­ten-Flücht­lings­diens­tes neh­men sich vor allem der Kin­der, Jugend­li­chen und jun­gen Müt­ter an. Mit ihrem umfas­sen­den Pro­gramm leis­ten sie nicht nur huma­ni­tä­re Hil­fe, son­dern geben den Fami­li­en eine Perspektive. 

So hilft der Jesuiten-Flüchtlingsdienst:

  • Medi­zi­ni­sche Betreuung
  • Ver­tei­lung von Nahrungsmitteln
  • Psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung und recht­li­che Beratung
  • Orga­ni­sa­ti­on von Schulplätzen
  • Über­nah­me von Monatsmieten

Der Jesui­ten-Flücht­lings­dienst half auch Isma­els Fami­lie mit Nah­rungs­mit­teln und Arzt­be­su­chen. Vor allem Yan­no­vis lei­det unter den Spät­fol­gen der früh­kind­li­chen Unter­ernäh­rung und ist häu­fig krank. Immer wie­der kommt die Fami­lie in Zam­bra­nos Büro vor­bei und bit­tet um Unter­stüt­zung. Zuletzt war es eine ver­schlepp­te Ohren­ent­zün­dung. Ein Arzt­be­such und die Medi­ka­men­te kos­ten umge­rech­net bis zu 30 Euro, zu viel Geld für die Fami­lie. Gäbe es den Jesui­ten-Flücht­lings­dienst nicht, wäre die Klei­ne viel­leicht nicht mehr am Leben“, sagt Vater Anto­nio Car­pio. Auch Manu­el, Isma­el und Glei­mar half der Orden. Zuerst woll­te kei­ne Schu­le die Geschwis­ter auf­neh­men. Alles voll, kein Platz für Vene­zo­la­ner“, hieß es. Wir waren ver­zwei­felt, denn wir konn­ten die Kin­der ja nicht auf die Stra­ße zum Arbei­ten mit­neh­men“, sagt Car­pio. Der Jesui­ten-Flücht­lings­dienst erstritt vor Gericht in einem Eil­ver­fah­ren einen Schul­platz für alle drei.

Schwes­ter Glei­mar (8), die in die ers­te Klas­se geht, ist begeis­tert. Schau mal, wie ich schrei­ben kann“, sagt sie stolz und malt Buch­sta­ben in ein Heft, das auf einer Matrat­ze liegt. Tisch und Stüh­le hat die Fami­lie nicht. Doch das Holz­haus, das sie dank einem drei­mo­na­ti­gen Miet­zu­schuss vom Jesui­ten-Flücht­lings­dienst mie­ten konn­te, ist ein klei­ner Luxus im Ver­gleich zur vor­he­ri­gen Unter­kunft. Sie woh­nen mit wei­te­ren Ver­wand­ten zu zwölft in drei Zim­mern. Noch ist alles nicht so ein­fach, aber ich kann wie­der in die Zukunft schau­en“, sagt Mut­ter Maria Sosa. Allei­ne die drei Mahl­zei­ten am Tag, so sim­pel sie sein mögen, sind für sie eine gro­ße Beruhigung.

Auch Isma­el geht wie­der zur Schu­le, fast eine Stun­de Fuß­weg ent­fernt. An die stren­gen Leh­rer muss­te er sich erst gewöh­nen. Aber nach und nach fin­det er Freun­de und Geschmack an den neu­en Her­aus­for­de­run­gen. Beson­ders Mathe­ma­tik macht ihm Spaß. Fuß­ball­spie­ler oder Sän­ger sind zwar immer noch sei­ne Traum­be­ru­fe, aber manch­mal denkt er auch dar­über nach, Arzt zu wer­den. Men­schen zu hei­len, so wie hier der Arzt Yan­no­vis wie­der gesund gemacht hat, ist ein tol­ler Beruf.“


Quel­le: Die Stern­sin­ger” (Text: San­dra Weiss)